Lutz Bacher: Das Leben nach dem großen Rutschen

23. März 2016, 16:54
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Seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens verbirgt die Künstlerin ihre eigene Identität hinter einem Pseudonym. Für den Hauptraum der Secession hat sie die Rauminstallation "More Than This" geschaffen

Wien – Keine Trennwände versperren mehr den Blick. In maximaler Offenheit präsentiert sich der Hauptraum der Secession, während man durch Lutz Bachers faszinierende Installation More Than This streift. Sie besteht aus Einzelteilen einer zerlegten Röhrenrutsche. Spannungsvoll im Raum verteilt, muten Kurvenstücke wie große Muscheln, Schalen, Münder an, oder wie U-Boot-Periskope.

Wer genau hinschaut, schmunzelt vielleicht über verblichene Sticker auf dem schmutzigen Plastik, auf denen "Global Lifestyle Essentials" steht: Bacher hat die Rutschenteile als Altstoff gefunden. Aufs Podest der Kunst gehoben, verbinden sie sich in der Secession mit großen, schwarz-weißen Baumbildern an den Wänden zur Atmosphäre eines Spielplatzes, den niemand mehr benutzen wird. More Than This ist eine von künstlichem Tageslicht durchflutete Dystopie, berückend in ihrer Spannung, die sich aus erstaunlich kleinen Gesten speist.

Man könnte eine Besprechung über Lutz Bachers Personale an dieser Stelle enden lassen, und vielleicht sollte man das der Korrektheit halber sogar tun. Lutz Bacher selbst – abseits des Pseudonyms eine Künstlerin – hält Hintergrundinformationen zu ihrem schwer kategorisierbaren Werk nämlich gerne zurück. In diesem hat sich die seit den 1970er-Jahren tätige, in New York lebende Künstlerin Sinnstiftung, Konsistenz und Berechenbarkeit beharrlich zu entziehen versucht.

Die künstlerischen Strategien lassen sich mit Begriffen wie Appropriation, also Aneignung, oder Neukontextualisierung umreißen.

Bacher verwendete etwa Fundstücke aus dem Altwarenladen oder Versatzstücke der Popkultur, bezog sich auf Comicfiguren ebenso wie den Playboy. Dabei verknüpfte sie ihre vielgestaltigen Referenzen zu bisweilen widersprüchlichen Aussagen betreffend Feminismus, Körper oder Machtstrukturen.

Wenn nun Bacher sich in Interviews spröde gibt, ihre genauen Beweggründe im Unklaren lässt, dann wohl nicht zuletzt im Sinne eines alten Wunsches der Kunst nach unbefangenem Publikum. Dem Wunsch nach einem Betrachter, der hinnimmt, was eben da ist, ohne sich sofort alles erklären zu wollen. Diese Absicht mag man auch darin erkennen, dass Bacher sogar die offizielle Presseinformation zu More Than This einbezogen hat.

Ohne Einordnung

Zwar gibt die Secession ihrerseits auf der Webseite Einblicke in das Schaffen Bachers. In der Information für Journalisten, dort, wo normalerweise von Intentionen und Ideen die Rede ist, wo alles Verwirrspiel der Kunst spätestens "eingeordnet" und verstehbar gemacht wird, fällt einem bei Bacher aber vor allem eine handschriftliche Notiz ins Auge: "Wenn im Wald ein Baum umfällt, und keiner ist da, fällt der Baum um?"

Man könnte das als Hinweis auf eine "Entwicklung" in Bachers Werk lesen. Immerhin findet ihre Frage nicht nur in der Philosophie, sondern auch in den Baumbildern von More Than This einen Anknüpfungspunkt. Einen solchen Bezug gab es 2008 nicht, als Bacher anlässlich einer Schau in San Francisco schlicht ein Puddingrezept an die Presse verschicken ließ. (Roman Gerold, 23.3.2016)

Secession, bis 3.4.

  • Für "More Than This" arrangierte Lutz Bacher Teile einer Röhrenrutsche im Hauptraum der Secession.
    foto: oliver ottenschläger

    Für "More Than This" arrangierte Lutz Bacher Teile einer Röhrenrutsche im Hauptraum der Secession.


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