Johan Cruyff, ein Streiter für die Schönheit

24. März 2016, 13:38
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Der Einfluss von Johan Cruyff auf Europas Fußball ist kaum zu überschätzen. Das von ihm geprägte Ajax Amsterdam brillierte mit einem Voetbal Total, Cruyffs Ära beim FC Barcelona wirkt bis in die Gegenwart nach. Am Donnerstag erlag er einem Krebsleiden

Barcelona/Wien – "Ich dachte, ich hätte den Ball. Ich war mir sicher. Aber er hat mich ausgetrickst. Ich hatte keine Chance. Es war der stolzeste Moment meiner Karriere." Selten hat ein Fußballer den Augenblick seiner vollständigen Übertölpelung mit geneigteren Worten geschildert als der schwedische Verteidiger Jan Olsson. Auch so etwas brachte Johan Cruyff fertig.

Im Aufeinandertreffen der niederländischen Nationalmannschaft mit den Schweden bei der Weltmeisterschaft 1974 hatte er seinen Gegner mit jener Finte ins Leere laufen lassen, die forthin als Cruyff-Drehung in die Lehrbücher eingehen sollte. "Ich war nicht gedemütigt. Er war ein Genie", schwärmte Olsson.

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Der Johan-Cruyff-Turn.

Der größte Sohn des niederländischen Fußballs war auch dessen unnachgiebigster Kritiker. Es gibt in seiner Heimat einen eigenen Terminus für die unnachahmliche Manier, in der Cruyff in süffigem Amsterdamer Dialekt ballesterische Weisheiten in Form paradoxer Einzeiler formuliert: das Cruyffische.

Gewinnen ist gut, Schönheit ist besser

Er witterte Verrat, sobald man vom rechten Weg abkam. Dass er diesen kannte, davon war er selbst am unerschütterlichsten überzeugt. Dominanz, Offensive, Spektakel waren unveräußerliche Prinzipien des Fußballs Marke Cruyff. Eine Philosophie und der davon geprägte Stil standen für ihn über allem. Gewinnen ist gut, Schönheit ist besser.

Dass eine Synthese beider Prinzipien möglich war, führte Cruyff mit Ajax Amsterdam eindrucksvoll vor. Angreifende Verteidiger, verteidigende Stürmer, Pressing – das war im Fußballgetriebe Anfang der 1970er Jahre eine Offenbarung. Nie zuvor hatte das Spiel ein derartiges Komplexitätsniveau erreicht. Bei Ajax dachte man die Dinge neu, warf Althergebrachtes über Bord. Das hatte etwas Revolutionäres und passte insofern bestens zum Zeitgeist der Epoche. Die niederländische Gesellschaft war in Bewegung, Amsterdam streifte seine feuchtgraue Langeweile ab und erfand sich neu als libertär-anarchischer Sehnsuchtsort für die Jugend des Kontinents. Europacup-Siege 1971, 1972 und 1973 waren das Zeugnis der Sonderstellung der Ajaciden.

Cruyff stand mit 17 erstmals in der Kampfmannschaft, an Selbstbewusstsein mangelte es ihm schon damals nicht: "Ich habe nicht zu ihnen aufgeschaut, ich wusste einfach, dass ich dazugehören musste, früher oder später." Der Mann mit der Nummer 14 war besessen von der Ökonomie des Raums. Wie ihn sich zunutze machen? Wie ihn zum eigenen Vorteil manipulieren? Der Fußballer Cruyff rannte, dribbelte, schoss Tore mit allen Körperteilen. Doch das Bild, welches seine Essenz vielleicht am besten fasst, ist ein ganz unspektakuläres: Cruyff, deutend. Wie er dasteht und die anderen einweist, sie nach seiner Vorstellung im Feld ordnet.

Zäh, unerschrocken, selbstgewiss

Cruyff vertraute auf den Instinkt und verabscheute pedantischen Schematismus. Ein Graus war dem späteren Fußballlehrer der schablonenhafte, aus seiner Sicht jede Kreativität erstickende Ansatz mancher Kollegen. Das hyperpragmatische Konterkonzept, mit dem Louis van Gaal, idealtypische Verkörperung des menschlichen Klemmbretts und Cruyffs Intimfeind, die niederländische Elftal bei der WM 2014 ausgestattet hatte, zerriss er in der Luft.

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Johan Cruyff schießt einen Elfmeter.

