Literarischer Modetrend anno 2016

Kolumne25. März 2016, 17:00
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Das kleine Ich-bin-ich

Grüß Gott. Kurz vor der Niederschrift dieser Kolumne verspürte ich einen Juckreiz am linken Oberschenkel, vom Knie aufwärts bis in die Hüfte. Er hielt etwa zehn Minuten an und legte sich dann wieder. Zu Mittag habe ich eine Quiche Lorraine verspeist, welche gelinde versalzen war. Der grüne Salat dazu aber: Hut ab! Eins A angemacht! Nach dem Essen fiel mir unwillkürlich ein Sexerlebnis aus meiner Vergangenheit ein, um das Sie mich garantiert beneiden würden. Gamprig Ende nie.

Wie, das interessiert Sie nicht? Ausgesprochen schade. Und auch peinlich. Denn wenn es Sie nicht interessieren sollte, entlarven Sie sich damit umgehend als literarische Nullnummer, als Dichtungsbanause und Poesieprolet. Sollte es Mitte der 2010er einen literarischen Modetrend geben, dann ist es jener der ebenso detaillierten wie "schonungslosen" Selbstauskunft in Büchern weit jenseits der 500-Seiten-Grenze. Und nachdem auf der Welt ja sonst fast nichts los ist, vertieft sich die Leserschaft eben in die Schilderung der Aggressionen, Depressionen, Frustrationen, Beziehungskatastrophen sowie Halb- und Vollräusche, welche den Herren Glavinic, Knausgård und Stuckrad-Barre zu schaffen machen. Fast so bedeutsam wie die autobiografischen Schriften von Augustinus und Montaigne!

Die Vorzüge der endlosen Selbstabschreibung sind evident: Erstens geht einem nie der Stoff aus, zweitens erspart man sich die mühselige Recherchiererei und drittens sind Subjekt und Objekt der Beschreibung immer schnell bei der Hand. Das wahrhaft Erstaunliche an der Das-kleine-Ich-bin-ich-Literatur ist aber nicht, dass sie geschrieben, sondern dass sie gelesen wird, und offenbar nicht zu knapp. Hoffentlich lassen die Hörbücher und Verfilmungen nicht lange auf sich warten!

Angesichts dieser grassierenden Bekenntniswut steht auch der Krisenkolumnist nicht an, noch mehr Einzelheiten aus seinem Leben preiszugeben. Heute Mittag geh ich zum Chinesen essen (Acht Schätze), beim Italiener war ich in letzter Zeit zu oft. Für den späteren Nachmittag ist ein Spaziergang geplant, zuvor werde ich aber noch den Osterschinken beim Fleischhauer bestellen. Hoffentlich spielt beim Spaziergang das Wetter mit. Das war's für heute, später mehr. Wünsche Sie mit diesen brisanten Details meiner Lebensführung einstweilen trefflich unterhalten zu haben. (Christoph Winder, Album, 25.3.2016)

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