Wie Social Media psychische Störungen triggern

8. Mai 2016, 10:00
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Soziale Medien sind Vehikel zur Selbstinszenierung – nicht selten befördert dieser Exhibitionismus Essstörungen

Es ist fünf Uhr morgens. Während die meisten Menschen noch schlafen, stemmen andere schon Gewichte im Fitnesscenter oder spulen Kilometer beim Laufen ab. Das Ergebnis dieser harten Arbeit ist ein durchtrainierter Körper – und Ziel ist es, ihn auf Plattformen wie Instagram zu präsentieren: als Selfie vor dem Spiegel zum Beispiel, in bestem Licht, die Muskeln optisch optimal angespannt. Wenn diese Körper gefallen, dann bringt es das Publikum mit dem Klick auf einen Button zum Ausdruck. Das ist gängige Praxis in sozialen Medien.

Grundsätzlich sind sich Experten einig: Gesunde Ernährung und Fitness durch regelmäßige Bewegung sind wichtig. Nur: Viele Fotos, die online als vermeintlich spontane Schnappschüsse gepostet werden, sind genau das eben ganz und gar nicht. Es sind Resultate stundenlangen, mühevollen Posierens – plus Nachbearbeitung in Photoshop.

Die Wiener Gesundheitspsychologin Michaela Langer findet das problematisch: Der Mensch sei zwar auch früher schon mit retouchierten Bildern konfrontiert gewesen: "Aber die Intensität hat sich in den letzten Jahren erhöht." Denn nun seien es nicht mehr nur Stars, die perfekt aussehen, sondern auch die Menschen von nebenan.

Finte durch Photoshop

Besonders die junge Generation würde sich selbst auf Bildern immer öfter digital bearbeiten, kritisiert Langer: Mit dem richtigen Filter wirkt die vom Winter blasse Haut plötzlich wie von der Sonne geküsst, dank simpler Bildbearbeitungsprogramme kann die Taille mit einigen Mausklicks schmaler, die Lippen voller gemacht werden. Was herauskommt: ein verhängnisvoller Irrtum.

Die Gefahr: Wer die Fotos sieht, vergleicht sich mit den Abgebildeten, erklärt Langer. Ist man ständig mit Fotos von makellosen Menschen konfrontiert, senkt das den Selbstwert. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper nimmt zu. Besonders anfällig sind junge Menschen, die ob der natürlichen Veränderungen ihres pubertierenden Körpers ohnehin verunsichert sind. "Der ständige Vergleich kann Essstörungen begünstigen", warnt Langer.

Die Idee, den Körper auch im echten Leben so wie mit Photoshop zu verändern, ist weit verbreitet. Studien belegen, dass junge Menschen zwar durchaus Sport machen – aber anders als früher: "Oft wird Sport nicht aus Freude – etwa am gemeinsamen Fußballspiel mit Freunden – gemacht, sondern um den Körper zu formen", sagt Langer. Dabei spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle.

Schimäre von Clean Eating

Unter dem Schlagwort "Clean Eating" wurden auf Instagram letztes Jahr fast 21 Millionen Fotos gepostet – zum Beispiel ein Schälchen Brokkoli oder ein karger Teller mit hartgekochten Eiern und ein paar Brombeeren. Beim Durchschauen der Fotos wird klar: Eine Definition, worum es sich bei "Clean Eating" handelt, fehlt. Grundsätzlich wird darunter der Verzehr von unverarbeiteten, frisch zubereiteten Lebensmitteln verstanden.

Das kann sich zur Obsession entwickeln – zu einer Orthorexia nervosa zum Beispiel. Betroffene sind krankhaft auf gesundes Essen fixiert. Ob es sich dabei tatsächlich um ein eigenes Krankheitsbild handelt, ist zwar umstritten. Im Grunde gehe es aber, ähnlich wie bei Essstörungen wie Magersucht, oft um ein hohes persönliches Kontrollbedürfnis bei geringem Selbstwertgefühl, sagt Ursula Bailer von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien.

