Ärztealltag in Uniklinik: 19 Stunden nonstop

12. April 2016, 06:00
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Shahrokh Shariat, Leiter der Urologie an der Med-Uni Wien, hat keine freie Minute. Protokoll eines Arbeitstags im Stundentakt

5.30 Der Wecker klingelt, nach dem Aufstehen praktiziere ich eine halbe Stunde Yoga, für mich die beste körperliche und geistige Vorbereitung auf den Tag. Bei Müsli und Kaffee lese ich News und E-Mails auf meinem Handy.

7.00 Mein Tag im Spital beginnt. Ich nutze die halbe Stunde vor der Morgenbesprechung, um Patienten zu besuchen, denn dann ist mein Tag im Minutentakt verplant. Menschen Hoffnung geben, Wissenschaft vorantreiben, das System optimieren: Mein Mantra ist, das Versprechen der Medizin, zu heilen, täglich zu erfüllen.

7.30 Die tägliche Morgenbesprechung ist das wichtigste Meeting des Tages. Ich trage die Verantwortung für zwei urologische Stationen (je 28 Betten), fünf Kinderbetten, drei Operationssäle und eine Ambulanz mit sechs Spezialambulanzen. Oft sind wir überbelegt, weil wir als Uni-Klinik auch Anlaufstelle für schwierige Fälle aus der Umgebung sind. Die Tagesplanung ist entscheidend. Wurden in der Nacht Akutpatienten aufgenommen? Wer hat Schmerzen? Mehr als zehn Neuaufnahmen am Tag sind normal. Wir haben ein hoch engagiertes Team, sind aber nur 22 Ärzte. Urlaube oder Krankenstände bei den knappen personellen Ressourcen machen den Dienstplan oft zu einem Balanceakt. Dabei hat die Patientensicherheit immer Priorität. In Ausnahmefällen müssen Chemotherapien oder Operationen verschoben werden. Einmal pro Woche findet in der Morgenbesprechung eine wissenschaftliche Weiterbildung für das Team statt.

7.50 Ohne die sorgfältige Terminverwaltung meiner Assistentin wäre ein Tag nicht machbar. Ich habe 30 Minuten um Administratives zu klären. Vor der Bürotür warten oft all jene, die mich dringend sprechen müssen – Kollegen, Gastärzte, Angehörige von Patienten. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für jeden Einzelnen von ihnen.

8.20 Der OP ist der einzige Ort, an dem ich in Ruhe und ohne Multitasking arbeite. Das Team wartet. Operationen dauern zwischen zwei und sieben Stunden. Operieren ist meine Leidenschaft. Drei Dinge sind wichtig: optimale Chirurgie. Die umsichtige Leitung des OP-Teams. Die Ausbildung der jungen Ärzte. Für das, was im und außerhalb des OPs passiert, trage ich die Letztverantwortung. Nicht immer ist alles vorhersehbar. Oft brauchen wir für Operationen mehr Zeit, als veranschlagt: Der Körper ist eben kein Auto.

12.00 Sind kleinere OPs am Programm, nutze ich die Pausen dazwischen für Besprechungen, etwa im Rektorat, mit Mitarbeitern oder externen Partnern. Vernetzung ist heute ein Erfolgsfaktor. Auf all meinen Wegen durchs AKH erledige ich Mails und anstehende Telefonate. Keine Minute verstreicht ungenützt.

15.00 Bei der täglichen Nachmittagsbesprechung findet die Übergabe an die Mannschaft des Nachtdienstes statt. Täglich kommen zirka 120 bis 150 Patienten in unsere Ambulanzen. Wir diskutieren all jene, die geplant oder ungeplant neu und/oder kritisch sind. Die Unvorhersehbarkeit ist im Klinikmanagement die allergrößte Herausforderung. Entscheidend für die Qualität der Behandlung ist, dass wir alle am neuesten wissenschaftlichen Stand sind. Einmal pro Woche gibt es eine "Didactic lecture", eine interne Fortbildung. Es geht aber auch darum, weiter zu denken. Einmal im Monat findet der "Journal Club" statt, in dem wir die neuesten Studien aus den wissenschaftlichen Fachmagazinen diskutieren.

15.30 Theoretisch Dienstschluss. Für alle, die wissenschaftlich arbeiten, nicht. Jetzt starten Projektbesprechungen, werden Papers besprochen, Daten evaluiert. Im Rahmen klinischer Studien kommen Pharmafirmen oder Hersteller technischer Operationsgeräte zum Erfahrungsaustausch. Als Universitätsklinik ist es unsere Aufgabe, unseren Patienten die neuesten diagnostischen Methoden, Medikamente und Operationsmethoden anbieten zu können. Dies ist zum Teil nur innerhalb von klinischen Studien möglich, deren Durchführung nur mit hohem personellen und finanziellen Aufwand machbar ist. Wir sind Opinion Leader und müssen bei Innovationen dabei sein. Auch das Einwerben von Drittmitteln aus der Privatwirtschaft ist ein wichtiger Teil meines Jobs. Die finanziellen Ressourcen der Hochschule reichen leider nicht aus.

17.00 Nachmittagsvisite auf der Station. Wenn ich es aus terminlichen Gründen nicht schaffe, schaue ich vor dem Nachhausegehen vorbei.

18.00 Ordination, ein- bis zweimal pro Woche. Mein Interesse am Menschen war die treibende Kraft für mich, Medizin zu studieren. Ich kann optimal behandeln, wenn ich Patienten in ihrer Gesamtheit kennenlerne. Mein Alltag im Spital lässt mir aber nicht die nötige Zeit für jeden Einzelnen. Meine Ordination bietet mir einen ungestörten Raum. An allen anderen Tagen der Woche widme ich mich meiner wissenschaftlichen Arbeit. Mein internationaler akademischer Ruf – und damit der Ruf der Klinik – hängt von der Qualität der Publikationen und Vorträge ab. Ich habe immer noch Forschungsprojekte in den USA, die ich koordiniere. Meist bin ich bis 21.00 Uhr in der Klinik.

20.00 Zwei- bis dreimal pro Woche habe ich Verabredungen zum Abendessen. Sie sind selten privater Natur. Neben dem intellektuellen Austausch ist Netzwerken heute sehr wichtig.

23.00 Irgendwann um diese Uhrzeit bin ich zu Hause. Unter der Woche gehen sich private Termine selten aus. Vor dem Einschlafen lese ich meist noch wissenschaftliche Papers, erstelle Slides für meine Vorträge. Trotz meines langen Tages bin ich glücklich. Ich habe einen Beruf, der einen Beitrag zu einer besseren Welt leistet. (Karin Pollack, Cure, 12.4.2016)

Shahrokh Shariat leitet die Universitätsklinik für Urologie am Wiener AKH. Der Prostata- und Blasenspezialist hat in Wien studiert, lange in den USA gearbeitet und ist seit 2013 zurück in Wien. Für den STANDARD schreibt er den Blog "Gedanken zur Medizin".

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  • Shahrokh Shariat ist trotz seiner langen Arbeitstage glücklich. Seine wissenschaftliche Arbeit beginnt nach Dienstschluss.
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  • Ressourcenknappheit ist die Wurzel des Übels: Wenn für die Forschung keine Zeit ist, hat das langfristig Folgen für Patienten.
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    Ressourcenknappheit ist die Wurzel des Übels: Wenn für die Forschung keine Zeit ist, hat das langfristig Folgen für Patienten.

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