"Stardew Valley" im Test: Der Bauernhof, der Spielerherzen erobert

28. März 2016, 11:00
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Das charmante Spiel eines Einzelentwicklers zählt zu den aktuell bestverkauften PC-Spielen – zu Recht

Dass sich ein Multimillionen-Dollar-Blockbuster wie Ubisofts "The Division" in zwei Wochen auf der Spieleplattform Steam eine halbe Million Mal verkauft, ist ein schöner Erfolg. Dass ein vermeintlich simples Indie-Spiel wie "Stardew Valley" (Windows, 13,99 Euro) dieses Kunststück übertrifft, ist allerdings eine kleine Sensation. Mit simpler, aber liebevoller Pixelgrafik und einer Megaportion Charme schoss das Debütspiel eines einzelnen US-Entwicklers seit seinem Release Anfang des Monats wie ein Meteor in Charts und Spielerherzen. Zeitweise behauptete sich der Pixelbauernhof sogar als drittmeistgespielter Titel auf Steam – nur geschlagen von den ewigen Favoriten "DotA2" und "Counter-Strike". Wie der ebenfalls aktuelle Indie-Publikumsliebling "Factorio" – der GameStandard hat rezensiert – reißt "Stardew Valley" seine Spieler zu Begeisterung und wahren Lobeshymnen hin. Es ist, so kann man schon jetzt sagen, ein Phänomen.

Der Grund für diesen Erfolg ist erst auf den zweiten Blick ersichtlich: Oberflächlich betrachtet ist "Stardew Valley" "nur" eine Kreuzung der bekannten (und erfolgreichen) Konsolenklassiker "Harvest Moon" und "Animal Crossing". Da wie dort ist man als Spielerin oder Spieler mit dem Hegen und Pflegen eines Bauernhofs in einem idyllischen Dorf beschäftigt, baut Nutzpflanzen an, hält sich Haustiere und pflegt seine Beziehungen zur Nachbarschaft. Die Art und Weise, wie Eric Barone, der Schöpfer der knuddeligen Bauernhofsimulation, diese bekannten Elemente in seinem Erstlingsspiel zu etwas Großartigem verbindet, ist aber einen genaueren Blick wert.

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Idyllisches Landleben

Am Anfang steht – ein Burnout. Weil das Leben als Arbeitsdrohne im Großraumbüro eines Konzerns sinnentleert und stressig ist, kommt das vor Jahren gemachte Angebot des Großvaters gerade recht: Als Erbe oder Erbin einer verfallenen Farm ist es die Aufgabe der Spielerinnen und Spieler, zum einfachen Landleben zurückzukehren.

Nach kurzer Begrüßung durch den Bürgermeister des nahen Dorfes beginnt ein Alltag, der in seiner Einfachheit tatsächlich jedem Klischee vom geruhsamen Dorfleben entspricht: beim Hahnenschrei aufstehen, das Gemüse gießen, ernten, was gewachsen ist, Bäume fällen, Gras mähen, Steine klopfen, dann auf ein Schwätzchen ins nahe Dorf und früh zu Bett. "Stardew Valley" zwingt seine Spiele zu Beginn sanft in eine geruhsame Routine, samt Dorffesten und kleinen Aufgaben – und belohnt sie darauf mit einer Überfülle an Möglichkeiten.

Dass dabei kein Stress aufkommt, ist die große Leistung des Gamedesigns: "Stardew Valley" setzt der täglichen Arbeitswut durch eine Energieleiste großzügige Grenzen, und vor allem: Es bestraft seine Spielerinnen und Spieler nicht dafür, wenn sie ihren eigenen Projekten nachgehen. Auch die allernötigsten Handgriffe jeden Tages – das Gießen und Ernten – sind rasch, unaufgeregt und fast meditativ erledigt, und dann öffnet sich schon die nur auf den ersten Blick gar nicht so große Spielewelt: Wer fischen mag, kann sich mit dem zugehörigen Minispiel stundenlang beschäftigen und immer größere und seltenere Fische fangen. Wer den oder die Dorfbewohnerin seiner Wahl bezirzen und irgendwann gar heiraten will, treibt Konversation und überreicht nette Geschenke, und Abenteuerlustige wagen sich in die Minen, um dort gegen Monster zu kämpfen und Erze zu schürfen. Auch der Ausbau des eigenen Charakters und natürlich des riesigen, zu Beginn überwucherten eigenen Grundstückes sorgen für dauernde, aber stets gemütliche Beschäftigung.

