Kriegsmüdigkeit eröffnet Chance auf Jemen-Gespräche

24. März 2016, 07:00
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Die saudisch geführte Intervention im Jemen geht ins zweite Jahr. Die militärische Bilanz für Riad ist ernüchternd – und die USA sehen mit Sorge, wie Al-Kaida und der IS vom Krieg profitieren

Sanaa/Wien – Es ist fast auf den Tag ein Jahr her, dass eine saudisch geführte Allianz ihre militärische Intervention im Jemen begann: gegen die Huthi-Rebellen beziehungsweise die Ansarullah-Bewegung, die zuvor Teile des Landes inklusive der Hauptstadt Sanaa und der Kapitale des Südens, Aden, unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Einer von einer Seeblockade begleiteten Bombenkampagne aus der Luft folgte eine Intervention am Boden, um die von den Huthis verdrängte Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi wieder zu installieren. Hadi residiert heute wieder in Aden, Sanaa ist noch immer unter Kontrolle der Huthis.

Die unterschiedlichen Agenturnachrichten rund um den Jahrestag geben die Situation im Jemen ganz gut wieder:

Die USA haben am Dienstag bei einem Luftangriff auf ein Lager in der Nähe von Mukalla, der von Al-Kaida kontrollierten Hauptstadt der südlichen Provinz Hadramaut, mindestens 50 Al-Kaida-Kämpfer getötet. Das UN World Food Programm (WFP) gibt bekannt, dass mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung akut von Hunger bedroht ist. Der Uno-Menschenrechtskommissar erklärt, dass es sich bei der Bombardierung eines Marktes in Mustaba im Nordwesten des Landes durch die saudisch geführte Koalition vergangene Woche um ein "internationales Verbrechen" handeln könnte. Und zuletzt: Ab Mitte April soll es in Kuwait Friedensverhandlungen geben.

Frühere Versuche, den Krieg zu beenden, sind fehlgeschlagen: Aber offenbar gibt es nun neuen Druck von den die Saudis logistisch unterstützenden USA: Dass womöglich mit US-Gerät und -Assistenz Kriegsverbrechen begangen werden könnten, ist einer der Gründe für die US-Ungeduld – aber auch, dass die größten Nutznießer des Kriegs im Jemen bisher Al-Kaida und "Islamischer Staat" heißen. Das bereits vorigen Juli befreite Aden wird heute von islamistischen Milizen dominiert und versinkt in Chaos und Gewalt: ein Menetekel, was aus dem ganzen Jemen, in dem es ja auch eine sezessionistische Bewegung im Süden gibt, werden könnte.

Die Erfahrung, die Riad mit der Intervention gemacht hat – für die allgemein der junge Vizekronprinz und Verteidigungsminister Muhammed bin Salman (MbS) verantwortlich gemacht wird -, muss ernüchternd sein: Die saudisch-jemenitische Grenze, sogar das saudische Territorium hat sich als verletzlich erwiesen. Fortschritte wurden mit großen Opfern erkauft – auch auf Seite der Alliierten, von der es aber nur inoffizielle Zahlen über Tote und Verletzte gibt, angeblich in den Tausenden. Auch tausende jemenitische Zivilisten sind tot, niemand hat hier einen verlässlichen Überblick.

Hohe Kosten, große Opfer

Für das unter dem – wenngleich selbstgemachten – tiefen Ölpreis leidende Saudi-Arabien kommen auch die hohen Kosten für den Krieg zur Unzeit. Nicht nur die eigenen: Länder wie Ägypten und der Sudan, die in der Allianz dabei sind, müssen entschädigt, Söldnertruppen bezahlt werden.

Deshalb gibt es nun seit einiger Zeit Bewegung, die sogar zu einer Einladung von Huthi-Vertretern zu Vorgesprächen in Riad geführt hat. Vermittler war wie so oft der Oman, der sich als einziges Land im Golfkooperationsrat der Saudi-Allianz nicht anschloss.

Bei den Saudis hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die schiitisch-zaiditischen Ansarullah in eine politische Lösung im Jemen eingebunden werden müssen. Forderungen, dass die Huthis vor den Verhandlungen die Waffen niederlegen und sich in ihre Gebiete im Norden zurückziehen, wurden offenbar fallengelassen. Saudi-Arabien dürfte eine Garantie für die Grenze wichtiger sein: Die erfolgreichen Huthi-Angriffe auf saudisches Territorium waren ein peinliches Zeichen von Schwäche. Aber auch die Huthis wissen, dass sie sich nicht auf Dauer halten können. Die stets groß propagierte Unterstützung aus dem Iran ist beschränkt.

Ziel der Gespräche wird eine Einheitsregierung sein: Ob Hadi, der nur begrenzt Unterstützung hat, auf Dauer bleibt, ist fraglich. Unklar ist auch, wie der im Februar 2012 zum Abtritt gezwungene Langzeitmachthaber Ali Abdullah Saleh, jetziger Alliierter der Huthis (deren Aufstand er als Präsident bekämpfte), zu dem Versuch einer Verständigung steht.

Einen weiteren starken Spieler, Ali Mohsen al-Ahmar, den früheren zweiten Mann hinter Saleh, hat Hadi auf seine Seite zu ziehen versucht, indem er ihn zum Vizearmeechef machte. (Gudrun Harrer, 24.3.2016)

  • Wachsende Kritik: Amnesty International demonstriert in London gegen Waffenlieferungen an Riad.
    foto: afp / leon neal

    Wachsende Kritik: Amnesty International demonstriert in London gegen Waffenlieferungen an Riad.

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