Zwangsprostitution und Krieg: Südkoreanische Doppelmoral

24. März 2016, 12:09
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Die japanische Kolonialvergangenheit wirkt nach. Wer das offizielle Narrativ anzweifelt, erntet Zorn und Verleumdungsklagen

Die 22-jährige Bak In-hye hat seit Anfang des Jahres ein zweites Zuhause gefunden: Es besteht aus zwei Schichten Isomatten, einem Stromgenerator und Pappkartons voller Nudelsuppen. Fast täglich besetzt die Wirtschaftsstudentin mit Gleichgesinnten den Bürgersteig vor der japanischen Botschaft in Seoul, eingehüllt in dicke Daunenjacken und elektrische Heizdecken. Wenn die Nacht hereinbricht, wickeln sich die Koreaner in ihre Schlafsäcke. Eine durchsichtige Plastikplane schützt sie dann vor Schnee und Regen. "Natürlich ist es manchmal hart, doch das Problem geht uns schließlich alle etwas an", sagt Bak über ihren Protest: "Unser ganzes Volk ist aufgebracht."

Der Grund dafür steht keine fünf Meter entfernt: Eine goldene Statue in Form eines Mädchens. Seit 2011 soll sie an das Schicksal der koreanischen "Trostfrauen" erinnern. So werden die koreanischen Zwangsprostituierten euphemistisch bezeichnet, die während des Zweiten Weltkriegs der kaiserlichen Armee Japans dienten. Nur mehr 46 von ihnen sind noch am Leben. Wenn es jedoch nach der japanischen Regierung geht, dann soll die "Trostfrauen"-Statue schnellstmöglich verschwinden.

Japan zahlt und entschuldigt sich

Die Forderung ist Teil eines umstrittenen Abkommens, das die beiden ostasiatischen Außenminister am 28. Dezember des vergangenen Jahres als "finale, irreversible" Lösung nach einem jahrzehntelangen Disput beschlossen haben. Die Japaner verpflichteten sich darin zu Entschädigungszahlungen von umgerechnet siebeneinhalb Millionen Euro an die noch lebenden "Trostfrauen". Zudem verlas Außenminister Fumio Kishida ein Statement, das einer indirekten Entschuldigung zumindest nahekommt.

Diese Woche jedoch stellte sein Stellvertreter dessen Aufrichtigkeit infrage: Vor einem UN-Ausschuss in Genf erklärte er, dass es keine Beweise gebe, dass die kaiserliche Armee die "Trostfrauen" tatsächlich zur Prostitution gezwungen habe.

Nordkoreas Diktator beliebter als japanischer Premier

Aussagen wie diese befeuern die ohnehin japanfeindliche Stimmung in Südkorea. In Umfragen erhält selbst der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un höhere Sympathiewerte als der japanische Premierminister Shinzo Abe. Bereits im Schulunterricht werden die Japaner vor allem auf ihre Rolle als brutale Kolonialherren reduziert. Wer dieses Opfer-Narrativ anzweifelt, wird in der Öffentlichkeit ähnlich stark geächtet wie Holocaust-Leugner im deutschsprachigen Raum.

Kollaborateure und freiwillige Prostitution

Die Historikerin Park Yu-ha weiß das aus eigener Erfahrung. Ihr jüngstes Buch plante die 56-Jährige als "Brücke" zwischen ihrer Heimat Südkorea und Japan, dem Land ihrer akademischen Bildung. Ihre umstrittenen Thesen katapultierten sie jedoch ins gesellschaftliche Abseits: Parks Forschung legt nahe, dass es vor allem koreanische Kollaborateure und japanische Zwischenhändler waren, die die Frauen rekrutiert haben. Anstatt von zweihunderttausend "Trostfrauen" geht sie von lediglich fünfzigtausend aus. Einige von ihnen seien freiwillig in die Militärbordelle gefolgt, auch habe es durchaus "kameradschaftliche Freundschaften" zwischen Soldaten und "Trostfrauen" gegeben.

Um die faktische Richtigkeit der Behauptungen geht es in der aufgeheizten Kontroverse längst nicht mehr. In einer Verleumdungsklage entschied der Seouler Gerichtshof, dass "die akademische Freiheit nicht über dem Recht der noch lebenden Betroffenen auf Würde" steht. Umgerechnet rund 65.000 Euro muss Park Yu-ha an neun ehemalige Zwangsprostituierte zahlen. Ihr Professorengehalt ist bis zur Begleichung der Summe eingefroren.

Koreanische Kriegsverbrechen bleiben tabu

Viele internationale Historiker werfen der südkoreanischen Regierung Doppelmoral vor: Während die Politiker des Landes mit geradezu fanatischer Besessenheit auf die japanische Kolonialvergangenheit zeigen, bleiben die Kriegsverbrechen der koreanischen Soldaten im Vietnamkrieg noch immer tabu. Als im Vorjahr Zeitzeuginnen nach Südkorea reisten, wurden sie weitgehend von Reportern und Politikern ignoriert.

Die Aktivisten vor der japanischen Botschaft fordern nun, dass sich die südkoreanische Regierung endlich offiziell für die Massenerschießungen vietnamesischer Zivilisten entschuldigt. Sie möchten zu ihrem Gedenken eine zweite Statue errichten.

Während die Sonne allmählich untergeht, werden die Studenten rund um Bak In-hye von einer weiteren Gruppe abgelöst, die die Nachtschicht übernimmt. Alle paar Minuten schauen Passanten vorbei, um Instant-Kaffee und Snacks vorbeizubringen. Die Solidarität muntert die Studenten sichtlich auf. "Ich hoffe, wir halten noch lange durch", sagt Bak. Und fügt mit einem Lächeln an: "Nur meine Eltern sind gar nicht glücklich mit meinem Engagement. Sie meinen, ich soll mich lieber aufs Studium konzentrieren." (Fabian Kretschmer aus Seoul, 24.3.2016)

  • Das Protestcamp südkoreanischer Studenten vor der japanischen Botschaft in Seoul.
    foto: afp photo / jung yeon-je

    Das Protestcamp südkoreanischer Studenten vor der japanischen Botschaft in Seoul.

  • Die Statue soll an das Schicksal der koreanischen Zwangsprostituierten erinnern, die in der kaiserlichen Armee Japans dienten.
    foto: afp photo / jung yeon-je

    Die Statue soll an das Schicksal der koreanischen Zwangsprostituierten erinnern, die in der kaiserlichen Armee Japans dienten.

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