Räuber fördern bei Buntbarschen Ausbildung von komplexem Sozialverhalten

2. April 2016, 09:15
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Druck durch Raubfische beeinflusst nicht nur Gruppenbildung

Bern/Wien – Arbeitsteilung ist nicht nur bei Menschen oder Ameisen alltäglich, auch Buntbarsche arrangieren sich offenbar bei der Verteilung der unterschiedlicher Aufgaben: Kleinere Exemplare graben etwa eine Bruthöhle und Verstecke, die größeren Exemplare verteidigen die Gruppe. Für die Evolution eines solchen komplexen Sozialverhaltens ist der Druck durch Räuber und Konkurrenten verantwortlich, berichtet der Österreicher Michael Taborsky von der Universität Bern mit Kollegen im Fachjournal "Pnas".

Die Forscher haben am Südende des Tanganjikasee in der Republik Sambia bei acht Gruppen von Buntbarschen der Spezies Neolamprologus pulcher – sie sind auch als "Prinzessin vom Tanganjikasee" bekannt – die Gruppenstrukturen und soziale Rollenverteilung studiert und gleichzeitig beobachtet, wie sehr diese Gruppen jeweils von anderen Fischen gepiesackt werden.

Bei dieser Art verlassen die Jungfische oft nicht ihr heimatliches Territorium, sondern verdingen sich als Bruthelfer für ein dominantes Pärchen, das sich als einziges fortpflanzt. Sie ziehen auch dessen Junge auf, graben schützende Verstecke und Bruthöhlen, und verteidigen die Gruppe, die bis etwa 30 Individuen zählen kann. Derartiges Sozialverhalten wird bei vielen Arten damit erklärt, dass die Tiere die Weitergabe von Teilen ihres eigenen Erbguts fördern, weil die dominanten Individuen ihre Geschwister oder Eltern sind.

Chance, zum Anführer aufzusteigen

"Im Gegensatz zu Ameisen und anderen 'kooperativen Brütern' spielen Verwandtschaftsverhältnisse bei den Buntbarschen aber kaum eine Rolle", sagte Taborsky, der am Institut für Ökologie und Evolution der Uni Bern forscht. Einerseits würden eine hohe Sterblichkeit etwa wegen Raubfeinden oft den Wechsel des dominanten Paares mit sich bringen, andererseits könnten auch die Helfer die Gruppe wechseln, etwa weil sie anderswo weniger Arbeit leisten müssen oder eher die Chance sehen, einmal zum Anführer aufzusteigen.

Damit die Helfer in der Gruppe bleiben dürfen, müssen sie Arbeit leisten, die die dominanten Fische von ihnen abverlangen. "Das läuft über ständige Aggression gegen sie, wenn die Helfer nicht ordentlich spuren, sich also faul verhalten", so der Forscher. Doch im Angesicht der Konkurrenten und Räuber bleibt ihnen keine andere Wahl: "Wenn solch ein Buntbarsch nicht Mitglied in einer Gruppe ist, hat er praktisch überhaupt keine Überlebenschance", erklärte er.

Kleine Helfer als erste Opfer

Je nachdem, wie hoch der Raubdruck ist und wie das Wohngebiet (Habitat) aussieht, unterscheiden sich die Gruppenstruktur und das Sozialgefüge der Fische, fanden die Forscher heraus. "Die kleinen Helfer spezialisieren sich zum Beispiel auf das Graben von Verstecken und den Bau der Bruthöhle", sagte Taborsky. Je mehr solche Arbeit es gibt, und umso weniger Räuber in der Gegend sind, umso mehr kleine Fische gibt es in einer Gruppe. Bei großem Raubdruck sind sie jedoch offensichtlich die ersten Opfer und viele werden gefressen, wodurch ihre Zahl stark abnimmt.

Umgekehrt verhält es sich bei den großen Fischen einer Gruppe: Umso mehr Räuber und Konkurrenten in der Gegend sind, umso mehr davon bleiben bei dem dominanten Brutpaar. Denn bei solchen Verhältnissen haben sie sehr geringe Chancen zu überleben, wenn sie die Gruppe verlassen, um ein eigenes Territorium und Helfer zu finden. In der Gruppe übernehmen sie vor allem die Aufgabe, das Brutpaar und die kleinen Fische gegen Eindringlinge zu verteidigen.

Räuber geben den Ausschlag

"Mit dieser Arbeit konnten wir erstmals zeigen, dass man mit dem Raubdruck die Variation im Sozialsystem am besten erklären kann", so Taborsky. Bisher habe man ihn schon als wichtigen Auslöser für die Gruppenbildung an sich gesehen, denn die einzelnen Mitglieder profitieren davon, dass sie in der Menge nicht so leicht zum Opfer werden und sich gemeinsam verteidigen können. Mit der Komplexität sozialer Strukturen habe man den Druck durch Räuber auf eine Tierart jedoch bisher noch nicht in Verbindung gebracht, wodurch seine Rolle in der sozialen Evolution für den Übergang von einfachen zu höheren Sozialstrukturen stark unterschätzt worden sei. (APA, red, 2.4.2016)

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