Escobar von Penzing

27. März 2016, 11:00
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Es ist eine Herausforderung: Wie schreibe ich einen Text über einen Drogendealer, der mich beeindruckt – ohne Drogen, Drogenhandel und Dealer zu verniedlichen? Vielleicht, indem ich gleich sage, dass er nun hinter den Gittern von Stein sitzt, wo er auch hingehört. Und dass Drogen nicht harmlos sind und Dealer keine Vorbilder sein können.

Auf Florian treffen die üblichen Versatzstücke nicht zu. Obwohl er ohne Vater aufwächst, ist seine Kindheit eine glückliche. Dafür sorgt seine allein erziehende Mutter trotz eines bescheidenden Jobs, eines bescheidenden Einkommens und trotz aller anderen Bescheidenheiten, die verlassene Mütter und ihre Kinder hinnehmen müssen.

Das Kind aus Penzing

Seinen Vater sieht Florian nur selten. Meist kündigt er einen Besuch an und kommt dann doch nicht. Das ist vielleicht die einzige traurige Episode, die das Kind Florian ertragen muss. Als er sechs Jahre alt ist, sagt Florian seiner Mama, er wolle den Papa nicht mehr sehen. Und der Papa verschwindet für immer im Nebel der bösen Erinnerung.

Sicher erhofft Florians Mama ein anderes Leben für ihren Sohn, eines, das sich der Bescheidenheit nicht beugen muss, wie es ihr widerfahren ist. Sie bringt ihm bei, ein höflicher Mensch zu sein, sorgt für eine solide kaufmännische Ausbildung und für einen guten Start ins bürgerliche Leben. Und zunächst läuft alles so, wie Florians Mutter es für ihr Kind wünscht.

Der Party-Tiger

Wenn man 17 ist, glaubt man, die Welt würde auf einen nur warten, um sie zu umarmen, zu küssen und sich von ihr in eine aufregende Zukunft tragen zu lassen. Florian ist ein schöner junger Mann, seine grünen Augen sind die schönsten, die ich je gesehen habe, und er sorgt mit Training dafür, dass sein Körper ihn zum Adonis macht. Die Mädchen umschwirren ihn wie Motten eine Glühbirne, Sex ist für ihn kein steiniger Weg wie für die meisten Kids, sondern eine Autobahn der Lust. Und Partystaub sorgt fürs "pedal to the metal". Doch bald wird das Leben auf dem Highway teuer. Mehr, als Florian verdient. Auftritt von "Mehmet der Chinese".

Mehmet beliefert einige der Tanztempel, die auch Florian besucht. Erst ist er nur einer von vielen Kunden des "Chinesen", doch bald wird er einer seiner "Angestellten". Und noch ein wenig später zum "Mitarbeiter des Jahres". Weil Florian immer von hübschen Mädchen umgeben ist – und vielleicht wegen seiner kaufmännischen Ausbildung –, geht die "Ware" bei ihm weg wie die sprichwörtlich warmen Semmeln. Mehmet beschließt, das junge Talent zum "Partner" zu machen. Wie in einem Hollywood-Film.

Die zweite Lehre

Florian lernt die Grundlagen des "Geschäfts". Fast wie in der Schule ist das Wissen in Fächer aufgeteilt. Chemie: Wie und womit man "streckt" (und womit nicht), wie und wo man die "Ware" lagert. Nachrichtentechnik: Dass man jeden Monat eine neue Handykarte kauft und die neue Nummer an alle Kunden sendet, und wie man am Telefon "g'scheit" redet. Staatsbürgerkunde: Wie man sich im Falle einer Festnahme verhält – und wie nicht ...

Nur eines muss "der Chinese" Florian nicht beibringen: Marketing und Verkauf. Dafür scheint er eine angeborene Begabung zu haben. Ich frage Florian einmal, warum er bei diesem Talent nicht in eine Firma einsteigt und dort legal Karriere macht, zumal man auf diesem Gebiet auch noch gut verdient. Florian ist lakonisch: "Da sind so viele Arschlöcher, dafür langt die Kohle auf gar keinen Fall! Jetzt hab' ich's auch praktisch nur mit Arschlöchern zu tun, aber für die Kohle halt' ich das locker aus!"

Die Entjungferung

Als Florian 20 wird, landet er zum ersten Mal im Gefängnis. Sein Glück besteht darin, dass er nur eine ganze Menge Drogengeld, aber keine Drogen in der Tasche hat, als er verhaftet wird. Das andere Glück besteht darin, dass Florian nicht nur über "Muckies" verfügt, sondern auch solide eine Kampfsportart beherrscht. Das verschont ihn vor "Unannehmlichkeiten" der gefängnistypischen Sorte.

