BMW 730d: Lenken mit der Leitschiene

25. März 2016, 11:57
142 Postings

BMW reißt mit der sechsten Generation seiner Oberklasse-Limousine, dem neuen 7er, wieder die Führung im Wettkampf um das beste Auto der Welt an sich. Die Bayern schaffen das mit Agilität, Laserlicht, autonomem Fahren und ferngesteuertem Parken.

Wien – Der einzige Trost, der einem bleibt, ist der Spruch, der besagt, dass jener der Klügere sei, der als Erster nachgibt. Und das ist, wenn es darum geht, wer bestimmt, wo die Hände sein müssen, nicht der BMW. Denn die sechste Generation des 7ers könnte zwar sicher von ganz allein die Autobahn-Etappe zwischen A und B bewältigen, tut das aber nicht, wenn man die Hände vom Lenkrad nimmt. Noch dazu will der BMW immer beide Pranken am runden Leder wissen. Sonst fängt er nervig zu piepsen an.

Reagiert man dann nicht, schaltet der Autopilot ab und lenkt nicht mehr. Bevor diese Arbeit die Leitplanke übernimmt, gibt man nach und legt dem 7er-Lenkrad doch wieder gerne die Hände auf.

foto: guido gluschitsch

Wo man nicht hingreifen muss, das ist die Infotainment-Einheit. Die kann man mit Gesten steuern. Fuchteln halt. Das schaut mitunter bescheuert aus. Zumindest legte das mancher Gesichtsausdruck in anderen Autos nahe.

So richtig geschmeidig ist das mit dem Wacheln über der Mittelkonsole aber eh nicht. Vielleicht liegt das daran, dass man das halt auch noch nicht so gewohnt ist. Das Wischen und Tapsen auf einem Screen, das funktioniert hingegen fast intuitiv. Vielleicht ein Grund, warum BMW im 7er nun erstmals – zusätzlich zum gewohnten Dreh-drück-Bedienkonzept – doch ein Touch-Display installiert. Obwohl, da hat Mercedes-Benz schon recht, wenn sie sagen, dass die Fingertapser auf dem Glas nicht gut ausschauen. Also lassen wir das Tatschen.

foto: guido gluschitsch

Nur beim Display-Schlüssel, da kann dann doch niemand widerstehen. Neben auf- und zusperren kann man über den Schlüssel auch abfragen, ob die Fenster und Türen zu sind, ob die Alarmanlage eingeschaltet ist – oder man bedient die Standheizung, zumindest wenn man im Funk-Empfangsbereich des Fahrzeugs ist.

Der Schlüssel hat einiges mit einem Smartphone gemeinsam. Nur telefonieren kann man damit nicht – vermutlich noch nicht. Induktiv laden geht aber schon. Hierfür steckt man den Schlüssel in ein eigenes Fach in der Mittelarmlehne. Obwohl gut, da wäre jetzt anstecken auch nicht sooo viel komplizierter.

Ferngesteuert parken

Einfacher hingegen macht der 7er das Einparken. Glaubt man jetzt auf Anhieb gar nicht, wenn man bedenkt, dass der 7er inzwischen fast so breit ist wie ein Normparkplatz – oder wie man bei BMW gerne sagt, die Parkplätze immer enger werden. Wer jetzt nicht deswegen 7er fährt, weil er sich in der Parkgarage gerne ungalant aus dem Auto schält, der greift zum Display-Schlüssel und lässt sein Auto fernbedient und wie von selbst in die Garage fahren. Da stört es den 7er auf einmal nicht, wenn die Bratzen fern vom Lenkrad sind. Es ist also doch ein Leichtes für ihn, selbst zu fahren.

foto: guido gluschitsch

Ach ja, leichter ist er auch geworden. Rund 130 Kilogramm konnte BMW dem 7er im Vergleich zum Vorgänger runterreißen. Und trotzdem: Halbwegs eingeräumt und vollgetankt chauffiert man schnell einmal zwei Tonnen herum.

