Mir schauen die Engerln beim Wohnen zu

29. März 2016, 05:30
55 Postings

Glasmalerin und Buchillustratorin Edith Temmel wohnt in der Jugendstilvilla ihres Großvaters in Graz, in der sie aufgewachsen ist

Die Malerin Edith Temmel wohnt in der Jugendstilvilla ihres Großvaters in Graz. Durch das Glasdach über dem Wohnzimmertürmchen beobachtet sie den Regen. Nur die Möblierung ist – derweil – nicht immer einfach.

"Ich habe meinen Großvater nie persönlich kennengelernt. Aber manchmal sage ich ihm in Gedanken: 'Danke, Opi, dass du so g'scheit warst, dich in Graz niederzulassen und dieses Haus zu bauen!' Er stammte aus Bautzen und reiste mit seinem mechanischen Theater von Stadt zu Stadt. Danach gründete er in Graz das Bioskop-Theater. Er war ein Mann mit Fantasie und Visionen. Diesem Weitblick ist auch dieses wunderschöne Jugendstilhaus namens Villa Marienburg zu verdanken, das er 1910 mit den Architekten Burgstaller und Zauner geplant hat.

foto: zita oberwalder
"In schiefen Wänden wohnt man wie in einem Zelt. Man weiß nie, wo man die Bücher hintun soll." Glasmalerin und Buchillustratorin Edith Temmel in ihrem Refugium in Graz-Geidorf.

Ich bin hier aufgewachsen und habe sämtliche Bäume im Garten beklettert. Mein Kletterliebling war der Kirschbaum. Sehr zum Ärgernis meiner Eltern, die jeden Abend aufs Neue feststellen mussten, dass Kirschbaumrinde sehr schwarz ist und sich mit weißer Bettwäsche nur wenig verträgt. In diesen Bäumen habe ich sämtliche Karl-May-Bücher gelesen. Gewohnt und gelebt habe ich damals eher im Freien. Wie man sich vorstellen kann, ist das heute anders.

Bis auf das Parterre, in dem immer schon Salon, Bibliothek und Kaminzimmer untergebracht waren, habe ich bereits in sämtlichen Zimmern und Etagen gewohnt. 1987 habe ich das Dach ausbauen lassen. Das war ein steiler, finsterer Rohdachboden mit einem wunderbaren alten Dachstuhl und viel historischer Bausubstanz, die mein Architekt Wolfgang Kapfhammer selbstverständlich erhalten hat. Mit zwei Ausnahmen: Auf einer der beiden Dachspitzen hat er die Dachziegel entfernt und durch eine Glaspyramide ersetzt, damit Licht ins Wohnzimmer kommt. An einer anderen Stelle wurde eine kleine, introvertierte Terrasse ins Dach hineingeschnitten. Von der Straße aus ist das alles aber nicht zu sehen. Das war mir sehr wichtig.

fotos: zita oberwalder

Insgesamt wohne ich hier auf circa 180 Quadratmetern. Was meinen Wohnstil betrifft: Das ist ein Mischmasch aus Thonet, Flohmarktsachen und Maßmöbeln vom Tischler, weil die Dachschrägen eine Möblierung mit konventionellen Möbeln nahezu unmöglich machen. In schiefen Wänden wohnt man wirklich wie in einem Zelt. Man weiß nie, wo man die Bücher hintun soll, und jede Handlung ist gleichzusetzen mit dem Begriff 'derweil'. Derweil tu ich das mal da her, und dann stellt man fest, dass der Derweil-Zustand schon seit einer halben Ewigkeit anhält.

Es gibt keine Ordnung, alles ist durcheinander. Das einzige Ordnungsmaß, auf das ich mich in meiner künstlerischen Arbeit immer schon gestützt habe, ist der goldene Schnitt: 1:1,618. Das ist Schönheit! Und wenn es regnet, dann plätschert es auf mein gläsernes Türmchen, als ob gleich ein Wasserfall ins Zimmer stürzen würde. Manchmal sitze ich einfach auf der Couch, schaue durch das Glas in den Himmel hoch und denke mir: 'Jetzt schauen mir die Engerln beim Wohnen zu!'

fotos: zita oberwalder

Mein Lieblingsstück ist ein Kunstobjekt, ein Geschenk meiner guten Freundin Elke Huala. Das ist ein zweiköpfiger Keramikhund, der mich mit fletschenden Zähnen bewacht, und auch sonst ist alles dran, was ihn nicht zur Hündin macht. Da kann man echt Angst kriegen. Das ist ja auch Sinn und Zweck der Bewachung. Ansonsten umgebe ich mich gerne mit Engerln.

Meine künstlerische Arbeit mache ich im Nebenhaus im Garten. Das ist eine Garage mit Chauffeurshäuschen aus dem Jahr 1924. Die habe ich zum Atelier umgebaut, weil mein VW sich auch ohne Chauffeur ganz gut fährt und ich den Platz zum Malen gut gebrauchen kann. Die Bäume habe ich erklettert, für eine Kletterwand ist es zu spät, weil die Gravitation gewinnt immer. So sitze ich da, schaue hinaus in den Garten und freue mich, wenn aus dem Wald wieder mal ein großer Hund namens Reh herausspaziert. Solche Dinge sieht man nur mit den Augen der Ruhe." (29.3.2016)

Edith Temmel, geboren 1942 in Graz, machte eine Kinematografie-Ausbildung und übernahm 1980 das Grazer Annenhofkino, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester bis 1995 führte. Seit 1984 ist sie zudem als Künstlerin tätig. Ihr Werk umfasst internationale Ausstellungen, Glasmalerei, Fresken, Buchillustrationen sowie Messkleider für Bischöfe und Papst Benedikt XVI. Seit 1969 ist sie Mitglied des Forum Stadtpark und der Gruppe 77.

Link

Edith Temmel

Share if you care.