Vollgepackt und herzensgut

Was auf dem Papier nach zielloser Beliebigkeit oder Sandbox-Crafting-Einheitsbrei klingen mag, entwickelt sich durch das Ineinandergreifen der vielen kleinen Spielmechaniken und Gameplay-Loops zum Motivationsmonster mit Wohlfühlgarantie, bei dem selten Stress aufkommt. Wohl bedeuten Tages- und Jahreszeitenwechsel oder herannahende Geburts- und Feiertage, dass man Uhrzeit und Kalender nicht gänzlich aus den Augen verlieren sollte, doch streng sanktioniert wird die einfache Lust am In-den-Tag-hinein-Spielen nirgends. Die Ziele sind großteils selbstgesteckt – die zwanghafte Daueroptimierung anderer Rollen- oder Strategiespiele ist in "Stardew Valley" schlicht nicht so gefragt. Nur die Instandsetzung des Gemeindezentrums ist ein vorgeschlagenes Langzeitprojekt, und auch die bedrohliche Expansion eines Supermarktriesen ins dörfliche Idyll sorgt für Handlungsfortschritte – doch im Grunde regieren Harmonie und spielerische Freiheit das Bauernhofleben.

Die Auswahl an selbstgesteckte Zielen hingegen ist, wie erwähnt, groß. Seine Felder möglichst effizient (oder auch nur möglichst hübsch) anzulegen, eine große Zahl verschiedener Nutztiere zu halten, ehrgeizige Fischzüge oder Brautschau motivieren dazu, auch nach Stunden noch den berühmten einen letzten Spieltag anzuhängen. In der Großzügigkeit, seinen Spielerinnen und Spielern alle Freuden, aber nur wenige Bürden seines Spielprinzips aufzulasten, liegt sicher ein Teil des Erfolgs von "Stardew Valley". Dass in der schieren Vielzahl der Möglichkeit jedes noch so kleine Detail von der absoluten Liebe und Sorgfalt seines Schöpfers spricht, macht die Leistung des einsamen Entwicklers noch bemerkenswerter.

Einfach zum Wohlfühlen

Wie auch der letztjährige Indie-Überraschungshit "Undertale" lässt auch "Stardew Valley" jeden Zynismus und jede Gemeinheit vermissen, ohne dadurch zur weichgespülten Kitschorgie zu werden. Die Grafik ist trotz ihres Retro-Pixelstils detailliert und wunderhübsch, der Soundtrack geht erstaunlicherweise auch nach Dutzenden Spielstunden nicht auf die Nerven und ein augenzwinkernder, fast zärtlicher Humor durchdringt sowohl Story als auch Figuren. Dabei schafft es "Stardew Valley", auch nach vielen Spielstunden noch mit kleinen Details oder verschrobenen Geheimnissen zu überraschen – wenn andere Spiele längst im monotonen Endgame-Grind versumpft sind.

"Stardew Valley" ist nicht nur deshalb ein außergewöhnliches Spiel, weil es seine Spielmechaniken und -elemente mit gewinnender Leichtigkeit zu einem Erlebnis zusammenführt, das für Stunden, Tage, Wochen und sogar Monate begeistern kann, sondern auch durch seine sympathische und positive Attitüde, die sich scheinbar sogar auf seine Spieler-Community überträgt: Dass begeisterte Spielerinnen und Spieler gemeinsam Exemplare für Software-Piraten kaufen, die angaben, sich das Spiel sonst nicht leisten zu können, dürfte tatsächlich ein Novum sein.

"Stardew Valley", so viel wurde schon anfangs festgestellt, ist ein Phänomen. Und es ist ein weiterer Beweis dafür, dass auch im millionenschweren Games-Business viel Platz für liebevoll gemachte Werke einzelner Spielemacher ist. Ein wunderschönes, lange motivierendes Spielerlebnis für jedermann – mit Wohlfühlgarantie. (Rainer Sigl, 28.3.2016)

"Stardew Valley" ist für Windows-PC erschienen. UVP: 13,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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