Sarajevo: Die Suche nach der Wahrheit serbischer Opfer

24. März 2016, 06:00
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In Kazani bei Sarajevo wurden im Krieg ermordete Serben in eine Felsspalte geworfen

Bis heute ist unklar, wie viele Personen dort 1992 und 1993 ermordet und in eine Felsspalte auf dem Berg Trebević geworfen wurden. 1993 wurden Leichen und Leichenteile von mehr als 20 Personen geborgen. Doch es werden mehr Opfer vermutet. Ermordet wurde etwa das Ehepaar Marina und Radoslav Komljenac, damals 62 und 72 Jahre alt und gebrechlich. Die Tochter konnte sie noch immer nicht begraben – die sterblichen Überreste wurden nicht gefunden. Kazani ist nicht der einzige Ort in Sarajevo, wo es zu Morden an Serben kam. Laut der Tageszeitung "Dani" sollen allein in den ersten acht Kriegsmonaten 39 serbische Bürger ermordet worden sein.

Der deutsch-französische Historiker Nicolas Moll, der in Sarajevo lebt, setzte sich mit den Morden an Serben innerhalb des belagerten Sarajevo auseinander. Unklar ist, wie systematisch die Morde durchgeführt wurden und wie sehr sie von der politischen Führung – insbesondere der bosniakischen Partei SDA – gedeckt wurden. Dazu brauchte es tiefere historische und gerichtliche Untersuchungen, moniert Moll.

"Izetbegović schützte Warlords"

Interessant ist eine Stellungnahme von Exgeneral Jovan Divjak zur Haltung der SDA, die damals von Präsident Alija Izetbegović geführt wurde: "Während er auf der einen Seite die Bosniaken aufforderte, Serben und Kroaten zu respektieren, schützte er auf der anderen Seite die Warlords, die in Sarajevo ihr Unwesen trieben." Für die Serben war die Situation im von bosnischen Serben belagerten Sarajevo doppelt schwierig. "Dani" schrieb im Jänner 1993, dass die Serben wie alle anderen Sarajlis Ängste "vor den Granaten und den Sniper-Schüssen von den Serben auf den Bergen" hatten, sich aber zusätzlich vor dem Kollektivvorwurf fürchteten und davor, aus der eigenen Wohnung oder vom Arbeitsplatz weggeführt zu werden und nie mehr zurückzukommen. Die Zahl solcher Fälle sei "schon auf mehrere Dutzend gestiegen, aber über diese Fälle wird leider öffentlich wenig gesprochen", so "Dani" damals.

Moll verweist darauf, dass die bosnische Regierung immer darum bemüht war, einen multiethnischen Staat und eine multiethnische Armee zu repräsentieren. Sarajevo stellte sich als Opfer der serbischen Aggression dar, und die Massenverbrechen wurden als charakteristisches Beispiel der Kriegsführung der anderen Seite gesehen. Kazani passte und passt da so gar nicht ins Bild.

Warlord Mušan Topalović

Kazani ist jedenfalls untrennbar mit dem Kommandanten der zehnten Bergbrigade, Mušan Topalović – genannt Caco – verbunden. Der Warlord war vor allem dafür bekannt, dass er Leute dazu zwang, Schützengräben zu schaufeln und insbesondere nichtmuslimische Zivilisten zu terrorisieren. Im Sommer 1993 widersetzte sich der einflussreiche Kommandant der Regierung.

Am 26. Oktober 1993 – als er festgenommen werden sollte – erschossen er und seine Leute neun Polizisten. Dann wurde Caco selbst getötet und ohne viel Aufhebens begraben. Nach dem Krieg, 1996, wurde er aber in einer von tausenden Menschen begleiteten Zeremonie auf dem Märtyrerfriedhof in Sarajevo beigesetzt. Caco gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Kazani-Verbrechen.

Den Umgang Sarajevos mit den Verbrechen kann man vorsichtig ausgedrückt als widersprüchlich bezeichnen. So wurde ursprünglich gegen Angehörige der zehnten Bergbrigade Anklage wegen Kriegsverbrechen erhoben, dann wurde diese aber in Mord umgewandelt. Dies geschah offensichtlich auf politischen Druck hin. Samir Bejtić, der bisher Einzige, der wegen Kriegsverbrechen in Kazani verurteilt wurde, wurde zweimal in nächster Instanz freigesprochen. Ein endgültiges Urteil steht noch aus. Für die Serben in Sarajevo ist es heute vor allem schwierig, dass der Verbrecher Caco von manchen Bosniaken noch immer als Held gesehen wird.

Die Situation hat sich in den vergangenen Jahre allerdings zum Positiven geändert, wie Moll meint. So besuchte der sozialdemokratische Politiker Svetozar Pudarić 2011 die Felsspalte in Kazani und legte Blumen nieder. Er kämpft für ein offizielles Gedenken und ein Denkmal. Kazani solle erinnert werden, denn "nur so kann gezeigt werden, dass dieses Land und diese Stadt zwischen Gut und Böse unterscheiden können", argumentiert er. Cacos Verbrechen seien umso schärfer zu verurteilen, weil die Täter "sich hinter dem Kampf für die Freiheit versteckend und diesen benutzend dasselbe getan haben wie diejenigen, die uns von außen eingekreist, erstickt und ermordet haben", so Pudarić.

Bosniakische Politiker meiden Kazani

Im Oktober 2014 wurde für die Opfer in Kazani eine Mahnwache in Sarajevo abgehalten. Zwei westliche Diplomaten suchten den Tatort auf und gedachten der Opfer. Bosniakische Politiker waren an dem Ort des Verbrechens gegen die Serben allerdings noch nie zu sehen. Eine positive Rolle spielen liberale Medien in Sarajevo, die die Heroisierung Cacos kritisierten. Beim Streit um Caco ginge es um zwei Versionen von Patriotismus, meint Moll: eine, in der keine eigenen Verbrechen anerkannt werden, und eine, in der diese Anerkennung als wichtig für das Selbstbild erachtet wird. "Es ist ein Prüfstein für jede Gesellschaft, ob sie in der Lage ist, nicht nur auf die eigenen Opfer zu verweisen, sondern auch eigenes Fehlverhalten einzugestehen. Erst dann ist es möglich, über ein gemeinsames Gedenken nachzudenken", so der Historiker.

Sein Kollege Haris Jusufović aus Sarajevo meinte kürzlich öffentlich: "Ich will die Wahrheit darüber wissen, was mit meinen serbischen Nachbarn in Sarajevo passiert ist." Seine Landsleute reagierten darauf meist mit Schweigen. Vor wenigen Wochen wurde in einem Park in der Stadt aber eine Steinplatte von der Zivilgesellschaft angebracht zum Gedenken an die Opfer von Kazani. Am Abend war diese verschwunden. Man könnte meinen, dass die Prüfung nicht bestanden wurde. Allerdings – so meint Moll – habe es bis jetzt nirgends in Bosnien einen "so kontinuierlich artikulierten Willen zur selbstkritischen Auseinandersetzung" gegeben wie im Fall Kazani. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 24.3.2016)

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