Florian macht seinen Mund nur auf, um zu gestehen, was ihm nachgewiesen werden kann. So wie es ihm "der Chinese" einst beigebracht hat. Die Namen der anderen sind ihm prinzipiell "unbekannt" oder nur als Spitznamen bekannt. Allerdings erfindet Florian diese Spitznamen. Das verlängert zwar seine Haft, aber draußen, im Biotop der lokalen Dealer, ist Florian jetzt ein "Steher". Und er bekommt seinen ersten offiziellen Spitznamen: "Der schöne Flo".

Nach seiner Entlassung frage ich ihn, wie er sich das weitere Leben vorstellt, jetzt, wo er vorbestraft ist. Diesmal ist Florian auf eine sehr skurrile Weise pragmatisch: "Jetzt? Jetzt gibt's zwaa Möglichkeiten – Eins: I gib auf und werd' "Zivilist". Zwei: Ich geh "next level" und steig' so richtig ein!" Die Logik des Draufgängers macht mich stumm, aber Florian liest mir die nächste Frage aus dem Gesicht: "No, wos glaubst, wos i moch?"

Wahlwechsel

Ironischerweise ist es meine Bekanntschaft mit dem "schönen Flo", die mich veranlasst, die Grünen nicht mehr zu wählen. Es geschieht auf einer Party, bei der ich mit einer "Bezirks-Grünen" ins Plaudern komme. Sie berichtet mir, man habe kürzlich im Parteilokal ein Briefing über die Sicherheitslage erhalten.

Der Polizeibeamte habe die Statistik erläutert, die besonders in puncto Drogen erfreulich stagniert. Allerdings gebe es in ihrer Wohngegend in einem Park nordafrikanische Dealer, doch es sei nicht so schlimm, weil es nur wenige seien. Das Schlimme sei mehr der Lärm, wenn sie streiten, und das Schlimme sei, wie sie ihre Frauen behandeln. "Ich versteh' nicht, wieso die so arg zu ihren Frauen sind", sagt die Bezirks-Grüne am Ende. Ihre Bezirks-Unterlinge, die aufmerksam lauschen, nicken betroffen. Zumindest in Penzing, so wird mir in diesem Augenblick klar, machen gelangweilte Hausfrauen und ignorante Nick-Puppen Bezirkspolitik.

Nur wenige Stunden vor dieser Party bin ich zu Gast bei dem "schönen Flo". Er schaufelt gerade mit einer Bäckerkelle Gras aus einem Zehn-Kilo-Sack auf eine Waage. Danach befüllt er Ein-Kilo-Säcke und stapelt sie in den Küchenschrank. Noch zwei große Zehn-Kilo-Säcke warten auf dieselbe Behandlung. Während die Bezirkspolitikerin kulturelle Eigenheiten nordafrikanischer Dealer behirnt, bringen der "schöne Flo" und seine "Mitarbeiter" jede Woche 30 Kilo Gras, 300 bis 400 Gramm Kokain und ebenso viel Partystaub jeder Sorte unter die Leute. Weder zuvor noch danach sehe ich so viele Drogen in einer einzigen Küche. Außer im Film, aber ich bin im Herzen Penzings.

An diesem Abend beschließe ich, künftig die KPÖ zu wählen – falls es sie noch gibt.

Krebs macht arm

Kurz nach meiner Krebsdiagnose bin ich pleite. Meine Welt ist erschüttert, und ich kann nicht eine Zeile schreiben, also Geld verdienen. Als ich nicht mehr weiß, wie ich die Miete bezahlen soll, treffe ich zufällig Florian, der auf dem Weg zu seinem Frisör ist. Ich heuchle nicht, wenn es mir schlechtgeht und jemand mich nach dem Befinden fragt, ich sage, wie es mir geht. Florian greift einfach in seine Hosentasche, holt eine Rolle Geld heraus und drückt sie mir in die Hand. Es ist eine beträchtliche Summe. Er sagt nur: "Stecks ein und moch da keine Sorgen! I brauch's ned wirklich!" Dann holt er noch einen Sack mit Gras heraus und gibt mir eine große Blüte. Mit dem Gras bezahlt er seinen Frisör, aber der kann auf diese eine Blüte verzichten.

Und seine schönen grünen Augen lachen. Ich umarme ihn. (Bogumil Balkansky, 27.3.2016)

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