Verbund-Chef: "Wir retten zu viel, in allen Branchen"

Interview29. März 2016, 05:30
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Wolfgang Anzengruber sieht die Energiebranche am Scheideweg: Wettbewerb oder Förderung total. Österreich-Lösungen will er nicht

STANDARD: Wird der Börsenpreis für Strom je wieder in die Nähe von 50 Euro je Megawattstunde kommen, wie das noch 2011 der Fall war?

Anzengruber: Dass die Strompreise auf etwas über 20 Euro je Megawattstunde fallen würden, hätte ich vor einem Jahr nicht geglaubt. Ich bin aber überzeugt, dass wir um das Jahr 2020 herum eine Änderung sehen werden.

STANDARD: Warum?

Anzengruber: 2022 geht das letzte AKW in Deutschland vom Netz. Zusätzlich kommen viele andere Kraftwerke an ihr Lebensende. Weil derzeit so gut wie nichts dazugebaut wird, verschwinden Kapazitäten vom Markt.

STANDARD: Mit jedem neuen Windrad, jedem zusätzlichen Solarmodul kommt doch Menge hinzu?

Anzengruber: Richtig. Aber es kommt keine gesicherte Leistung. Alles, was gesichert ist, fällt tendenziell raus – Atom-, Kohle-, Gaskraftwerke. Und wir bekommen zusätzlich ein Problem mit der Frequenzhaltung. Denn das geht nur mit rotierenden Massen.

STANDARD: Die Speichertechnologie macht doch große Fortschritte?

Anzengruber: Auf der Technologieseite geschieht einiges, die Volatilität bleibt aber. Die Grundsatzentscheidung ist, ob wir in regulierte Märkte gehen oder doch wieder stärker in den Wettbewerbsmarkt.

STANDARD: Sie sind für Zweiteres?

Anzengruber: Eindeutig. Die Industriegeschichte der vergangenen 100 Jahre hat gezeigt, dass wettbewerbsorientierte Märkte effizienter sind als regulierte. Die machen auch Fehler, korrigieren aber schneller. Sie lassen auch zu, dass etwas stirbt. Wir retten zu viel, in allen Branchen. Wenn man das Ausscheiden zuließe, hätte man wahrscheinlich auch die Finanzkrise leichter bewältigt.

STANDARD: Sie glauben also, dass wir die 50 Euro wieder sehen?

Anzengruber: In Deutschland sind wir nicht weit davon weg. Die Menge Strom, die verbraucht wird, multipliziert mit dem Marktpreis plus Förderungen, das dividiert durch den Stromverbrauch ergibt etwas über 40 Euro. Das ist ja die Diskrepanz, die uns Kunden vorhalten. Die sagen, ihr jammert über den Strompreisverfall, und wir merken nichts. Klar, es sind die Umlagen, die steigen, nicht der Preis für die Energie.

STANDARD: Ihre Kollegen von RWE und Eon wollen mehr Regulierung?

Anzengruber: Die sind durch ihre Bilanzen getrieben. Sie sehen, dass die Werthaltigkeit ihres Portfolios massiv abnimmt, und suchen Möglichkeiten, in ein gesichertes Fahrwasser zu kommen, Förderungen zu erhalten und so das Marktrisiko auszuschalten.

STANDARD: Sie haben auch eine Bilanz, die Sie vor Ihren Aktionären verantworten müssen?

Anzengruber: Wir haben bessere Assets und nicht solche Baustellen wie in Deutschland. Ich beneide die Kollegen nicht, die den Nuklearausstieg zu bewältigen haben, mit der Kohle schwer im Risiko sind und Gaskraftwerke betreiben, die unprofitabel arbeiten. Letzteres kennen wir selbst und wissen, wie mühsam das ist. Die Schieflage im Energiesystem fortschreiben geht nicht mehr. Entweder alles kommt in die Förderung oder alles in den Wettbewerb.

STANDARD: Das Einfachere scheint, alles in die Förderung zu geben?

Anzengruber: Man soll nicht immer den leichteren Weg gehen. Der ist mit Sicherheit der teuerste.

STANDARD: Wer sollte das Heft denn in die Hand nehmen?

Anzengruber: Grundsätzlich soll der Wettbewerb das regeln, Angebot und Nachfrage.

STANDARD: Zuerst muss aber wohl begonnen werden zu deregulieren?

Anzengruber: Es gibt Anzeichen. Nur weiß ich nicht, ob die ausreichen und ob es schnell genug geht. In Deutschland will man 2017 von der klassischen Einspeiseförderung weggehen und Versteigerungen vornehmen. Das ist ein richtiger Schritt. Wir sollten aber auch bei größeren Märkten bleiben, dann tun wir uns leichter mit dem Engpassmanagement. Wenn jedes Land seine eigenen Reservekapazitäten schafft, sind wir wieder genau dort, wo wir vor 15 Jahren schon waren. Damals gab es hohe Überkapazitäten, weil jedes Land versucht hat, seine Reserven selbst darzustellen. Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger.

