Brüssel und das Schweigen der Muslime

Kommentar der anderen23. März 2016, 16:59
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Terror im Namen Allahs und kein Protest dagegen: Undurchsichtige Anpassungszwänge erschweren das Ankommen von Menschen islamischen Glaubens in der pluralistischen Gesellschaft

Millionen gläubige Muslime in ganz Europa waren über die Mordanschläge von Brüssel ebenso entsetzt wie die übrige Bevölkerung. Daran kann kein Zweifel bestehen. Aber warum geben sie ihrem Entsetzen nicht öffentlich Ausdruck?

Wo bleiben die Tausenden, die nun auf die Straße gehen und Tafeln mit der Aufschrift "Dies ist nicht unser Islam!" mittragen, wo bleiben die Transparente "Keine Milde mit solchen Mördern!" und die Rufe "Diese Untaten verstoßen gegen den Glauben"? Wieso gehen, in Österreich, nach solchen Ereignissen nicht wenigstens so viele Muslime auf die Straße wie seinerzeit gegen die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands Posten oder gegen den geradezu niederträchtig schlechten amerikanischen Mohammed-Film? Das waren im ersten Falle, 2006, immerhin Hunderte in Graz und Wien, 2012 in letzterem wiederum Hunderte in Klagenfurt und Wien.

Nach Schreckenstaten wie in Paris und Brüssel tritt zwar oft das eine oder andere Grüppchen von Musliminnen und Muslimen auf, um Blumen am Tatort niederzulegen. Ihnen gebührt Respekt. Ein Ersatz für die sichtbare Reaktion der muslimischen Gemeinschaft sind sie aber ebenso wenig wie die Distanzierungen ihrer Sprecher, auch wenn sie noch so ehrlich klingen. Sie schweigen, als würden sie die im Namen ihres Glaubens begangenen Verbrechen nicht berühren. Zwei Attentäter erschossen am 7. Jänner 2015 in der Redaktion von Charlie Hebdo, "Allahu Akbar" und "Wir haben den Propheten gerächt!", rufen zehn Menschen – der Aufschrei blieb aus. Dafür fragte ein junger Mann vor Wiens Islamischem Zentrum in einer Wortspende für das österreichische Fernsehen, ob es nicht der amerikanische Geheimdienst gewesen sein könnte. Es folgte das Blutbad vom 13. November – wenn die österreichischen Muslime entsetzt waren, gaben sie es wiederum nicht zu erkennen.

In Europa zu Hause?

Muslime, die wirklich in Europa angekommen sind, sollten auch nicht schweigen, wenn ein unliebsamer Autor von religiösen Autoritäten offen mit dem Tod bedroht wird. Die Fatwa gegen den in Deutschland lebenden Rapper Shahin Najafi ging nicht von der höchsten Autorität des iranischen Staates aus, wie einst das von Ayatollah Khomeini ausgesprochene Todesurteil gegen Salman Rushdie. Schon damals reagierten die demokratischen Staaten mit eigenartiger Zurückhaltung auf einen völkerrechtswidrigen Eingriff in ihre Rechtsordnungen. Die Fatwa gegen Najafi wurde im Mai 2012 "nur" vom Großayatollah Scheich Lotfollah Safi Golpayegani verhängt. Offenbar missfiel ihm vor allem Najafis Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen im Iran. Dem Mörder wurden 100.000 Dollar versprochen.

Zum Fememord aufgerufen

Fememord war eine Spezialität der Nazis, als sie noch nicht an der Macht waren. Oder rassistischer Organisationen wie des Ku-Klux-Klan. Iranische Großayatollahs bescherten uns eine Neuauflage dieses besonders niederträchtigen Verbrechens. Die Fatwa gegen Najafi wegen Gotteslästerung und Abfall vom Glauben wurde im Mai 2015 erneuert. Die Muslime schwiegen dazu.

Jeder, für den Demokratie, Rechtsstaat und Humanität zu den Werten zählen, die es zu verteidigen gilt, muss sich auch zu den Rechten der in dieser Gesellschaft lebenden Muslime bekennen und sie, ob Flüchtlinge oder schon lange da, verteidigen. Sie haben unsere Unterstützung bitter nötig. Doch ohne, sprechen wir es ruhig einmal aus, Verinnerlichung der Grundsätze von Demokratie, Rechtsstaat und Toleranz bleibt auch ein gemäßigter Islam, der mit Hasspredigern und Terrorismus nichts am Hut hat, sich aber auch nicht aus seiner Indifferenz in diesen Fragen aufrafft, ein undurchschaubarer Bereich dieser Gesellschaft, der sich über das Misstrauen seiner Umgebung nicht wundern sollte.

Leider sind wir noch lange nicht so weit, dass der aufgeklärte, im pluralistischen Europa angekommene Muslim den weniger aufgeklärten, hier noch nicht so ganz angekommenen Muslim davon überzeugt, dass in dieser Welt die Frau genau so viel wert ist wie der Mann, dass seine Tochter heiraten darf, wen sie will, dass er keine Rücksicht auf den Propheten fordern kann, die auf keinen Jesus mehr genommen wird, und dass man sich in Europa lustig machen darf, worüber man will. Und dass die Muslimin ihr Kopftuch tragen, sich aber nicht wundern darf, wenn dies nicht als Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft, sondern zu einer geschlossenen Glaubenswelt mit ausgeprägtem Machtanspruch verstanden wird.

Nein, so weit sind wir nicht. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass das Gegenteil der Fall ist. Dass die in Österreich und ganz Europa lebenden Muslime Anpassungszwängen unterliegen, die ihre Integration in die Gesellschaft, in der sie leben, blockieren und Assimilationswilligen die Assimilation erschweren. Neonazis, Rechtspopulisten und Reaktionäre sabotieren die Akzeptanz und die Emanzipation der Muslime von außen, Selbstabschottung und interner Anpassungsdruck, der nichts anderes als Machtausübung ist, sabotieren sie von innen. Das Schweigen zu den im Namen ihres Glaubens begangenen Verbrechen ist Symptom dieses Zustands. (Hellmut Butterweck, 23.3.2016)

Hellmut Butterweck (Jahrgang 1927) schreibt hauptsächlich über Zeitgeschichte und Ökonomie. Sein Buch "Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien" wird am 14. April im Jüdischen Museum präsentiert.

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