Pakistan: "Koranschulen sind weiter ein großes Problem"

Interview29. März 2016, 15:58
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Militante könnten dazu übergehen, nicht nur den Staat, sondern die gesamte Gesellschaft anzugreifen, sagt Politologe Christian Wagner

Der blutige Anschlag auf einen Kinderspielplatz in Lahore hat den pakistanischen Terror wieder in den Mittelpunkt der Nachrichten gebracht. Politologe Christian Wagner von der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik befürchtet, dass der Anschlag darauf hindeutet, dass Terrorgruppen den Schauplatz der Auseinandersetzung ausdehnen und in den bevölkerungsreichsten Teil Pakistans, die Provinz Punjab, tragen wollen. Pakistan leide unter einem permanenten Spannungszustand zwischen Moderaten und Fundamentalisten, die große Mehrheit der Bevölkerung sei aber moderat. Ein Problem seien weiterhin die vielen Koranschulen, von denen einige auch militantes Gedankengut verbreiten würden. Sorgen macht er sich auch wegen der zunehmenden Missstimmung zwischen Militär und Regierung.

STANDARD: Pakistan gilt als Terrorexportland Nummer eins. In den vergangenen zwei Jahren wurde im Rahmen einer neuen Strategie viel Terrorinfrastruktur bei Militäroperationen zerstört. Jetzt folgte der Anschlag am Wochenende mitten in Lahore. Formieren sich die Extremisten neu?

Wagner: Es zeigt sich, dass die Armee in den letzten Monaten zwar einige Erfolge erzielt hat, der Kampf gegen den Terrorismus aber noch lange nicht beendet ist. Bislang hat sich Pakistan in seiner Antiterrorpolitik vor allem auf die pakistanischen Taliban konzentriert. Mit diesem Anschlag zeigt sich, dass es ein viel breiteres Netzwerk an terroristischen Gruppen in Pakistan gibt, die auch immer wieder gegen die religiösen Minderheiten vorgehen. Der Anschlag in Lahore war eine traurige Bestätigung dieser Erkenntnis.

STANDARD: Jamaat ul-Ahrar, die sich zu dem Anschlag bekannte, ist eine der aktivsten islamistischen Gruppen Pakistans mit wechselnden Allianzen. Wo ist sie aktuell einzuordnen?

Wagner: Die Gruppe zählt zu den pakistanischen Taliban und hat kurz mit dem "Islamischen Staat" sympathisiert. Eigentlich ist sie im Grenzgebiet zu Afghanistan aktiv und soll auch von Afghanistan aus operieren. Mit dem aktuellen Anschlag macht sie klar, dass sie auch in anderen Teilen des Landes zuschlagen kann. Damit deutet sich an, dass diese Gruppen den Schauplatz der Auseinandersetzungen ausdehnen und damit in den bevölkerungsreichsten Teil Pakistans, in die Provinz Punjab, tragen.

STANDARD: Was verfolgt die Gruppe damit?

Wagner: Das Bekenntnis war, gegen Christen vorzugehen. Für Außenstehende ist das schwer nachzuvollziehen. Christen sind ohnehin eine diskriminierte Minderheit. Überraschend war, dass im Bekenntnis der Terrorgruppe kein Bezug zur laufenden Militäroperation der Regierung genommen wurde. Viele Anschläge der Taliban in den letzten Monaten wurden als Racheaktionen gegen die Armeeoperationen in pakistanischen Stammesgebieten begründet.

STANDARD: Worauf könnte das hindeuten?

Wagner: Dass die militanten Gruppen verstärkt dazu übergehen wollen, nicht nur den pakistanischen Staat, sondern auch alle Gruppen der Gesellschaft an besonders vielen Stellen anzugreifen. Und das wäre eine neue Herausforderung für das Land.

STANDARD: Ministerpräsident Sharif rief dazu auf, die Differenzen in der Gesellschaft zu begraben. Wie tief sind die religiösen Gräben in der pakistanischen Gesellschaft, die noch vor 30 Jahren als liberal galt, tatsächlich?

Wagner: Es gibt eine starke Auseinandersetzung zwischen den moderaten und den extremistischen Kräften. Auch momentan legen Demonstranten unter anderem das Regierungsviertel in Islamabad mit ihrer Forderung nach der Einführung der Scharia lahm. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass das Land in einer intensiven Auseinandersetzung über die Rolle von Religion steht, die ja die Grundlage für die Gründung Pakistans bildete. In Pakistan gibt es auch starke moderate Kräfte, die versuchen, den Einfluss der religiösen Parteien zurückzuhalten. Und die Bevölkerung selbst zeigt keine Nähe zu religiösen Parteien, die bei Wahlen nur etwa drei bis sechs Prozent der Stimmen erhalten.

STANDARD: Die Zahl der islamistischen Anschläge ging in den vergangenen Jahren massiv zurück.

Wagner: Im letzten Jahr gab es ungefähr 50 Prozent weniger Anschläge als in den vorangegangenen Jahren. Ein großes Problem sind aber weiterhin die vielen Koranschulen, von denen einige auch militantes Gedankengut verbreiten. Viele sind nicht registriert, es ist nicht klar, wie viel finanzielle Unterstützung sie aus dem Ausland erhalten.

STANDARD: Wie reagiert man nun nach dem Anschlag in Lahore?

Wagner: Pakistans Armee kündigte umgehend eine Offensive gegen die Taliban in der Punjab-Provinz an, deren Hauptstadt Lahore ist. Interessant ist, dass es offensichtlich ein Misstrauen zwischen Armee und Regierung gibt. Ministerpräsident Sharif hat beispielsweise in seiner Rede an die Nation keinen Bezug auf die Ankündigung der Armee genommen. Die Armee hat aber wiederum abgelehnt, gemeinsam mit der lokalen Polizei vorzugehen. Die Provinz Punjab wird vom Bruder des Premierministers geleitet. Seit vielen Jahren schafft es die regionale Regierung nicht, gegen die militanten Netzwerke in der Provinz vorzugehen. (Manuela Honsig-Erlenburg, 29.3.2016)

foto: swp
Christian Wagner gehört zur Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin und ist dort unter anderem Experte für Pakistan.
  • Nach der Hinrichtung des Mörders eines liberalen Gouverneurs, der die strengen Blasphemiegesetze kritisiert hatte, kam es in Pakistan zu gewaltsamen Demonstrationen. In Pakistan leben rund 80 Prozent Sunniten und 15 Prozent Schiiten. Zwei Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 1,5 Prozent Christen und Ahmadis.
    foto: afp/arif ali

    Nach der Hinrichtung des Mörders eines liberalen Gouverneurs, der die strengen Blasphemiegesetze kritisiert hatte, kam es in Pakistan zu gewaltsamen Demonstrationen. In Pakistan leben rund 80 Prozent Sunniten und 15 Prozent Schiiten. Zwei Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 1,5 Prozent Christen und Ahmadis.

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