Gaucks kritische Rede kursiert nun in Chinas Internet

25. März 2016, 14:53
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Peking spielte den guten Gastgeber für den Bundespräsidenten, ließ aber über dessen heikle Äußerungen nicht berichten

Chinas Abschied vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck verlief superfreundlich – zumindest nach außen. Nach innen dagegen eher unterkühlt. Auf seiner letzten Station in der früheren Kaiserstadt Xian, einst Verkehrsknotenpunkt der historischen Seidenstraße, die Peking als internationale Handelsroute neu beleben lässt, bereitete ihm Parteisekretär Zhao Zhenghong ein prächtiges Bankett. Beim Verlassen seines Residenzhotels stand das gesamte Personal Spalier. Die Frauen trugen traditionelle Qipao-Seidenkleider. Schon auf dem Weg zum Flugplatz, als er noch in der ehrwürdigen Kathedrale von Xian und in der alten Moschee Zwischenstopp einlegte, ging Gauck spontan auf die Menschen vor den Absperrungen zu und badete in der Menge.

Kaum Medienandacht

Tags darauf stand in den Freitagsausgaben der Xianer Lokalzeitungen kein Wort über den Besuch. Nur übergeordnete Provinzzeitungen wie die "Shenxi Ribao" durften über den Empfang Gaucks durch den Parteichef berichten. Es sei um Fragen der Zusammenarbeit bei Ökologie und Kulturtourismus gegangen und wie die Provinz nach Art des Ruhrgebiets sich umstrukturieren kann und ihre Abhängigkeit von der Schwerindustrie überwindet. Andere Provinzzeitungen fassten sich noch kürzer, schrieben, dass Gauck das antike Weltwunder der Terrakotta-Armee und ein Behindertenhilfsprojekt besuchte. Seine Visite beim Bischof der Diözese Xian oder beim Imam der Moschee ließen sie ganz weg.

Die sauerste Nachlese zum politisch heiklen fünftägigen Staatsbesuch kam aus Peking. Weil Gauck immer wieder auch das Verhältnis der Partei zu Recht und Demokratie und ihren Umgang mit den Menschenrechten kritisch hinterfragte, gratulierte ihm am Freitag ironisch das für seine Polemiken bekannte KP-Massenblatt "Global Times". Er hätte "mit Leichtigkeit die Hürden der westlichen Meinungsöffentlichkeit genommen", die ihn unter Druck setzten. Sie unterstellte Gauck, sich angesichts seiner ostdeutschen Biografie den "starken Erwartungen westlicher Medien" gebeugt zu haben. Er hätte so "sein Gesicht nicht verloren", schreibt die "Global Times" in ihrem bereits zweiten Leitartikel zu Gauck.

"Wir beglückwünschen ihn. Wir sind für ihn froh, dass er nach seiner Heimkehr keinen Ärger mit der Öffentlichkeit kriegt." Die Zeitung will offenbar ihren Lesern weismachen, dass Gauck in Wirklichkeit von China sehr beeindruckt ist, die Zusammenarbeit fördern will und voll versteht, wie sehr "China keine DDR ist". Er habe eigentlich "nichts anderes gesagt als vor ihm Angela Merkel oder andere westliche Führer". Selbst in seiner Rede an der Schanghaier Tongji-Universität, wo er über die Zeit in der DDR erzählte, "sprach er China überhaupt nicht an". Und er verhielt sich gegenüber dem Gastgeber "höflich und respektvoll".

Digitale Opposition

Peking wiegelt nach außen hin die Brisanz des auf Chinas legitimations-, rechts- und wertelosen Realsozialismus anspielenden Vortrag Gaucks ab. Doch es sorgte dafür, dass keine chinesische Zeitung außer der ideologisch sattelfesten "Global Times" über die Rede Gaucks berichteten oder gar aus ihr zitieren durfte. Das besorgte stattdessen Chinas digitale Opposition. Eine vollständig ins Chinesische übersetzte Rede kam am Mittwoch via Mikroblog ins öffentlich zugängliche Netz. Bis Freitagabend um 18 Uhr war sie mehr als 45.000 Mal kopiert und verbreitet worden und wurde prompt gelöscht. Auf anderen Webseiten, vor allem den "We Chat"-ähnlichen Weixin-Kurznachrichtenblogs lebte die Rede aber Freitagnacht noch weiter.

Die Zensur versuchte auch alle Debatten abzuwürgen. Blogger verglichen etwa Gaucks Vortrag in Schanghai mit der Reaktion von Kuba auf Barack Obama bei dessen gleichzeitigem Besuch der sozialistischen Insel. "Obamas Rede wurde dort live übertragen, Gaucks Vortrag hier nicht mal erwähnt." Immer wieder wurde auf den auch in China erfolgreichen Film über das DDR-System angespielt: "Das Leben der Anderen". Bissig schrieb einer: "Gauck kommt mit 40 Jahren Systemerfahrungen. Der lässt sich von uns hier nichts mehr vormachen." (Johnny Erling, 25.3.2016)

  • Joachim Gauck in China.
    foto: reuters/lintao zhang/pool

    Joachim Gauck in China.

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