US-Dienste warnen vor weiteren Anschlägen in Europa

25. März 2016, 18:38
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Nach den Terrorattacken in Brüssel nahm die Polizei zahlreiche Verdächtige fest und hob Wohnungen von Jihadisten aus

Mit welcher Härte Polizei und Militär die Jagd nach Terrorverdächtigen inzwischen führen, wurde der Bevölkerung in Brüssel am Freitag – drei Tage nach dem Doppelanschlag – vor Augen geführt, im wahrsten Sinn des Wortes.

Kurz vor 14.00 Uhr rasten mitten im regen Verkehr von Straßenbahnen, Autos und Fußgängern auf dem großen Platz Meiser in Schaerbeek von allen Seiten Militärfahrzeuge, Polizisten, Zivilfahnder heran. Ihr Ziel war ein Haus in der Nähe, wo eine Razzia durchgeführt wurde. Es gab kurz darauf Schüsse und mehrere Explosionen: gezielt durchgeführte Sprengungen durch Experten.

"Weitgediehener Anschlagsplan"

An einer Straßenbahnhaltestelle auf dem Platz stellten Zivilpolizisten einen Terrorverdächtigen, schossen auf ihn, als er sich Anweisungen widersetzte. Der Mann wurde von einem Sprengstoffroboter untersucht, bevor Polizisten sich ihm näherten und abführten.

Die Polizei bestätigte am Nachmittag, dass die Aktion in Zusammenhang mit einer Razzia der französischen Polizei in der Nacht davor in Argenteuil in Paris stehe. Dabei wurde nach Angaben von Innenminister Bernard Cazeneuve ein bereits "weitgediehener Attentatsplan" zerschlagen. Auch in Paris gab es eine Festnahme.

Offizielle Informationen zur Identität der Verhafteten fehlten. Laut belgischen Medienberichten könnten die Behörden wichtige Mitglieder des Jihadistennetzwerks rund um den am Freitag vor einer Woche verhafteten Salah Abdeslam "neutralisiert" haben: Reda Kriket, der seit 2015 gesucht wird, einen Rekrutierer des IS; und Mohamed Abrini, einen alten Freund Abdeslams. Beide wurden vor den Terroranschlägen in Paris im November von Überwachungskameras an einer Tankstelle gefilmt. Neben diesen Aktionen liefen Tag und Nacht eine Reihe von Polizeirazzien in Brüssel und den Vorstädten: Sieben IS-Verdächtige sind in Haft, alle sind verdächtig, mit den jüngsten Anschlägen in Verbindung zu stehen.

Deutschland im Visier

Konkrete Spuren gibt es nun erstmals auch nach Deutschland: In Düsseldorf und in Hessen wurden zwei Männer festgenommen, die zur Brüsseler Zelle Verbindung haben sollen. Die Behörden befürchten, dass Deutschland als nächstes Land ins Visier der Terroristen gerät. US-Geheimdienste warnen nach einem Bericht von CNN sehr konkret vor Anschlägen "an mehreren europäischen Orten". Der Chef des deutschen Bundeskriminalamts, Holger Münch, bestätigte diese Sorge. Nach den aktuellen militärischen Niederlagen des IS in Syrien und im Irak könnte sich das Netzwerk des Euro-IS zu neuen Attentaten veranlasst sehen, sagte er Bild.

US-Außenminister John Kerry, der Freitag zu einem dreitägigen Besuch in Brüssel eintraf, sicherte den Europäern die volle Unterstützung im Kampf gegen den "Islamischen Staat" bzw. Daesh zu.

Mehr Militärengagement

Die USA haben Experten des FBI in die EU-Hauptstadt entsandt, weil beim Anschlag am Flughafen Zaventem auch Amerikaner gestorben sind. Politisch sicherte Kerry die Kooperation der Dienste zu. Belgien erwägt unterdessen, sein militärisches Engagement gegen den IS in der internationalen Koalition auszuweiten.

An den beiden Anschlagsorten von Dienstag – der Eingangshalle des Flughafens und in der Metrostation Maelbeek – werden die Aufräumarbeiten fortgesetzt. Die Wiederinbetriebnahme wird vermutlich deutlich länger dauern als erhofft. Der Flughafen bleibt zumindest bis Dienstag geschlossen. Ein Grund dafür ist die Spurensicherung der Ermittler. Forensikern ist es bisher nicht gelungen, alle Toten zu identifizieren.

Im belgischen Parlament wurden am Freitag Fehler von Polizei und Regierung bei der Fahndung diskutiert. So soll es Hinweise auf die Adresse Abdeslams seit Dezember gegeben haben, was aber intern verschlampt wurde. (Thomas Mayer aus Brüssel, 25.3.2016)

  • Die Brüsseler Polizei setzte am Freitag bei der Suche nach Sprengstoff im Stadtteil Schaerbeek auch Roboter ein.
    foto: reuters / christian hartmann

    Die Brüsseler Polizei setzte am Freitag bei der Suche nach Sprengstoff im Stadtteil Schaerbeek auch Roboter ein.

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