Kunstszene Zagreb: Schlagabtausch mit großen Geistern

25. März 2016, 14:01
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"Der 'Geist' ist die Memorie" heißt die Ausstellung in der Wiener Galerie Janda, die acht Künstler der Kunstszene Zagreb vorstellt

Nicht nur Karl Marx – auch Künstler, Wissenschaftler, Filmemacher und Poeten wie Breton, Cage, Dürer, Freud, Godard, Hegel, Kosuth, Rimbaud oder Wittgenstein tauchen in der Ausstellung Der "Geist" ist die Memorie in der Wiener Galerie Martin Janda namentlich auf. Sie werden in den versammelten Werken der überwiegend kroatischen Künstler zitiert, illustriert, interpretiert, distribuiert, wertgeschätzt, aber auch kritisiert.

Kosuth's Teeth (1980) heißt etwa eine Fotoarbeit von Sven Stilinovic (geb. 1956), mit der er seine Kenntnis des Konzeptkünstlers kundtut, aber auch dessen tautologische Vorgehensweise ironisiert: In Anlehnung an sein Spiel mit Bezeichnetem und Bezeichnendem hat er versucht "Kosuth's Teeth" auf seine Zähne zu schreiben – daraus wurde allerdings "Kousteeth". Die schlampige, rotzige Attitüde tut dem Witz der Arbeit freilich keinen Abbruch.

Zwischen Hommage und Humor changieren auch weitere Werke: etwa die großartige Arbeit Conversation with Freud – The Artist As His Own Complex (1982) von Sven Stilinovic' Bruder Mladen. Die sechsteilige Fotocollage zeigt ihn, wie er sich in verschiedenen Situationen mit Freuds Ich-Instanzen Ich, Es und Über-Ich auseinandersetzt: diskutierend, schlafend, arbeitend – oder beim Sex. Letzteres Beispiel führt zur eindrücklichen und auch unmissverständlich Freud'schen Szene, in der ein Ich zuschaut, während ein anderes ein drittes fickt.

Im Vergleich mit dieser eindeutigen, sehr körperbetonten Collage wirken die Arbeiten des Künstlers Mangelos gleich noch ein bisschen vergeistigter: Auf einem Globus, aber auch auf Formaten, die an Schullehrtafeln erinnern, hat der angeblich ebenso skeptische wie selbstbewusste Künstler Hegels Dialektik "korrigiert" oder auch Über-Wittgenstein'sche Thesen (weiter-)formuliert. Der Ausstellungstitel Der "Geist" ist die Memorie stammt ebenfalls von dem 1987 gestorbenen Künstler, der – neben Julije Knifer (1924- 2004) und Tomislav Gotovac (1937-2010) – die kroatische Nachkriegskunst ganz wesentlich mitgeprägt hat.

Von Knifer, der eigentlich die "Anti-Malerei" proklamierte, ist eine von ihm gestalte Spezial- ausgabe des Hölderlin-Gedichts Der Rhein zu sehen. Und von Gotovac wird eine frühe, Jazzmusikern und Regisseuren gewidmete experimentelle Filmtrilogie (1964) gezeigt. Branka Stipancic, die die Präsentation kuratierte, geht davon aus, dass die Bezugnahme auf die westliche Avantgarde für die Künstler aus mehreren Gründen wichtig war: Zum einen sollten die ausgewählten Referenzen die eigene Belesenheit und Vorstellungskraft bekräftigen; zum anderen wollte man auch das Publikum an diese Werke heranführen.

Vlado Martek, 1951 in Zagreb geboren, hat Letzteres sehr offensiv zum Thema gemacht: Seine Zeichnung Shakespeare Among Us (2005) zeigt Bösewichte wie Macbeth oder Richard III., mit ihrem Namen den Balkan besetzend, während im dahinter angedeuteten Niemandsland zivilisatorische Werte wie Ästhetik, Linguistik, Psychoanalyse, Ethik etcetera regieren.

Igor Grubic, als 1969 Geborener der jüngste Künstler im Bunde, nahm wiederum mit der Performance Red Escadrille – The Free Flight of Poetry (2008) auf eine von Marteks öffentlichen Poesieaktionen der 1970er Bezug: Rote, mit Gedichten von Majakowski bis Mallarmé bedruckte Papierflieger ließ er vom Dach eines Plattenbaus fliegen. Mit seiner geschichtsbewussten Wiederaufführung schließt die Ausstellung sehr schön an eine Gegenwart an, in der inzwischen solche neuen Bezugnahmen und Verweise auf die Künstler der unmittelbaren Zagreber Szene, die Kategorien Ost(-kunst) und West(-kunst) aufgeweicht haben. Schade bleibt, dass wieder einmal nicht eine einzige weibliche Kunstposition gezeigt oder auch nur eine Philosophin, Wissenschafterin oder Poetin als Referenz angeführt wird. (Christa Benzer, Album, 25.3.2016)

Bis 16. 4.

Galerie Martin Janda

Eschenbachgasse 11, 1010 Wien

  • "sein=nichts / anders sein=nichts anderes" hat Künstler  Mangelos auf seinem "Hegel Globus" (1977-1978) notiert.
    foto: mangelos

    "sein=nichts / anders sein=nichts anderes" hat Künstler Mangelos auf seinem "Hegel Globus" (1977-1978) notiert.

  • Sven Stilinovic: "Kosuth's Teeth (Kousteeth)" (1980).
    foto: stilinovic

    Sven Stilinovic: "Kosuth's Teeth (Kousteeth)" (1980).

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