Russischer Schwimmsport unter schwerem Verdacht

23. März 2016, 17:49
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Nach einem Bericht der "Times" gibt es Beweise für "organisierte Drogenkultur" in den vergangenen zehn Jahren

Moskau/London – Nach der Leichtathletik wird auch der russische Schwimmsport laut einem Bericht der Zeitung "The Times" von einem gigantischen Dopingskandal erschüttert. Eine "Schande" überschreibt das seriöse englische Blatt am Mittwoch seinen langen Artikel, der auf umfangreichen Recherchen beruhe. Es gebe Beweise für eine "organisierte Drogenkultur" im russischen Schwimmsport in den vergangenen zehn Jahren.

Die "Times" enthüllte unter anderem Betrug durch einen bereits in Ungnade gefallenen Mediziner, mit illegalen Drogenlaboren und vertuschten Dopingtests. So soll Sergej Portugalow, Chefmediziner der seit vier Monaten suspendierten russischen Leichtathleten, auch den Schwimmern leistungssteigernde Mittel verabreicht haben.

Apotheke am Becken

Eine Zeugin sagte aus, dass es bei einem Wettkampf in Moskau am Schwimmbecken eine "Apotheke" gegeben habe, um die Athleten mit "Pillen und Medizin" zu versorgen. Zwei positiv auf das Blutdopingmittel EPO getestete Aktive seien nie bestraft worden. Laut "Times" wurden Zeugen eingeschüchtert. Ihnen wurden Repressalien angedroht, falls sie mit ihrem Wissen über Doping an die Öffentlichkeit gehen.

Zuletzt hatte der Fall von Weltmeisterin Julija Jefimowa für Aufsehen gesorgt. Ihr wird die Einnahme des verbotenen Herzmedikaments Meldonium vorgeworfen, seit dem 1. Jänner auf der Dopingliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Jefimowa wies dies sofort zurück. Sie wolle den Beweis ihrer Unschuld antreten.

WADA-Präsident Craig Reedie schloss Untersuchungen nicht aus. "Falls diese Vorwürfe korrekt sind, gehen sie sicherlich auch die WADA etwas an – und wir werden sie genau prüfen", sagte Reedie der "Times". Die russische Schwimm-Föderation dementierte umgehend, dass positive Dopingtest vertuscht worden seien. Ihm sei der Inhalt der Recherchen nicht bekannt, sagte Vizepräsident Viktor Awdinenko der Agentur Tass. "Den Schwimmverband bedrohen sie nicht, weil wir mit dem Arzt Sergej Portugalow nicht zusammenarbeiten", sagte Awdinenko. Zu Zeiten der Sowjetunion sei dieser zwar Teil des Stabs gewesen, habe jedoch nie in der Nationalmannschaft gearbeitet.

Der Weltverband (FINA) habe sich auf Anfrage der Zeitung vorläufig noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Portugalow habe nach E-Mail-Anfrage der Zeitung zwar Antworten zugesagt, sich dann aber nicht mehr gemeldet. Die Anti-Doping-Kommission im russischen Sportministerium kündigte eine Antwort "bis zum Wochenende" an. (APA/dpa, 23.3.2016)

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