Drecksjobs mit Fairfaktor

23. März 2016, 16:04
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Fairphone kauft demnächst das Metall Wolfram aus dem armen afrikanischen Land Ruanda. Die Löhne der Bergarbeiter steigen erst einmal nicht, aber die Minenbetreiber können zumindest in einen Ausbau der Sicherheitsvorkehrungen investieren

Ein rechteckiges, schwarzes Loch, zwei Holzpfosten rechts und links, einer darüber quer: Das ist der Eingang zur Mine. Wer hineinwill, muss in die Knie und aufpassen, dass er mit dem Helm nicht gegen die niedrige, scharfkantige Decke stößt. Nach zehn Metern geht es schräg abwärts, die Felsen kommen näher. Runter auf alle viere. Dunkel.

Dieser Stollen sticht in einen Bergrücken auf gut 2000 Meter Höhe im Gebiet Kagogo des afrikanischen Staates Ruanda. Die kongolesische Stadt Goma ist etwa zwei Autostunden entfernt. Hier wird das Metall Wolfram abgebaut, ohne das Smartphones nicht funktionieren. Das schwere Mineral steckt als Gegengewicht im Vibrationsmechanismus auch des Fairphones, des Handys mit dem Gutes-Gewissen-Faktor.

Im Gegensatz zu Konzernen wie Apple oder Samsung verspricht die Firma aus Amsterdam, kaum Gewinne zu machen, ihre Geräte ökologischer zu bauen und für bessere Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette zu sorgen. Ab 24. März bietet die Deutsche Telekom-Tochter T-Mobile Österreich die Geräte erstmals für den Massenmarkt an. Unter dem Berg in Ruanda jedoch drängt sich die Frage auf: Was kann an den Drecksjobs der Arbeiter hier unten fair sein?

Arbeit wie im Mittelalter

Vorn sind nun dumpfe Schläge zu hören. Dort hockt ein Bergmann. Er trägt einen blauen Overall, Atemmaske über Nase und Mund, Schutzbrille und einen gelben Helm mit Lampe. Mehr Licht hat er nicht. Es ist heiß und staubig. Der Mann atmet schwer, stöhnt bei jedem Schlag. Mit dem Hammer in seiner Rechten drischt er einen langen Stahlmeißel ins Gestein. Irgendwelche technischen Geräte zur Unterstützung? Hier nicht. Solche Bergleute arbeiten wie im Mittelalter. Sie brechen den Stein mit der Kraft ihrer Hände, zerkleinern die Brocken mit dem Hammer, stecken sie in Säcke, zerren und schieben sie an das Tageslicht.

Vor dem Eingang des Nachbarstollens steht Josiane Mugemi. Sie trägt dunkelblaue Regenkleidung mit der Aufschrift "New Bugarama Mining Company". Mugemi sagt, dass sie etwa 100.000 ruandische Francs pro Monat verdient. Das sind 120 Euro. Der Grundlohn beträgt um die 50.000 Francs – 60 Euro. Wer mehr Wolfram aus dem Berg herausholt, erhält eine höhere Summe.

Für sie und ihren Sohn würde dieser Lohn ausreichen, sagt Mugemi. Sie könne damit den kompletten Lebensunterhalt bestreiten und auch das Schulgeld bezahlen, obwohl sie keine Landwirtschaft zur Selbstversorgung betreibe. Ein wichtiger Punkt: Sehr viele Haushalte in Ruanda bauen selbst Nahrungsmittel an, halten Hühner oder Ziegen.

Die Bergleute müssen deshalb mit der Schufterei in der Mine nur einen Teil des Haushaltseinkommens sichern. Und auch im Vergleich mit anderen Berufen stehen sie nicht schlecht da: Ein Lehrer auf dem Land erhält vielleicht 40.000 Francs, eine Bedienung im Restaurant in der Hauptstadt Kigali 50.000.

Entwicklung vorantreiben

Reicht das nun, um das Label "Fair" zu rechtfertigen? Schließlich will Fairphone den Beweis antreten, dass Elektronikhersteller, wenn sie nur wollen, bessere Bedingungen bieten können als der Durchschnitt. Laura Gerritsen aus der Fairphone-Zentrale stapft durch den ruandischen Bergwald. Sie räumt ein: Die Löhne der Bergleute steigen jetzt nicht, weil Fairphone hier Wolfram kauft. Allerdings habe die Mine bereits in mehr Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter investiert. Und über weitere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen werde man mit dem Management bald verhandeln.

Die Niederländerin ist zufrieden. Denn sie fühlt sich fast am Ziel. Mit dem Management der Mine laufen gerade die letzten Absprachen: Dann wird Fairphone der österreichischen Firma Wolfram Bergbau 50 Kilogramm Metall pro Jahr abnehmen und in die Endfertigung der Handys nach China schicken. Die Österreicher beziehen den Stoff von der New Bugarama Mining Company.

Als Fortschritt, den Fairphone hier bewirkt, stuft Gerritsen diese Entwicklung ein: 2014 habe es quasi einen Boykott für Wolfram aus der Region gegeben. Wenn überhaupt, konnten ruandische Minen damals nur zu niedrigen Preisen exportieren. Der Grund: Die USA hatten 2010 das sogenannte Dodd-Frank-Gesetz beschlossen. Seitdem müssen Unternehmen, die Erz aus Ost- und Zentralafrika beziehen, bestätigen, dass ihre Lieferanten nicht den Krieg im Kongo mitfinanzieren. Viele internationale Käufer wollten erst gar nicht unter Verdacht geraten und kauften die Rohstoffe lieber ganz woanders, beispielsweise in China.

Damit Firmen wie die österreichische Wolfram Bergbau schließlich doch wieder Material aus Ruanda importierten, brauchte es viele Fürsprecher. Laura Gerritsen sieht Fairphone als einen der Akteure, die sich für Ruanda eingesetzt haben. "Mit unserer Einkaufspolitik wollen wir Entwicklung befördern. Wir schaffen zusätzliche Nachfrage nach Produkten, um die lokale Ökonomie in der Region der Großen Seen zu unterstützen", sagt Gerritsen. (Hannes Koch aus Kagogo, 24.3.2016)

  • Die Arbeiter in der Mine in Ruanda gewinnen das Metall Wolfram, das in Smartphones enthalten ist.
    foto: hannes koch

    Die Arbeiter in der Mine in Ruanda gewinnen das Metall Wolfram, das in Smartphones enthalten ist.

  • Die Arbeit ist hart, ihnen stehen keine technischen Hilfsmittel zur Verfügung, sie brechen das Gestein mit der Kraft ihrer Arme.
    foto: hannes koch

    Die Arbeit ist hart, ihnen stehen keine technischen Hilfsmittel zur Verfügung, sie brechen das Gestein mit der Kraft ihrer Arme.

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