STANDARD: Ein Appell an die 28 Regierungschefs in der EU?

Anzengruber: Grundsätzlich ja. Natürlich weiß ich, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, die Bugwelle von 28 in die gleiche Richtung zu bewegen und das auch noch schnell. Die Nationalismen müssen zurückgedrängt werden. Wenn man zumindest ein europäisches Fördersystem gemacht hätte, aber selbst das ist gescheitert an den Nationalismen.

STANDARD: Was wäre dann besser?

Anzengruber: Ein einheitliches Quotensystem wäre marktnäher gewesen. Jetzt haben wir eine Situation, wo die ersten Anlagen, die über Einspeisetarife gefördert wurden, aus dem System fallen, und man diskutiert eine Anschlussförderung. Wie lange sollen wir denn noch fördern? Jetzt haben wir es 13 Jahre in Österreich gemacht, 20 in Deutschland. Eine Technologie, die es nicht schafft, in dieser Zeit marktreif zu werden, ist infrage zu stellen.

STANDARD: Der Leidensdruck in der Branche scheint nicht so groß zu sein, sonst würde nicht jedes Unternehmen versuchen, allein weiterzuwursteln?

Anzengruber: Unterschiedlich. Der Leidensdruck ist im Prinzip da, nur wird er nicht wahrgenommen.

STANDARD: Der scheidende Energieregulator Boltz meint, dass von den 140 bis 150 Stromanbietern über kurz oder lang 15 bis 20 übrig bleiben werden. Teilen sie die Ansicht?

Anzengruber: Ein Land wie Österreich mit 8,5 Millionen Einwohnern, einem Stromverbrauch von 70 Terawattstunden und rund 150 Energieunternehmen – da kann man schon den Eindruck haben, dass das etwas viel ist.

STANDARD: Der Verbund war eines der wenigen Unternehmen, die durch Eingliederung der Sondergesellschaften eine In-Haus-Fusion gemacht hat. Als Konsolidierer am Markt wollen sie nicht auftreten?

Anzengruber: Wo es keine Verkäufer gibt, gibt es auch keine Käufer.

STANDARD: Liegt es an den politischen Mehrheiten?

Anzengruber: Ja, schon. Ich bin aber auch nicht der Verfechter von irgendwelchen österreichischen Lösungen. Das wären wieder nur nationale Gebilde. Ich bin auch nicht für Blindzusammenschlüsse. Auf der Erzeugungsebene würde es Sinn machen zusammenzugehen. Bei den Netzen ebenfalls, da gibt es Mehrgleisigkeiten. Nur merkt man den Druck da nicht, weil es ein reguliertes System ist. Im Endkundenmarkt würde ich nichts tun. Da haben wir, glaube ich, kein Problem, wenn es 150 Stromanbieter gibt.

STANDARD: Das Salz in der Suppe?

Anzengruber: Das brauchen wir, sonst bekommen wir das, was wir im Lebensmittelhandel haben, drei, vier Große. Und jetzt jammern wir deswegen.

STANDARD: Sie wollten an die Verbund-Aktionäre ursprünglich 30 Cent je Aktie ausschütten, haben dann auf 35 Cent korrigiert. Hat es dazwischen drängende Anrufe aus dem Ministerium gegeben?

Anzengruber: Überhaupt nicht. Es ist richtig, wir wollten die Dividende nicht so stark erhöhen, nur geringfügig von 29 auf 30 Cent. Wir haben bei der rechtlichen Überprüfung aber feststellen müssen, dass unsere Satzung diesen Schritt angreifbar macht. Nach unserer etwas antiquierten Satzung muss immer der ausgewiesene Bilanzgewinn voll ausgeschüttet werden.

STANDARD: Was macht der Unterschied in Euro aus?

Anzengruber: 17 Millionen. Um das Risiko einer Anfechtung zu vermeiden, haben wir zurückgesteuert auf die Vollausschüttung des ausgewiesenen Bilanzgewinns. (Günther Strobl, 29.3.2016)

Wolfgang Anzengruber (59) ist seit 2009 Vorstandschef der Verbund AG. Gleichzeitig fungiert der ausgebildete Diplomingenieur als Präsident des Interessenverbands Österreichs Energie. Der gebürtige Oberösterreicher ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

  • Über Europas Stromlandschaft sind schwere Gewitter aufgezogen. Alle Strom erzeugenden  Unternehmen suchen nach einer Geschäftsgrundlage, die sie in die Zukunft tragen kann.
    foto: dpa/stratenschulte

    Über Europas Stromlandschaft sind schwere Gewitter aufgezogen. Alle Strom erzeugenden Unternehmen suchen nach einer Geschäftsgrundlage, die sie in die Zukunft tragen kann.

  • Wolfgang Anzengruber, Vorstandvorsitzender von Österreichs größtem Stromproduzenten Verbund.
    foto: reuters/bader

    Wolfgang Anzengruber, Vorstandvorsitzender von Österreichs größtem Stromproduzenten Verbund.

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