Gaucks Chinabesuch lässt die Aktienkurse steigen

23. März 2016, 15:55
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Pekings Führung behandelte den deutschen Bundespräsidenten mit großer Achtung – Dahinter steckt auch Kalkül

China ist noch weit weg, aber Europa rückt immer näher: "Soll ich sagen, dass ich gerade in China bin?", fragte Bundespräsident Joachim Gauck unsicher in die Kamera. Er hatte von den Brüsseler Attentaten erfahren, als er auf der zweiten Station seines China-Besuchs von Peking kommend in Schanghai eintraf.

Gauck war es persönlich ein Anliegen, sein Beileid der belgischen Nation und Bevölkerung so schnell wie möglich auszusprechen, auch vom Standort Schanghai aus. "Vor vierzehn Tagen war ich auf Staatsbesuch in der Hauptstadt Europas. Ich habe das Bild der Stadt und ihrer Menschen noch vor Augen." Die erschütternden Ereignisse seien auch ein Anschlag auf "unsere Vorstellungen von der Freiheit".

Um freiheitliche Werte geht es auch bei der China-Visite von Gauck. Aber es handelt sich nicht um die Abwehr des mörderischen internationalen Terrorismus, wo Peking international längst mit im Boot aller dagegen kämpfender Nationen sitzt. Gaucks erste China-Reise drehte sich um den schwierigen Versuch, mit Peking in einen Diskurs zu treten, was eine demokratisch und freiheitlich verfasste Gesellschaft ausmacht.

Chinas Staatschef Xi Jinping nahm sich trotz des heiklen Themas auffallend viel Zeit für den deutschen Präsidenten. Gauck lobte dessen Eigenschaft, geduldig zuhören zu können. Seine offiziellen Gespräche mit Xi dauerten mit zwei Stunden in großer und kleiner Runde viel länger als geplant. Zudem eröffneten beide Präsidenten in der Pekinger Großen Halle des Volkes das Jahr des bilateralen Jugendaustauschs mit einem Festakt.

Faust

Neben Liedern und der Inszenierung einer Szene aus Goethes "Faust" in der Form einer Pekingoper hielt Xi vor hunderten deutschen und chinesischen Jugendlichen eine launige Rede. Danach lud er den einstigen Pfarrer und DDR-Oppositionspolitiker zum Staatsbankett. Pekings starker Mann weiß, dass Gauck für demokratische und freiheitliche Grundsätze steht, für die Xi seine Landsleute scharf verfolgen lässt, sobald sie dafür öffentlich eintreten.

Die Umgarnung Gaucks setzte am Dienstag auch das scharfzüngige ideologische Parteiblatt "Global Times" fort. in einem Leitartikel schrieb sie, dass die "von Gauck propagierten Werte nicht die Sache der meisten Chinesen sind". Doch die Zeitung attackierte ihn nicht. Gauck würde schnell erkennen, dass sich Chinas Vielfältigkeit nicht mit dem Zustand vergleichen lasse, den er in jungen Jahren in Ostdeutschland erlebt hat. China sei "grundsätzlich anders". Ebenso überraschend wie absurd schrieb die "Global Times" dann: "Die Erlebnisse, die Gauck einst machte, prägten sein politisches und Menschenrechtsverständnis. Dafür haben wir großes Verständnis und Respekt." Es war ein Kommentar mit Windungen und Wendungen einer Zeitung, die sonst vor Polemiken trotzt.

Antikommunist

Pekings Führung hatte sich auf den politisch schwierigen Besuch Gaucks gut vorbereitet, dessen Biografie als Antikommunist ihr wohl bekannt ist. Sie baute aber jedem Affront gegen den Repräsentanten des für China so wichtigen "strategischen Partnerlandes in Europa" vor. Selbst die allgegenwärtige Staatssicherheit machte nur halbherzige Anstalten, ein Montagnacht in der deutschen Botschaft arrangiertes Treffen Gaucks mit sieben Aktivisten der Zivilgesellschaft zu verhindern, darunter die bekannten Menschenrechtsanwälte Mo Shaoping und Shang Baojun. Beide Juristen, die viele Bürgerrechtler verteidigen, waren früher immer von der Polizei gestoppt worden, wenn deutsche Politiker nach einem privates Gespräch mit ihnen suchten.

Am Dienstag konnte Gauck im neuen Goethe-Institut im Künstlerviertel "798" auch fünf bekannte Autoren treffen, die das heutige China aus dem Blickwinkel gesellschaftskritischer Schriftsteller sehen. Gauck sagte danach, er sei froh, "dass ich nicht nur wahrnehmen kann, was ich von Regierungsseite wahrnehmen soll". Vom preisgekrönten Bestsellerautoren Liu Zhenyun erhielt er dessen in Millionenauflage und gerade auch in deutscher Übersetzung erschienenen Roman "Scheidung auf Chinesisch". Der 57-jährige Autor erzählt darin mit bitterer Ironie das Schicksal der zum zweiten Mal schwanger werdenden Chinesin Li Xuelian und über ihre kafkaesken Erlebnisse in der Zeit der strengen Einkind-Geburtenkontrolle Chinas.

