Prozess um Alkounfall: Der Vorbestrafte, der Spaß haben wollte

29. März 2016, 12:51
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Ein 18-Jähriger soll eine Kellnerin bedroht und betrunken einen schweren Unfall verursacht haben. Er bekommt ein recht mildes Urteil

Wien – "Ich bring dich um, ich bin aus Algerien, ich bring dich um", soll einer der wenigen Sätze auf Deutsch sein, die Ayoup M. artikulieren kann. Gehört hat ihn die Kellnerin einer Bar, in der der 18-Jährige sie mit einem Klappmesser bedroht haben soll. Eines der Delikte, wegen derer sich der Teenager vor Richter Norbert Gerstberger verantworten muss.

Vor zwei Jahren kam der junge Mann nach Österreich, suchte um Asyl an, wartet noch immer auf seinen ersten Bescheid. Gemeldet ist er in Wien nicht, er wohnt bei Freunden. Im vergangenen Jahr brachte er es auf zwei Vorstrafen: Für Handtaschenraub, Pkw-Einbruch und Hehlerei wurde er rechtskräftig verurteilt.

Spezialpräventiv scheint das nur bedingt gewirkt zu haben. Eine Woche vor Weihnachten bedrohte er die Kellnerin, da die ihm keinen Alkohol geben wollte. Die Zeugin schildert den Vorfall detailreich, der Angeklagte zweifelt ihre Darstellung trotz mehrerer Zeugenaussagen an.

Entschuldigung nur an Richter

"Eigentlich könnten Sie sich jetzt entschuldigen, anstatt blöd herumzureden", lässt Gerstberger übersetzen. M. macht das – gegenüber dem Richter. "Das sollen Sie nicht mir sagen, sondern der Zeugin", empfiehlt der Angesprochene. Der Angeklagte schweigt.

Seit seinem 14. Lebensjahr sei er Alkoholiker, sagte er der Gutachterin, bei allen angeklagten Taten war er mittel bis schwer alkoholisiert. So auch in der Nacht vom 9. zum 10. Jänner. Ein Freund sei gekommen und habe gesagt: "Ich habe jetzt ein Auto", schildert der Angeklagte. Dass der Ford Transit nicht legal in Besitz des Bekannten gekommen sein konnte, sei ihm klar gewesen, gesteht M. ein.

Was ihn nicht daran hinderte, sich mit mindestens 1,4 Promille für eine Spritztour hinter das Lenkrad zu setzen. "Ich hatte in Algerien einen Führerschein und bin lange nicht mehr gefahren. Wir wollten ein bisschen Spaß haben." Der abrupt endete, als er an einer Kreuzung mit überhöhter Geschwindigkeit eine rote Ampel überfuhr und frontal in die Fahrerseite eines anderen Wagens knallte.

Unfallopfer in Lebensgefahr

In diesem saß Roland M., ein Krankenpfleger, der in der Nacht gerade auf dem Heimweg war. "Ich habe von links noch einen Schatten gesehen, es hat gekracht, ab dann weiß ich nichts mehr", sagt der auf einer Krücke in den Saal humpelnde Zeuge aus. Er schwebte nach der Kollision in Lebensgefahr, befindet sich derzeit auf Reha.

In diesem Fall rät Verteidiger Anton Becker seinem Mandanten, sich bei dem Opfer zu entschuldigen. "Ja", lautet die Antwort, in Richtung des Schwerverletzten blickt M. nicht.

Die grob fahrlässige schwere Körperverletzung ist das schwerwiegendste Delikt und mit bis zu zwei Jahren Haft bedroht. Nach einer Viertelstunde verkündet Gerstberger sein Urteil. Das relativ mild ausfällt: M. muss zwar zwölf Monate unbedingt ins Gefängnis, ein weiteres Jahr an offener Vorstrafe wird aber nicht widerrufen. "Das wäre zu viel an Reaktion gewesen", begründet der Richter seine rechtskräftige Entscheidung. (Michael Möseneder, 29.3.2016)

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