Im Unterschied zur Anorexia nervosa gehe es aber nicht hauptsächlich darum, dünn zu sein, sondern eben auch noch gesund: "Es kann das gesamte Leben überschatten", sagt Bailer. Betroffene kasteien sich, mitunter bleiben nur noch einige wenige, "cleane" Lebensmittel übrig, die gegessen werden dürfen. Was daran "gesund" ist, sei Definitionssache, sagt Bailer: Betroffene würden oft nicht über ausreichend Wissen verfügen und daher für den Körper wichtige Nahrungsmittel weglassen.

Auch zu exzessiver Sport, säubernde Einläufe und tagelange Fastenkuren gehören zu diesem Ideal. Wenn die selbst auferlegten Regeln nicht eingehalten werden, sind "massive Schuldgefühle" die Folge. An sich ist Orthorexia nervosa ein bekanntes Phänomen, sagt Bailer, relativ neu daran sei aber, dass es in sozialen Medien öffentlich werde. Das Publikum quittiert sämtliche Fotos gnadenlos.

Alles andere als die Realität

Die Botschaft, die implizit vermittelt wird, ist klar: "Schlank ist schön, dick ist hässlich", sagt Langer. Letztendlich werde durch Ernährung und Sport immer versucht, einen "schönen" Körper zu bekommen. Dahinter stecke aber ein ganz anderes Bedürfnis: "Freude, Spaß, Gemeinsamkeit, eine Partnerschaft – das alles ist mit dem Begriff 'schön' verknüpft", so die Psychologin. Was in den sozialen Netzwerken fehle, seien Vielfalt und Mittelmaß. Nur tolle Momente und schöne Fotos werden online geteilt. Das schürt Neid. Dabei ist alles nur Fake.

Die Gefahr, einer Illusion zu erliegen, ist groß. Langer selbst schützt sich durch bewusstes Vermeiden: "Ich lese keine Frauen- oder Klatschzeitschriften, lasse Gratiszeitungen liegen, und auf sozialen Netzwerken bin ich auch nicht." Eltern rät sie, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, was Selbstwert ist und was ihn gefährden kann.

Wenn es nämlich darum geht, das perfekt inszenierte Dasein mit täglichem Sporteln und gesundem Essen für die Inszenierung in sozialen Netzwerken zu instrumentalisieren, kommt nicht selten die Lebensfreude zu kurz – und das, obwohl es auf den ersten Blick nicht danach aussieht.

Martyrium Sixpack

"Es werden ja nur die Erfolgsstorys vermittelt", sagt Bailer. Verbreitet sind Vorher-Nachher-Inszenierungen in Unterwäsche. Vorher: ein Bäuchlein. Nachher: ein Sixpack. Belohnt wird das in den einschlägigen Internetplattformen mit "Likes", die Währung, die den Selbstwert aufpolieren soll. "Welches Martyrium aber teilweise dahintersteckt, wird nicht vermittelt – und wie viel verschwendete Energie", warnt Bailer.

Denn die Gefahr, dass es zu viel wird, ist immer präsent. Die australische Modebloggerin Essena O'Neill hat sich selbst und die meisten ihrer Fotos im Vorjahr publikumswirksam von Instagram und Co gelöscht.

Einige ihrer perfekt inszenierten Bilder hat sie jedoch online gelassen, sie für ihre knapp 200.000 Follower allerdings mit neuen Bildtexten versehen: "Das ist nicht das reale Leben. Ich posierte hunderte Male, um meinen Bauch so perfekt wie möglich aussehen zu lassen", verrät sie die wahre Entstehungsgeschichte eines Fotos, das sie im Bikini zeigt. "Ich hatte an dem Tag kaum gegessen und schrie meine Schwester an, bis sie ein Bild geschossen hatte, auf dem ich einigermaßen gut aussah." (Cure, Franziska Zoidl, 8.5.2016)

  • Soziale Medien fördern narzisstische Tendenzen: Fotos werden gepostet, um andere neidisch zu machen.
    foto: katsey

    Soziale Medien fördern narzisstische Tendenzen: Fotos werden gepostet, um andere neidisch zu machen.

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