Eintritt in die geschlossene Gesellschaft

23. März 2016, 17:20
122 Postings

Alessandro Schöpf könnte es im letzten Moment zur EM nach Frankreich schaffen. Teamchef Marcel Koller schaut sich den 22-jährigen Legionär von Schalke genau an. Im Mittelfeld wäre ein Platz frei. Der Debütant aus Tirol möchte ihn haben

Stegersbach – Ein paar unverbindliche Sätze hat Marcel Koller mit Alessandro Schöpf bereits gewechselt. Der Teamchef hat sich über das werte Befinden erkundigt, ihn willkommen geheißen. Der 22-jährige Tiroler wurde erstmals einberufen. Das ist insofern eine Rarität, als das Nationalteam eine ziemlich geschlossene Gesellschaft ist. Wobei die Tür einen Spalt offen ist, offen sein muss. Denn Koller will Begabten nicht die Resthoffnung rauben.

Er hat angekündigt, mit Schöpf einiges ausprobieren zu wollen, auch ein eingeschworener Haufen muss auf Eventualitäten (Verletzungen, Formkrisen) vorbereitet sein. Vielleicht bekommt er am Samstag gegen Albanien ein paar Einsatzminuten. Oder am Dienstag gegen die Türkei. Schöpf weiß es nicht, er hofft es. Seine Aufnahme so kurz vor der EM hat ihn überrascht, in aller Demut macht er aber darauf aufmerksam, "dass bei mir einiges passiert ist".

Im Jänner ist er vom Zweitligisten Nürnberg zu Schalke transferiert worden, die Ablöse dürfte bei sechs Millionen Euro gelegen haben. Der Vertrag gilt bis 2019. Eineinhalb Jahre hat er den Franken gedient, in 51 Partien netzte er elfmal. Bei den Königsblauen hat er sich rasch akklimatisiert, zwei Tore belegen den guten Eindruck. "Schalke ist ganz anders, da wird von außen Druck gemacht, die Medienlandschaft ist wild. Dabei sind wir Vierter."

Typische Karriere

Schöpf hat eine mittlerweile typische österreichische Karriere hingelegt. Er hat die heimische Bundesliga komplett ausgelassen. Die leidet unter dieser Entwicklung, im aktuellen 23-Mann-Kader ist sie nur durch Tormann Robert Almer vertreten. Bei der Heim-EM 2008 brachte sie es auf 13 Spieler. Schöpf: "Es gibt viele Wege zum Erfolg, du musst den passenden nur finden."

Schöpf hat seinen gefunden. Geboren in Umhausen im Ötztal war er anders als seine Freunde. "Die gingen mit Skiern ins Bett, ich mit dem Fußball." Als 15-Jähriger wechselte er vom BNZ Tirol zu Bayern München. Dort genoss er eine nahezu perfekte Ausbildung, allerdings hat er gemerkt, "dass es schwierig ist, sich durchzusetzen". Die Übersiedlung im Sommer 2014 nach Nürnberg war keine Flucht, "sondern eine vernünftige Entscheidung".

In Stegersbach teilt er das Zimmer mit Stefan Ilsanker, die Aufnahme, sagt Schöpf, "war herzlich. Es gab keinen Grund, nervös zu sein. Die Qualität hier ist extrem hoch, das Klima toll." Die Kollegen sind vom Neuen angetan. Aleksandar Dragovic sagt: "Eine Bereicherung, gute Technik." Julian Baumgartlinger bestätigt das: "Passt vom Können, er ist vielseitig und intelligent."

Der Gelobte will "einfach Gas geben. Ich konzentriere mich voll auf diesen Lehrgang, den Rest kann ich nicht beeinflussen." Schöpf ist im Mittelfeld an verschiedenen Positionen einsetzbar. Er selbst bevorzugt die zentrale Rolle hinter der Spitze, die nimmt im Team Zlatko Junuzovic ein. Auf Schalke wird er rechts verwendet. Er akzeptiert das zum Fußball gehörende Grundprinzip: "Ich spiele dort, wo mich der Trainer aufstellt. Heutzutage ist die Vielseitigkeit entscheidend." Da Stillstand ein Gräuel ist, sieht Schöpf bei sich Verbesserungsbedarf. "Ich muss entschlossener in Zweikämpfe gehen. Mein Kopfballspiel ist ausbaufähig."

Alessandro Schöpf hat die Tür nach Frankreich jedenfalls einen Spalt geöffnet. Sie wird wieder zufallen. Im Idealfall hinter ihm. (Christian Hackl, 24.3.2016)

  • Alessandro Schöpf ist nicht vor Ehrfurcht erstarrt, er hat sich gut eingefügt. Ob es für Frankreich reicht, entscheidet natürlich der Teamchef. "Ich kann nur Vollgas geben."
    foto: apa / robert jäger

    Alessandro Schöpf ist nicht vor Ehrfurcht erstarrt, er hat sich gut eingefügt. Ob es für Frankreich reicht, entscheidet natürlich der Teamchef. "Ich kann nur Vollgas geben."

Share if you care.