Türkisches Team: Wo das Prinzip Chaos regiert

28. März 2016, 14:36
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Die türkische Nationalmannschaft ist nicht schlecht in Form, nur der Plan fehlt halt

Istanbul – Wenn die Partie in Antalya am Gründonnerstag irgendetwas über den Ölstand im Getriebe der türkischen Nationalelf vor dem EM-Aufwärmmatch gegen Österreich etwas sagt, dann das: Kaltstart gibt es nicht, aber wie geschmiert läuft es im Team von Fatih Terim dann doch wieder nicht. Beim 2:1 (Cenk Tosun erzielte beide Tore) gegen Schweden (ohne Zlatan Ibrahimovic) gab es viel Gestochere, wenige starke Spielzüge. Der geneigte Autofahrer weiß aus der Werbung: Je höher der Anteil der Additive beim Öl, desto besser die Qualität.

Trainer Terim tut sich allerdings seit Jahren schwer, eine wirklich schlagkräftige Mannschaft zusammenzubauen. Zwischen Arda Turan, dem Kapitän und Star des Teams, und Volkan Demirel, dem wandelnden Haftkleber im Tor, liegt ein weites Feld der Unbeständigkeit.

Die Verteidigung gilt als problematisch, ein Stürmer von internationalem Format fehlt, und Ex-Nationaltorwart Demirel ist selbst ein Epos – außerordentlich erfolgreich, aber ebenso impulsiv. Terim ersetzte ihn nach dem Eklat beim Kasachstan-Spiel vor zwei Jahren durch den jüngeren, sehr viel verträglicheren Volkan Babacan; Demirel war damals vor Spielbeginn von Galatasaray-Fans ausgebuht worden – er selbst steht bei Fenerbahce im Tor – und entschied dann, dass er keine Lust hat, beim EM-Qualispiel gegen die Kasachen mitzuwirken. Mittlerweile hat sich Demirel beim Trainer entschuldigt, und Terim scheint unschlüssig, so heißt es, ob er den Herrn mit den großen Handschuhen nicht doch wieder ins Tor stellt.

Personalprobleme

Die Terrorwelle in diesen Wochen wirkt zudem auch auf die Psyche der türkischen Fußballer. Beim Match gegen Schweden gab es massive Sicherheitsvorkehrungen, ein Derby in Istanbul vergangene Woche (20. März) wurde nach dem Anschlag auf der Istiklal-Straße annulliert, der Vater von Mittelstürmer Umut Bulut starb bei einem Selbstmordanschlag auf eine Bushaltestelle in Ankara am 13. März.

Bulut ist nicht im Kader für das Freundschaftsspiel in Wien, auch Burak Yilmaz steht für die Stürmerposition nicht zu Verfügung – er war der Torjäger bei den EM-Qualifikationsspielen, hat aber im Februar beim chinesischen Erstligisten Beijing Guoan begonnen. Stattdessen wird wie beim Schwedenspiel Cenk Tosun antreten, der Nummer-Zwei-Stürmer bei Beşiktaş hinter Mario Gomez.

Tosun hat sich in guter Verfassung gezeigt, von Semih Kaya ließ sich das nicht sagen. Der Abwehrspieler bleibt draußen, sein Teamkollege Hakan Balta bei Galatasaray ist nun ebenfalls nicht im Verteidigerblock. Dafür ist hier auf Şener Özbayrakli zu achten. Er trägt die Nummer zwei und gehört erst seit vergangenem Jahr zur Nationalmannschaft.

Zitterpartie

Der Weg der türkischen Elf in die EM war eine Zitterpartie. Am Ende trumpfte Veteran Selçuk Inan bei den Spielen gegen Tschechien und Island auf. Kennzeichnend für die Türken ist, dass sie keine Kennzeichen haben, lautet eine Fußballerweisheit am Bosporus: Man spielt "Chaos-Fußball", läuft viel und enthusiastisch, macht Druck, verlässt sich auf einzelne Akteure, die glänzen und verschwinden. Bei Fenerbahces Desasterspiel gegen Braga am 18. März, wo drei rote Karten an die Türken ausgegeben wurden und der kroatische Schiedsrichter Ivan Bebek einen ewigen Platz im Tempel der Feinde der türkischen Nation fand, zeigte sich dieser Nicht-Stil. Planlos, aber voll dabei.

In der Gruppe D werden die Türken bei der EM absehbar wenig Spaß haben mit Kroatien, dem ersten Gegner am 12. Juni, Spanien und Tschechien. Dienstagabend im Happel-Stadion kündigt sich da eine sehr viel entspanntere Partie an. (Markus Bernath aus Istanbul, 28.3.2016)

  • Das beste EM-Ergebnis der Türkei: Das Erreichen des Halbfinales 2008 in Österreich und der Schweiz.
    foto: apa

    Das beste EM-Ergebnis der Türkei: Das Erreichen des Halbfinales 2008 in Österreich und der Schweiz.

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