Mindestens 72 Tote bei Anschlag auf Christen in Pakistan

28. März 2016, 11:04
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Taliban-Gruppe bekennt sich – Hunderte Verletzte – Christen feierten In Lahore Ostern

Lahore – Ein Taliban-Attentäter hat am Ostersonntag in einem Park der pakistanischen Großstadt Lahore mindestens 72 Menschen mit in den Tod gerissen. Mehr als 230 Menschen wurden verletzt, als der Islamist bei einem Spielplatz seinen Sprengsatz inmitten feiernder Christen zündete, wie die Behörden mitteilten.

Die Taliban-Gruppierung Jamaat-ul-Ahrar bekannte sich zu dem Anschlag und nannte Christen als das Ziel. "Wir haben das Attentat von Lahore begangen, weil Christen unser Ziel sind", sagte Ehsanullah Ehsan, Sprecher der radikalen Taliban-Gruppierung Jamaat-ul-Ahrar, am Montag einer Nachrichtenagentur. Seine Gruppe plane weitere Anschläge, auch gegen Schulen und Universitäten. Die Jamaat-ul-Ahrar hatte sich 2014 von der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) abgespalten, schloss sich ihr später aber wieder an.

Der Attentäter sprengte sich im Gulshan-i-Iqbal-Park "in der Nähe des Kinderspielplatzes in die Luft, wo Kinder schaukelten", sagte Behördenvertreter Muhammad Usman. Demnach wurden 350 Menschen verletzt. Rettungskräfte hatten zuvor von mehr als 300 Verwundeten gesprochen. Der Polizeioffizier Haider Ashraf und die Rettungskräfte gaben die Zahl der Toten am Montag mit 72 an, darunter 35 Kinder.

Täter identifiziert

Der Täter konnte mittlerweile als ein 28-jähriger Mann aus Süd-Punjab identifiziert werden. Nach Medienberichten war er Lehrer an einer Religionsschule. Rekrutiert hatte ihn die pakistanische Taliban-Gruppe Jamaat ul-Ahrar. Zu Journalisten sagte ein Sprecher, dass die Tat sowohl gegen Christen gerichtet gewesen sei als auch gegen die Regierung, die ihre Militäroffensiven gegen die Taliban in den vergangenen 15 Monaten verstärkt hatte.

Die Mehrheit der Toten seien Muslime, sagte Ashraf. "Alle gehen in diesen Park." Auch der 53-jährige Arif Gill, der mit seiner Familie zum Osterfeiertag in dem Park war, sagte, es sei "ein Angriff gegen alle". "Dies ist kein Angriff gegen Christen, alle sind Opfer, es sind viele Muslime unter den Opfern, alle gehen in den Park zum Entspannen", sagte Gill. Bis zu sechs seiner Angehörigen seien verletzt, zwei davon schwer.

Der 35-jährige Javed Ali sagte, die Explosion habe in seinem Wohnhaus gegenüber des Parks die Fensterscheiben zerstört. "Alles wackelte, es gab Schreie und Staub überall." Der Park sei überfüllt gewesen, weil sich dort wegen des Osterfestes viele Christen versammelt hätten. Die Verletzten wurden zunächst mit Rikschas und Autos ins Krankenhaus gebracht, wo sie provisorisch auf Fluren und am Boden versorgt wurden.

Ban Ki-moon fordert mehr Schutz

Die christliche Minderheit macht in Pakistan nur 1,6 Prozent der rund 200 Millionen Einwohner aus. Vor einem Jahr wurden bei zwei Selbstmordanschlägen auf Kirchen in Lahore 17 Menschen getötet. Die Angriffe führten zu Ausschreitungen tausender Christen, die den Behörden vorwarfen, nicht genug für ihren Schutz zu tun. Der jüngste Anschlag dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis der Konfessionen weiter belasten.

Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif verurteilte die Tat und erklärte, er empfinde "Schmerz und Kummer über den traurigen Verlust von unschuldigen Leben". Armeechef Raheel Sharif kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Indiens Regierungschef Narendra Modi rief seinen Kollegen Sharif an, um ihm sein Mitgefühl und seine Unterstützung auszusprechen.

Vatikan verurteilt Gewalt

Der Vatikan verurteilte den Angriff zu Ostern als Ausdruck "fanatischer Gewalt gegen die christliche Minderheit". UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach von einem "entsetzlichen Akt des Terrorismus" und forderte die Regierung in Pakistan auf, auch die religiösen Minderheiten zu schützen. Auch die US-Regierung und das Auswärtige Amt in Berlin verurteilten den Anschlag auf unschuldige Zivilisten.

Dreitägige Trauerzeit

Der Anschlag hat das Leben in der Sieben-Millionen-Stadt gelähmt. Eine dreitägige Trauerzeit wurde angesetzt. Schulen blieben geschlossen, am Montagmorgen gab es kaum Verkehr. Ministerpräsident Sharif besuchte am Morgen Opfer in Kliniken. Er rief dazu auf, die Streitigkeiten in der Gesellschaft zu begraben, um dem Terro rismus mit Stärke entgegenzutreten.

Seitdem im Dezember 2014 pakistanische Taliban in einer von der Armee betriebenen Schule in Peshawar 136 Kinder getötet hatten, hat die Armee ihre Operationen gegen Extremisten massiv erweitert. Dem Terrorismus werde das Rückgrat gebrochen, wiederholen Armeechef und -sprecher. Die Zahl der Anschläge und ihrer Opfer ging 2015 auch stark zurück. Doch allein in den vergangenen zwei Monaten gab es drei große Anschläge.

In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad und der angrenzenden Garnisonsstadt Rawalpindi gab es indes Zusammenstöße zwischen der Polizei und zehntausenden Unterstützern des Islamisten Mumtaz Qadri, der Ende Februar wegen der Ermordung von Punjabs Gouverneur Salman Taseer hingerichtet worden war. Taseer hatte eine Änderung des strengen Blasphemie-Gesetzes gefordert. (APA, Reuters, 27.3.2016)

Hintergrund: Jamaat ul-Ahrar

Die pakistanische Talibangruppe Jamaat ul-Ahrar (JA) ist eine der aktivsten und brutalsten Extremistengruppierungen des Landes. Die sunnitischen Islamisten verüben landesweit Anschläge gegen den Staat, aber auch gegen Nicht-Muslime, etwa Christen. Der Anschlag vom Sonntag auf einen Park voller Familien und Christen, die Ostern feierten, kam fast genau ein Jahr nach einem ähnlichen Angriff 2015.

Damals hatte die Gruppe Selbstmordattentäter in zwei katholische Kirchen in Lahore geschickt. 15 Menschen starben. Auf ihr Konto ging auch der Anschlag an der indisch-pakistanischen Grenze im November 2014. Mehr als 50 Menschen wurden damals getötet.

JA agiert in wechselnden Allianzen. Laut einigen Berichten hat Anführer Omar Khalid Khorazani der Terrormiliz "Islamischer Staat" die Anhängerschaft geschworen. Im September 2014 hatte er sich von der Dachorganisation der pakistanischen Taliban, Tehrik-e Taliban (TTP), getrennt, weil er die Führerschaft des neuen TTP-Anführers Mullah Fazlullah nicht anerkennen wollte. Mittlerweile sind JA und TTP wieder lose verbunden.

Aus Sicherheitskreisen verlautet, die JA-Kommandoebene operiere aus Afghanistan heraus, vor allem aus den Provinzen Kunar und Nuristan. (APA, dpa)

  • Der Freizeitpark nach dem Anschlag.
    foto: reuters/mohsin raza

    Der Freizeitpark nach dem Anschlag.

  • Artikelbild
    grafik: apa
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