Manfred Honeck: Das Klischee bleibe vor der Tür

Gespräch24. März 2016, 17:17
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Er dirigiert am Samstag die Wiener Symphoniker und kommt im Mai mit seinem Pittsburgh Symphony Orchestra in den Musikverein. Ein Gespräch über die Suche nach Musiktiefe

Wien – Der Weg zu musikalischer Tiefe, zu Werkschichten, die nicht offen zur freien dirigentischen Entnahme herumliegen, führt kaum über den Pfad der Verstellung. Der Dirigent tut so, als ob er eine Überzeugung transportiert, während er selbige nur simuliert? Anzustreben sei dies nicht, so Manfred Honeck, Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra. "Man sollte vor ein Orchester als jene Person treten, die man ist, also authentisch sein. Verstellung ist natürlich eine große Versuchung – wenn man jung ist."

Später, als erfahrener Vermittler der Notenwelt und als Inhaber ganz dezidierter Ansichten, habe "man jedoch nicht weniger Respekt vor Musikern. Sie bestanden Probespiele, spielen fantastisch, sind tausendfach mit einem Werk in Berührung gekommen." Diesen Profis Neues zu erzählen sei jedoch dennoch das wesentliche, das anzustrebende Ziel. Ist die Beziehung zum Orchester auch gut, herrscht ein Klima der Offenheit vor. Neues, Besonderes kann sich dann ergeben.

"Ich will immer klarer, immer tiefer in der Aussage werden, will erkennen, was etwa eine Symphonie abseits der längst erprobten Pfade in sich birgt." In Pittsburgh gehe das, es sei ja Zuneigung auf den ersten Orchesterblick gewesen: "Sie sind es gewohnt, am Detail zu arbeiten, und sie wünschen sich neue Ansätze. Ich meinerseits will mich nicht mit dem begnügen, was quasi üblich ist. Ich finde das verwerflich", sagt Honeck, einst Bratschist bei den Wiener Philharmonikern.

Prinzipielle Einflüsse

Für den Vorarlberger war Nikolaus Harnoncourt ein "enormer Einfluss. Der Ansatz, keineswegs alles so hinzunehmen, wie es geschrieben steht, sondern auf den Hintergrund zu blicken und zu hinterfragen, war wichtig. Auch wenn ich Dinge nicht immer so sah wie er – sein grundsätzlicher Zugang war prägend."

Ende Mai wird Manfred Honeck auch anhand der vierten, fünften und sechsten Symphonie Tschaikowskys seine Ansichten präsentieren. Die Pathétique etwa sieht er als eine Art Requiem. "Wenn man zum Beispiel den 3. Satz quasi als Zirkusmarsch umsetzt, scheint mir das unangebracht. Es ist für mich ein Todesmarsch, da dürfen keine Elefanten auftreten! Und wenn man das als Todesmarsch rüberbringt, erschließt sich hoffentlich eine völlig neue Dimension." Im Wiener Musikverein zu gastieren ist für Honeck wohl immer auch eine Art Heimkehr.

Es ist der Goldene Saal allerdings auch der Ort eines biografischen Wendepunkts, an den sich Honeck immer noch mit einem gewissen Staunen erinnert: Man gab also wieder einmal ein philharmonisches Neujahrskonzert, Honeck war 14 und schaffte es bis zum Stehplatz. Wobei es auch da bessere und schlechtere Hör- und Sehpositionen gibt.

"Ich konnte nur ganz hinten einen Platz erwischen; sah also nichts. Das bemerkte ein Billeteur und holte mich vor das Geländer, wo ich dann die Philharmoniker und Willi Boskovsky sah. Ich war überwältigt, das war schon ein Wendepunkt." Wer weiß, so Honeck, ob "ich, wenn der Billeteur mich nicht nach vorn geholt hätte, diese Sehnsucht für die Musik und das Dirigieren entwickelt hätte. Er wusste natürlich nicht, was für eine Funktion er letztlich hatte – durch diese kleine Geste."

Die Nominierung

Es geht also um die kleinen Gesten. Im Alltag bewirken sie womöglich Nachhaltiges. Es geht aber auch um die feinen Musikgesten, die ergeben auch bei einer CD den Unterschied zwischen "normal" und "besonders". Honeck nimmt gerne auf, und er findet es schön, dass etwa Antonín Dvoráks achte Symphonie in seiner Version eine Grammy-Nominierung schaffte. Wobei Honeck auch das amerikanische System der Aufnahmemodalitäten erwähnt. Das sei etwas ganz Eigenes.

"Mitschneiden darf man nur die Livekonzerte, keine Proben. Zusätzlich darf es nur noch eine Session geben, bei der Fehler und Huster Thema sind. Diese Stellen werden hinterher aufgenommen. In Europa ist es anders, da ist man frei, alles aufzunehmen." Das Pittsburgh Symphony Orchestra ist natürlich gut und versiert genug, mit diesem System exzellente Ergebnisse zu erzielen. (Ljubisa Tosic, 24.3.2016)

Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestra im Wiener Musikverein am 26., 27. und 28. Mai

  • Der österreichische Dirigent Manfred Honeck und seine Philosophie: "Ich will immer klarer, immer tiefer in der Aussage werden."
    foto: ap / keith srakocic

    Der österreichische Dirigent Manfred Honeck und seine Philosophie: "Ich will immer klarer, immer tiefer in der Aussage werden."

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