Zurück aufs gefährlichere Mittelmeer

28. März 2016, 17:19
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Syrer und Afghanen könnten auf Nordostafrika ausweichen. Dort warten bereits Hunderttausende aus der Subsahara auf die Überfahrt

200.000, schätzten europäische Geheimdienste vor etwa einem Monat. 500.000, gab EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini vor zwei Wochen zu Protokoll. Schließlich nahm Frankreichs Innenminister Jean-Yves Le Drian vergangenen Donnerstag gar die Zahl 800.000 in den Mund. Sie alle sprechen von der Anzahl jener Migranten, die in Libyen auf besseres Wetter warten, um dann die Fahrt übers Mittelmeer nach Europa zu wagen. Bei diesen Zahlen, so gewaltig sie allein schon sind, darf nicht vergessen werden: Die von mehreren Seiten erwartete Verschiebung der Flüchtlingsbewegungen von der nun geschlossenen Balkanroute über Griechenland hin zur zentralen Mittelmeerroute hat noch gar nicht stattgefunden.

Die genannten Zahlen über Libyen können vom UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR oder der Internationalen Organisation für Migration (IOM) nicht bestätigt werden, dafür sei die Lage dort zu unübersichtlich. Fakt sei aber, dass die Ankünfte in Italien seit Wochen wieder ansteigen – wenn auch noch in vergleichsweise bescheidenem Ausmaß (siehe Grafik). Dabei stammen die meisten laut William Spindler aus dem subsaharischen Afrika. Syrer, Iraker und Afghanen, sagt der für Europa zuständige UNHCR-Sprecher zum STANDARD, "sind nicht einmal in den Top Ten."

Noch nicht. Die Erfahrung zeige, so Flavio Di Giacomo von IOM, "schließt man eine Route, öffnet sich automatisch eine andere – und die ist meist gefährlicher". Was auf die zentrale Mittelmeerroute aufgrund des wesentlich längeren Seewegs zutrifft. Natürlich wird auch über andere Alternativen spekuliert – über Bulgarien oder über Albanien -, und legt man sich schon vorab auf eine Route fest, so sei man zuletzt immer wieder überrascht worden.

Vorteile in Nordostafrika

Wirft man aber einen Blick zurück, so hätten viele Syrer, Iraker und Afghanen vor etwa einem Jahr, also vor der Öffnung der Balkanroute, bevorzugt den Weg über Libyen gesucht. Außerdem, so Expertin Tuesday Reitano vom internationalen Netzwerk Global Initiative against Transnational Organized Crime, bestehen in Nordostafrika im Gegensatz zu anderen Routen bereits seit Jahren eingespielte Schlepperstrukturen.

Damit rechnen auch im Mittelmeer aktive Hilfsinitiativen. Sea Watch etwa, ein deutsches Privatprojekt, wird ab Anfang April wieder mit einem Rettungsschiff, der Sea Watch 2 mit zwölfköpfiger Crew, vor Libyen auf und ab fahren. "Wir gehen davon aus, dass erneut viele Syrer, Iraker und Afghanen diese Route nehmen werden", sagt Ruben Neugebauer von Sea Watch, das laut eigener Aussage 2015 etwa 2.000 Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute gerettet hat. Um auf die Verschiebung von Flüchtlingsrouten kurzfristig reagieren zu können, habe man die etwas kleinere Sea Watch 1 in der Hinterhand.

Auf hoher See werden Flüchtlingsboote aber nicht nur auf hilfsbereite Schiffe treffen, sondern auch auf jene, die Schleppern den Kampf angesagt haben. Neben Mission Triton der EU-Grenzschutzagentur Frontex hatte die Europäische Union im Juni 2015 auch Mission Sophia ins Leben gerufen – einen Militäreinsatz, an dem Streitkräfte von 14 Staaten teilnehmen und der die Zerschlagung des Schlepperwesens im Mittelmeer zum Ziel hat. Doch, und da wären wir wieder bei Frankreichs Innenminister Le Drian, der das in schöner Regelmäßigkeit bemängelt: In libyschen Hoheitsgewässern kann nicht eingegriffen werden, weil dazu ein UN-Mandat oder eine Erlaubnis der libyschen Regierung vonnöten wäre. Beides ist derzeit außer Reichweite.

Von der Türkei nach Italien

Vielleicht ist das aber bald auch gar nicht mehr notwendig. "Flüchtlinge könnten auch von Ägypten die Überfahrt wagen. Dort ist es sicherer als in Libyen", sagt Di Giacomo von IOM. "Oder sie versuchen mit größeren Schiffen von der Türkei aus nach Italien zu gelangen."

Von Letzterem berichtete am Wochenende auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Demnach steige die Nachfrage nach neuen Routen kontinuierlich. Das Schleppergeschäft über diesen Weg, so die Zeitung, soll in der ersten Aprilwoche in großem Stil aufgenommen werden. (Kim Son Hoang, 28.3.2016)

  • 28. Jänner 2016: Die italienische Marine rettet insgesamt 290 Flüchtlinge, die mit Schlauchbooten von der libyschen Küste aus Italien erreichen wollten und in Seenot gerieten.
    foto: apa/afp/marina militare/handout

    28. Jänner 2016: Die italienische Marine rettet insgesamt 290 Flüchtlinge, die mit Schlauchbooten von der libyschen Küste aus Italien erreichen wollten und in Seenot gerieten.

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