Für den 265 PS starken Sechs-Zylinder-Turbo-Diesel ist das aber dennoch keine Aufgabe, die er nicht mit Bravour zu meistern vermag. In unter sechs Sekunden beschleunigt er die Luxuslimousine auf Tempo 100. Und das lässt schon erahnen, wie und wohin die Reise geht. Denn der 7er ist mit seiner serienmäßigen dynamischen Dämpfer-Kontrolle und seiner Zwei-Achs-Luftfederung keine fade Sänfte, sondern eine leichtfüßige Oberklasse-Limo.

foto: guido gluschitsch

Die Acht-Gang-Automatik verrichtet ihre Arbeit exzellent. Die Krux an all der Agilität ist jetzt, dass man die 620 Newtonmeter Drehmoment viel öfter als nötig abruft. Erst recht, wenn man weiß, dass so eine Testphase nach ein paar Tagen wieder vorbei ist. Und so stehen dann unterm Strich acht Liter Diesel auf 100 Kilometer, obwohl man zugeben muss, dass man mit etwas mehr als sechs Litern auch noch mehr als angemessen unterwegs gewesen wäre.

So man angemessen überhaupt sagen kann, bei einem Diesel im 7er. Denn wenn man einmal den 750Li gefahren ist, dann kann der 730d höchstens noch das zweitbeste Auto der Welt sein.

foto: guido gluschitsch

Noch einen Platz verliert der 730d dann, wenn BMW mit dem 760er wieder einen Zwölf-Zylinder bringt. Den gibt es dann aber sicher nicht um 100.000 Euro grad aus, wie den 730d xDrive.

Extras um 31.000 Euro

Bei unserem Test-7er haben wir noch Extras im Wert eines ordentlichen Mittelklassewagens mitbekommen. Mit 4800 Euro schlug die Bowers-&-Wilkins-Diamond-Surround-Anlage am schwersten zu Buche. Das pipifeine Laserlicht kostet einen 1000er, die adaptiven LED-Scheinwerfer waren dafür im 3500 Euro teuren Österreich-Paket schon dabei. Weiterer Wermutstropfen: Diese Preise der Extras waren jetzt alle noch ohne NoVA und Mehrwertsteuer.

foto: guido gluschitsch

Den knackigen Display-Schlüssel, der normalerweise 210 Euro (netto) kostet, den gab es bei unserem 7er umsonst dazu. Weil er Teil der 1450 Euro (netto) teuren – und von mir persönlich so geschätzten – Standheizung ist. Und genau da hat die Geschichte ihren Haken. Denn in der Steiermark heißt es: "Dodln ham gern warm." Dabei wäre mir doch die Rolle des nachgiebigen Klugen viel lieber. (Guido Gluschitsch, 25.3.2016)

Nachlese:

BMW 7er: Das ist doch wieder einmal der Gipfel

Mercedes S 500 Plug-in Hybrid: Luxus des Sparens

Bauchmuskeltraining: Mercedes S350 4Matic

Link

BMW

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Wohnlich eingerichtet und vollgetankt bringt es der 730d xDrive auf fast zwei Tonnen, er fährt sich aber, als würde er gerade einmal die Hälfte wiegen. Oder er fährt überhaupt gleich selbst – solange man halt die Hände am Lenkrad lässt. Trotzdem ist er nur das zweitbeste Auto der Welt.
    foto: guido gluschitsch

    Wohnlich eingerichtet und vollgetankt bringt es der 730d xDrive auf fast zwei Tonnen, er fährt sich aber, als würde er gerade einmal die Hälfte wiegen. Oder er fährt überhaupt gleich selbst – solange man halt die Hände am Lenkrad lässt. Trotzdem ist er nur das zweitbeste Auto der Welt.

  • Artikelbild
    grafik: der standard
  • Ganz schön knackig, der Display-Schlüssel. Den verteidigt man gern mit Zähnen und Klauen.
    foto: guido gluschitsch

    Ganz schön knackig, der Display-Schlüssel. Den verteidigt man gern mit Zähnen und Klauen.

Share if you care.