Elektrisiert vom Neuen, geplagt vom Stillstand

Porträt24. März 2016, 08:00
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Kreativgeist, Ökofaible und Lifestyle: Milo Tesselaar wirkt wie der Prototyp des grünen Bobos. Doch der 33-jährige Unternehmer leitet die Kampagne für Irmgard Griss – weil er mehr Gedankenfreiheit will

Wien – Wer mit Milo Tesselaar über seinen Star spricht, braucht Zeit. Viel fällt ihm zu Irmgard Griss ein, und alles davon hebt sie von den Niederungen der Politik ab. Erfahren und kompetent sei die 69-Jährige, aber auch "total auf dem Boden geblieben". Zivilcourage und nicht die Protektion einer Partei trieben Griss an, sie habe "Biss, Energie und Mut, sich über Konventionen hinwegzusetzen": "Sie ist eine Kandidatin, wie du sie per Drehbuch erfinden könntest."

Werbung gehört zum Geschäft Tesselaars, schließlich leitet er die Kampagne der pensionierten Höchstrichterin für die Präsidentenwahl. Doch der 33-Jährige mit der Secondhandbrille und der gegelten Haartolle macht es einem nicht leicht, die Lobeshymnen als einstudiertes PR-Geschwafel abzutun. Ehrlich begeistert wirkt Tesselaar, fast schon berauscht von ersten Teilerfolgen. Mehr als 12.000 Unterstützungserklärungen hätten Griss und das Team gesammelt, rechnet er vor: Rekord für eine Kandidatin ohne Partei im Rücken.

Sozialisiert im Stillstand

Das Neue, das Unerprobte habe ihn stets elektrisiert, erzählt Tesselaar. Es möge zwar platt klingen, doch ein bisschen liege das wohl an den Genen – immerhin ist der Vater Niederländer, "und das ist ja ein innovationsfreudiges Volk". Schon als Volksschüler habe er nicht verstanden, warum der Unterricht so starr und stur ablaufen müsse, die große Schulreform vermisst er bis heute: "Ich bin politisch sozialisiert im Reformstillstand."

Auch die Perspektive, an einer "verschulten" Universität für den Arbeitsmarkt getrimmt zu werden, erscheint dem Grazer zu eng. Seinem Unternehmergeist lässt er in unzähligen Projekten freien Lauf, vorerst in seiner Heimatstadt, seit zehn Jahren auch in Wien: Tesselaar veranstaltet Partys, Konzerte, Diskussionen, arbeitet an Theater- und Videoproduktionen, gründet die "Smallest Gallery" – ein "Off-Space" für Kunst im öffentlichen Raum in Graz – ebenso wie die Swingtanzschule IG Hop.

Ökobewusstsein ohne Bioladenmief

Neben der Kultur treibt ihn der Umweltgedanke um – ein Erbe der Mutter, die in Graz die älteste Samenfachhandlung Österreichs betreibt. Das "Stadtkind ohne Führerschein" gibt bis 2010 das Magazin "Biorama" heraus, das Ökobewusstsein vom Bioladenmief befreien und mit schickem Lifestyle versöhnen soll. Modische Dinge, fair produziert – auch wenn Tesselaar solche Punzierungen nicht mag, das klassische Bobo-Prinzip.

Logisch, dass der "zukunftsgetriebene Sozialliberale" laut Eigendefinition bei den Grünen anstreift: 2007 konzipiert er jene Wahlkampagne mit, die Spitzenkandidatin Lisa Rücker prompt zur grünen Vizebürgermeisterin der Stadt Graz macht. Warum im aktuellen Wahlkampf dann nicht Alexander Van der Bellen? Auch der sei längst zu sehr in den eingefahrenen, parteipolitischen Usancen gefangen: "Griss hat viel mehr Gedankenfreiheit."

Warum Griss unpolitisch rüberkommt

Kennengelernt hat Tesselaar die Präsidentin in spe bei einem Workshop im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach. Mitveranstalter war seine Firma Freims, die Unternehmen und andere Organisationen berät, wie sie sich – erraten – "neu" denken können. Die Juristin habe dort die Vision einer Rechtssprache ausgebreitet, die so einfach formuliert ist, dass es keine Anwälte brauche – so überzeugend, dass Tesselaar "einer von Hunderten" wurde, die Griss zur Kandidatur drängten.

Doch ist das neue Terrain für die einstige Leiterin der Untersuchungskommission zum Hyposkandal wirklich das passende? Äußert sich Griss mitunter nicht vage, wenn nicht gar unpolitisch? Das komme so rüber, weil sie als "extreme Vertreterin der Sachlichkeit" zu differenzieren versuche, erklärt ihr Kampagnenleiter. Weil Politik jedoch nicht nur sachlich ablaufe, müsse Griss wohl etwas "griffiger, klarer, prägnanter" werden, sagt Tesselaar, gibt aber auch zu bedenken: "Das Neue ist immer ein bissl unkonkret." (Gerald John, 24.3.2016)

  • "Das Neue ist immer ein bissl unkonkret": Milo Tesselaar ist dazu da, Irmgard Griss' Wahlkampf Profil zu geben.
    foto: matthias cremer

    "Das Neue ist immer ein bissl unkonkret": Milo Tesselaar ist dazu da, Irmgard Griss' Wahlkampf Profil zu geben.

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