Der Spieler Cruyff war physisch keine sonderlich beeindruckende Erscheinung, sondern eher das, was man hierzulande ein Handtüchl heißt. Doch er war zäh, unerschrocken, selbstgewiss bis an die Grenze zur Arroganz. Ein herausragender Antritt, perfekte Technik und vortreffliche Übersicht machten Cruyff zum universellen Könner. Doch dem Organisator und Exekutor in einer Person war immer klar, dass glanzvoller Individualismus allein nur wertloser Tand war. Es ging um Kooperation, Organisation, die Interaktion der Elemente. Wie kaum ein anderer brachte Cruyff daher auch bei seinen Mitspielern deren Bestes zur Geltung.

Im Ajax-Ensemble war er der Erste unter Gleichen – nicht immer leicht zu verkraften für seine Kollegen, denn Niederländer pflegen eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Autoritätsfiguren. Sowohl bei Ajax als auch im Nationalteam wurde eine eigentümliche Spannung zwischen Individualität und Kollektivität spürbar, der rasche Zerfall des Amsterdamer Wunderteams nach Cruyffs Wechsel zu Barcelona im Jahr 1973 mag auch hierin begründet liegen. Führte der Maestro das Primat der Gruppe auch pausenlos im Mund, brach er doch immer wieder aus dieser aus. Ein wandelnder Widerspruch.

Vater des Tiki-Taka und El Salvador, der Retter

In Katalonien transformierte Cruyff umgehend den darbenden FC Barcelona, erst als Spieler, ab 1988 ein zweites Mal (und viel tiefgehender) als Trainer. El Salvador nannten sie ihn, den Retter. Erst Cruyff lehrte die Spanier, den Ball zu lieben. Josep Guardiola war einer seiner Schüler und ist heute sein Prophet: "Cruyff hat die Kathedrale errichtet. Wir halten sie bloß instand." Im Tiki-Taka des spanischen Nationalteams kam seine Saat zu leuchtender Blüte. Dessen Vorherrschaft im letzten Jahrzehnt basiert auf Cruyffs Kulturtransfer, letztlich also auf einer modernen Interpretation der klassischen Ajax-Prinzipien.

Seine alte Liebe versuchte er noch einmal nach seinen Vorstellungen zu formen, als er 2011 die sogenannte "fluwelen Revolutie", die samtene Revolution vom Zaun brach. Sie sollte am Ende der gesamten Ajax-Führungsriege den Kopf kosten, welcher Cruyff jeglichen Sachverstand absprach. Cruyff nervte manchmal. Er konnte es sich leisten. Er war in seiner Direktheit kein einfacher Mensch. "Hätte ich gewollt, dass Sie das verstehen, hätte ich es besser erklärt", war ein Bonmots, des seit seiner Jugend starken Rauchers, der 1991, nach einem Herzinfarkt, aufhörte.

Im Oktober 2015 wurde seine Lungenkrebserkrankung bekannt. Am Donnerstag ist Johan Cruyff, Europas Fußballer des Jahrhunderts, im Alter von 68 gestorben. (Michael Robausch, 24.3.2016)

  • Erfolge als Spieler

Niederländischer Meister (9):
1965/66, 1966/67, 1967/68, 1969/70, 1971/72, 1972/73, 1981/82, 1982/83, 1983/84

Niederländischer Pokalsieger (6):
1967, 1970, 1971, 1972, 1983, 1984

Europapokal der Landesmeister (3):
1971, 1972, 1973

Europäischer Supercup (2):
1972, 1973

Weltpokal:
1972

Vize-Weltmeister:
1974

EM-Dritter:
1976

Spanischer Meister:
1973/74

Spanischer Pokalsieger:
1978

Torschützenkönig der Niederlande (2):
1966/67 (33 Tore), 1971/72 (25 Tore)

Europas Fußballer des Jahres (3):
1971, 1973, 1974

Fußballer des Jahres der Niederlande:
1984

Europas Fußballer des Jahrhunderts:
1999

  • Erfolge als Trainer

Niederländischer Pokalsieger (2):
1986, 1987

Europapokalsieger der Pokalsieger (2):
1987, 1989

Spanischer Meister (4):
1990/91, 1991/92, 1992/93, 1993/94

Spanischer Pokalsieger:
1990

Europapokal der Landesmeister:
1992

Supercup-Sieger:
1992

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