Spitalspersonal soll mehr Gewaltopfer erkennen

24. März 2016, 17:15
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Personal diverser Spitalsabteilungen soll besser sensibilisiert werden – Neuer Leitfaden vorgestellt

Wien – Soll jede Frau, die mit Verletzungen in ein Spital kommt, gefragt werden, ob ihr Gewalt angetan wurde? 89 Prozent der Frauen stünden einer Routinebefragung laut Untersuchung der EU-Grundrechtsagentur positiv gegenüber. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt aber, erst bei etwaigen Hinweisen auf Gewalt darauf zu sprechen zu kommen und Gesundheitspersonal entsprechend zu sensibilisieren.

Auf eben diese Sensibilisierung zielt ein Leitfaden ab, den Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "Gewaltfrei leben" erarbeiten ließ. Am Donnerstag stellte die Ministerin das Ergebnis mit Vertreterinnen des Pflegepersonals des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (AKH) und Rosa Logar von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie vor und erinnerte daran, dass "jede dritte Frau in der EU zumindest einmal in ihrem Beziehungsleben von Gewalt betroffen" sei (Frauenhelpline: 0800/222 555).

Checkliste und Verhaltenstipps

Der 74-seitige Leitfaden für das Gesundheitswesen umfasst unter anderem eine Checkliste mit Handlungsanweisungen und Verhaltenstipps für den Fall, dass der mutmaßliche Täter gemeinsam mit dem Opfer im Spital auftaucht. Auch ein Bogen zum Dokumentieren von Verletzungen ist enthalten. Dieser im Auftrag des Innenministeriums erstellte Fragebogen ist seit Ende 2014 in Verwendung. Werden darauf Verletzungen nach einer Vergewaltigung dokumentiert, habe die Frau ein halbes Jahr Zeit, sich für eine Anzeige zu entscheiden, erläuterte Rosa Logar.

Gesundheits- und Familienministerium wollen laut Aktionsplan Frauengesundheit auch multiprofessionelle Opfer- bzw. Gewaltschutzgruppen im Gesundheitssystem implementieren. Im Rahmen dieser Gruppen kann sich Personal interdisziplinär zum Thema Gewalt austauschen.

"Viel mehr Opfer" identifiziert

Sabine Eder ist stellvertretende Leiterin der Opferschutzgruppe AKH Wien und hat am Leitfaden mitgearbeitet. Ihr zufolge war man im AKH bisher vor allem in der Unfallchirurgie, auf der Gynäkologie sowie in der Kinderklinik darauf vorbereitet, mögliche Gewaltopfer identifizieren. Mit dem Leitfaden und Schulungen soll Personal weiterer Abteilungen erreicht werden – etwa der Augenheilkunde, der Dermatologie und der HNO. Man identifiziere dank des Fragebogens und erster Schulungen bereits "viel mehr Opfer". Zahlen konnte Eder aber keine nennen. Kurse im Pflegebereich erfolgen auf freiwilliger Basis.

Eine Anzeige sei nicht oberstes Ziel, ergänzte Eder, am wichtigsten sei die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Gewaltopfern werde auch eine Aufnahme im Spital angeboten.

Sensibilisierung in Ärzteausbildung

Eine Sensibilisierung der – am Donnerstag nicht auf dem Podium vertretenen Ärzte – für das Thema sollte laut Gesetz in der Ausbildung erfolgen. Beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) heißt es dazu, es gebe seit dem Jahr 2000 Opferschutzgruppen sowie Aus- und Weiterbildungen zum Thema. Der neue Leitfaden werde begrüßt, und man prüfe, was "in die bereits hohen Standards des KAV übernommen" werde. (Gudrun Springer, 25.3.2016)

  • Kommt eine Frau mit Verletzungen ins Krankenhaus, wird sie routinemäßig nicht gefragt, ob ihr Gewalt angetan wurde. Das Gesundheitspersonal soll etwaige Opfer erkennen und das Thema ansprechen.
    foto: istock/katarzyna bialasiewicz photographee.eu

    Kommt eine Frau mit Verletzungen ins Krankenhaus, wird sie routinemäßig nicht gefragt, ob ihr Gewalt angetan wurde. Das Gesundheitspersonal soll etwaige Opfer erkennen und das Thema ansprechen.

  • Der Leitfaden für Gewaltschutz im Krankenhaus wurde im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "Gewaltfrei leben" entwickelt.
    foto: verein aöf

    Der Leitfaden für Gewaltschutz im Krankenhaus wurde im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "Gewaltfrei leben" entwickelt.

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