"Falsche Scheidung"

Um ihr Kind nicht abtreiben zu müssen, heckt das Paar den Plan aus, eine "falsche Scheidung" zu arrangieren, damit jeder Ehepartner ein Kind legal behalten darf. Später würden sie sich wieder verheiraten. Doch dann liiert sich der geschiedene Mann mit einer anderen Frau. Li will sich gewaltsam rächen und scheitert. Sie klagt darauf ihren Ex-Mann wegen "Scheidungsbetrugs" an und zieht ihre Klage juristisch und politisch über 20 Jahre durch alle Instanzen. Der Übersetzer Michael Kahn-Ackermann nennt die Protagonistin einen "weiblich chinesischen Michael Kohlhaas". Der Roman sei das Abbild einer von Korruption und absurden Rechtsstrukturen zersetzten Gesellschaft. Gauck versprach Autor Liu nicht nur, seinen Roman zu lesen. Er wolle sich auch den Spielfilm anschauen, den Chinas Starrigisseur Feng Xiaogang dazu drehte und der im November auch in die Kinos in Berlin kommen werde.

Gauck hatte seinen Versuch, Chinas Gesellschaft intensiver zu verstehen, mit einer denkwürdigen Aussprache mit Professoren der Parteihochschule begonnen, der ideologischen Kaderschmiede des Systems. Nach Aussagen von Teilnehmern ließ er die auf ihn gut vorbereiteten Professoren mit hartnäckigen, aber freundlich und neugierig gestellten Nachfragen um Antworten ringen. Gauck fragte etwa, warum in einem sich zur Herrschaft des Rechts bekennenden chinesischen Staat die Partei über dem Recht steht. Er fragte, wie es einen "besonderen chinesischen Sozialismus" geben könne, wo doch der Marxismus, allgemeine Gültigkeit beansprucht. Die Teilnehmer, die oft nur vorbereitete Statements ablasen, waren auf Gaucks Fragen schlecht vorbereitet. Einige Beobachter sahen bei den jüngeren Zuhörern feixende Mienen. Chinas Rückkehr zur dogmatischen Ideologie ist auch intern nicht unumstritten.

Offiziell ließ Peking nur einheitlichte Berichte ohne kritische Untertöne über Gaucks Gespräche mit Chinas Parteiführung verbreiten. Parteichef Xi habe festgestellt, dass die chinesisch-deutschen Beziehungen sich immer strategischer und intensiver fortentwickelten. Gemeinsamkeiten würden alle Differenzen übertreffen. Peking versuchte Gauck für seine Hightech-Kooperationen mit Deutschlands Industrie 4.0 und für seine Seidenstraßenoffensive zu vereinnahmen.

Philosophen

Die Absicht dazu kam schon in den Eingangsworten beim Auftaktgespräch zwischen beiden Präsidenten zum Vorschein. In der Großen Halle des Volkes verwies Xi dabei auf den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, der vor mehr als 300 Jahren zum Verfechter enger Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und China wurde. Er sei noch heute ein Vorbild. Xi spielte dabei auf den Missionar C. F. Grimaldi an, an den Leibniz 1689 dutzende Fragen zum Stand der Technik und Naturwissenschaften in China richtete.

Lis listige Botschaft: Am liebsten wäre ihm, wenn Deutschland nur in Naturwissenschaften und Kultur mit China zusammenarbeit und sich aus der Politik heraushält. Gauck parierte geschickt: Es gebe in der Zusammenarbeit unterschiedliche Formen des Wettbewerbs, schöne etwa beim Sport, weniger schöne bei der Wirtschaft. Und dann gebe es auch den Vergleich beim Aufbau der gesellschaftlichen Systeme.

Von solchen Frotzeleien erfuhr Chinas Öffentlichkeit dank der gelenkten Presse wenig. Ohnehin machte sie sich einen ganz anderen Reim, was der scheinbar harmonische Schulterschluss zu bedeuten habe. Dutzende seriöse Wirtschaftsblätter verbreiten seit einer Woche ein Gerücht, wonach Gauck nach China komme, um baldige Verträge zwischen Peking und Berlin über die Kooperation zwischen den Technologie-Entwicklungsplänen "China 2025" und Deutschlands "Industrie 4.0" einzutüten und ein Abkommen zur Netzsicherheit zu vereinbaren. Seit Tagen legten die Aktien davon profitierender chinesischer Unternehmen an den Börsen doppelstellig zu. So trug unfreiwillig der Besuch von Bundespräsident Gauck zum Anstieg der Börsen im besonderen chinesischen Sozialismus bei. (Johnny Erling aus Schanghai, 23.3.2016)

  • Deutscher Präsident Gauck im Reich der Mitte.
    foto: afp photo / johannes eisele

    Deutscher Präsident Gauck im Reich der Mitte.

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