Gibraltar: Austrittsängste auf dem Affenfelsen

29. März 2016, 06:00
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Das britische Territorium ist mehrheitlich für den Verbleib des Mutterlands in der EU. Auch, weil sich die Einwohner vor alten Gelüsten Spaniens fürchten

Die Unruhe ist in "Kleinengland" an der spanischen Sonnenküste spürbar. Das nahe Referendum über einen EU-Austritt der Briten Ende Juni (Brexit) schürt Zukunftsängste unter den rund 33.000 Einwohnern Gibraltars. Was ein "Adiós" Englands bedeuten würde, wird in der lokalen Presse, auf den Straßen oder in den Pubs aufgeregt diskutiert.

Einzig die Makakenkolonie auf dem Affenfelsen zeigt sich unberührt davon. Ein gutes Omen, besagt doch die Legende: Solange sie den prägnanten Berg bewohnen, würde Gibraltar britisch bleiben.

Androhung eines Grenzzaunes

Das britische Überseegebiet mit seinen nur sieben Quadratkilometern Fläche ist schon lange Zankapfel zwischen Madrid und London. Spanien zeigt sich niemals müde, das im Frieden von Utrecht 1713 verlorengegangene Gebiet für sich zu beanspruchen. Außenminister José Manuel García-Margallo y Marfil (Partido Popular) verschärfte zuletzt den ohnehin harschen Ton, als er mit dem Bau eines Grenzzauns zu Gibraltar drohte – im Brexit-Fall wohlgemerkt.

"Im Austrittsfall würde Madrid die Grenzschließung als Druckmittel nutzen", ist Steven Marin, leitender Mitarbeiter von Fedex, dessen Familie seit Generationen hier lebt, überzeugt. Im Blockadefall würden neben den 10.000 offiziellen Grenzgängern, zumeist aus der spanischen Nachbarstadt La Linea, mindestens noch einmal so viele Spanier, die unangemeldet etwa als Haushaltshilfen oder Pflegepersonal in Gibraltar arbeiten, die Hauptleidtragenden sein. "Zudem ist Gibraltar der Hauptinvestor im gesamten Einzugsgebiet", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD.

Doch all die Drohungen würden die Gibraltareños in ihrer Einheit nur bestärken: "Man kann uns nicht dazu zwingen, Spanier zu werden. Auch wenn ich die Sprache spreche und wie ein Südspanier aussehe", sagt er scherzend.

Wirtschaftliche Vorteile

"In der EU sind wir sicherer", meint auch die pensionierte Lehrerin Natasha Passano beim Einkaufen auf der Main Street: "Es kommt uns zugute, in der Union zu verbleiben." Marin und Passano werden beide für den Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen. "Es würde uns überraschen, wenn es in Gibraltar auch nur eine Stimme für den Austritt geben wird", sagt Marin, der Mitglied in der regierenden sozialistischen Labour-Party ist.

Schließlich müssten die Einwohner auf etliche Privilegien verzichten. Derzeit genießt die Halbinsel einen Sonderstatus in der EU, es gibt keine Mehrwertsteuer. Gibraltar ist Freihandelszone, die hier angesiedelten Unternehmen (18.000 laut Gibraltar, 30.000 laut Madrid) werden durch die Bank mit zehn Prozent besteuert.

Angst um Wohlstand

Gibraltars Wirtschaft lebt gut vom Finanzsektor, dem Tages-, Einkaufs- und Kreuzfahrttourismus sowie dem milliardenschweren Onlineglücksspiel, darunter Anbieter wie Bwin. Aber auch zahlreiche Schifffahrts- und Logistikunternehmen haben sich hier niedergelassen. Die Militärgarnison, die jahrhundertelang wirtschaftliches Rückgrat war, trägt nur noch knapp sieben Prozent zum BIP bei. Dieses liegt bei knapp 63.000 Euro (2014) pro Einwohner und damit weit über jenem Spaniens (22.930 Euro).

Die Angst, abgeschottet zu werden, gibt EU-Befürwortern wie Regierungschef Fabian Raymond Picardo von der Labour-Party Rückenwind: "Wir dürfen nicht in die Vergangenheit zurückkehren", beharrt er, an die einstige Blockade erinnernd. Von 1969 (noch unter Diktator Franco) bis zur Unterzeichnung des EU-Beitrittvertrags Spaniens 1985 war Gibraltar vom Nachbarn gänzlich isoliert: "Grenzen zu schließen ist typisch für Diktatoren", sagte Picardo kürzlich zu "El Mundo". Das Überleben Gibraltars stehe heute zwar nicht auf dem Spiel, sehr wohl aber dessen wirtschaftlicher Wohlstand.

Steuerparadies

Spanien indes empört sich unentwegt, "Gibraltar sei nach wie vor ein Steuerparadies". Mit Briefkastenfirmen und Off-Shore-Unternehmen, die noch dazu lange Jahre fast gänzlich steuerbefreit waren – Stichwort unlauterer Wettbewerb, dem 2010 auf Druck der EU und Londons Maßnahmen entgegengesetzt wurden, die Früchte trugen. Mittlerweile nennen weder EU-Kommission noch OECD Gibraltar in einem Atemzug mit Steueroasen wie den britischen Jungferninseln. (Jan Marot aus Gibraltar, 29.3.2016)

  • Gibraltars menschliche Bewohner befürchten, dass nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU Spanien die Kontrolle über das Gebiet reklamiert. Die Bewohner des berühmten Affenfelsens zeigen sich unberührt davon.
    foto: afp/ jorge gurrero

    Gibraltars menschliche Bewohner befürchten, dass nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU Spanien die Kontrolle über das Gebiet reklamiert. Die Bewohner des berühmten Affenfelsens zeigen sich unberührt davon.

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