"Hippe Sportjacke hat den Wintermantel abgelöst"

Interview24. März 2016, 05:30
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Der warme Winter traf die Sporthändler. Dass die Österreicher nicht mehr mit den Brettln aufwachsen, bedauert Sport-2000-Vorstand Schwarting

STANDARD: Die großen Sportartikelhändler setzen voll auf Multichannelling, Mobile First, Großevents, neue gute Standorte. Unter dem Dach von Sport 2000 sind ja viele Kleine mit weniger guten Standorten und kaum Verdienst. Wie viele werden die nächsten Jahre nicht überleben?

Schwarting: Ich bin optimistisch. Der starke Bereinigungsprozess in Österreich war vor zehn, fünfzehn Jahren, als die großen Filialisten in die Großstädte reingingen. Dort gibt es heute leider viel weniger Fachhändler. Wer das überlebt hat, hat sich gut eingestellt. Viele befindet sich heute mit vielen Stammkunden eher in den ländlichen Gebieten oder in den Tourismusgegenden.

STANDARD: Gerade für den Sporthandel ist der Standort ja das A und O. Was ist mit jenen, die in den mittlerweile ausgestorbenen Stadtzentren geblieben sind ohne die Möglichkeit, sich in der Fläche zu verbreitern, und mit komplizierten, innerstädtischen Parkkonzepten?

Schwarting: Natürlich gibt es einige, die sich mit Investitionen zurückhalten, vielleicht in Pension gehen. Aber auch für diese kleinen Händler sehe ich Chancen.

STANDARD: Wenn sie an der Donau ihr Geschäft haben und vom Fahrradboom auf dem Donauradweg profitieren oder im Skigebiet, wo sie mit dem Skiverleih punkten können, oder?

Schwarting: Natürlich ist Tourismus fantastisch. Aber unsere Händler haben kleine Flächen. Dadurch ist es sehr wohl möglich, auch mit einem überschaubaren Umsatz zu überleben. Auch wenn die Innenstädte von der Händlerschaft her ausdünnen, wenn ein Sporthändler in einer Region einen guten Job macht, sich mit Vereinen vernetzt, übernimmt er die Rolle einer Nahversorgerfunktion. Wir von der Zentrale haben die Verantwortung, ihm ein Instrument in die Hand zu geben, mit dem er digital Zugriff hat auf ein deutlich größeres Sortiment. Das muss für die Stammkunden innerhalb von 24 Stunden im Geschäft sein. Damit ist der Nachteil des Standorts deutlich relativiert.

STANDARD: Wie sieht so eine Lösung aus?

Schwarting: Das ist ein digitaler Ladentisch. Der kleine Händler hat vielleicht nur zwei Tourenskimodelle vor Ort. Im digitalen Ladentisch hat er eine Auswahl von 20, 30 anderen Modellen. Das Gewünschte lässt er sich aus dem Zentrallager in Regau schicken, und Sie können das am nächsten Tag im Geschäft noch einmal anschauen oder auch zu sich nach Hause liefern lassen.

STANDARD: Wie viele Händler haben das schon?

Schwarting: Das haben wir gerade lanciert. Wir fangen im Mai an, diese Stationen aufzustellen. Unser Händler zahlt de facto eine Miete von rund 100 Euro monatlich. Dafür bekommen sie das Gerät und die laufenden Updates. Rund 40 Händler wollen das schon einmal umsetzen.

STANDARD: Viele Händler haben eine dünne Kapitaldecke und hohen Investitionsbedarf. Es heißt 40 Prozent verdient gar nichts.

Schwarting: Was den Gesamtsporthandel in Österreich betrifft, so wird man mit dieser Zahl richtig liegen. In den Tourismusgebieten liegt die Zahl deutlich niedriger. Und im Osten Österreichs – alles ab Salzburg Richtung Osten und Süden eher sogar höher.

STANDARD: Wenn das Geld knapp ist und man sich entscheiden muss: Worauf setzen? Stationär, online?

Schwarting: Man muss auf beides setzen. In unserer Struktur wird der stationäre Handel unser Herz bleiben. Unsere DNA baut darauf auf, dass wir lokale Händler haben, die Beratung extrem stark in den Vordergrund stellen. Nachholbedarf hat Sport 2000 bei Digital. Da muss man trennen: Ist es zwingend, im Internet mit einem Shop präsent zu sein, oder müssen wir im Internet mit Informationen, Angeboten, Präsentation von Waren und Händlern präsent sein. Wir gehen in die zweite Richtung und werden von der Zentrale auf keinen Fall einen Onlineshop machen. Unsere Händler haben aber die Freiheit, selbst einen zu machen.

STANDARD: Multichannelling wurde als der Königsweg schlechthin dargestellt. Mittlerweile schließen in Deutschland die ersten Onlineshops wieder. Stellt sich jetzt die Tatsache, dass in Österreich viele Trends erste Jahre später kommen, als Vorteil heraus?

Schwarting: Die Zeiten sind vorbei, wo man einfach im Internet so ein bisschen Trittbrett fahren und von einem massiv steigenden Internetmarkt profitieren konnte. Um da erfolgreich zu sein, muss man wahnsinnig viel Geld in die Hand nehmen und ein völlig anderes Geschäftsmodell haben, denn der Kunde im Netz agiert völlig anders als der stationäre Kunde.

STANDARD: Der Umsatz der Gesamtbranche ist um 2,1 Prozent gewachsen. Unter dem Dach von Sport 2000 haben 283 Händler mit 487 Standorten einen Umsatz von 488 Millionen erreicht. Da bleibt für den Einzelnen nicht viel übrig oder?

Schwarting: Das ist ein Spiegelbild unserer Struktur. Wir haben großteils Geschäfte im Bereich von 300 bis 400 Quadratmetern Größe, wo der Unternehmer selbst im Geschäft steht, das den Unternehmern oft auch gehört. Er hat also seine Kosten gut im Griff. Das funktioniert nur, weil der Unternehmer vor Ort kämpft.

STANDARD: Wir haben schon viel über den wärmsten Winter gehört. Was bedeuten dieser Winter und der Umstand, dass Skifahren in Österreich mehr oder weniger zum Luxussport geworden ist, für den Fachhändler?

Schwarting: Uns wäre es lieber gewesen, wenn die Österreicher weiterhin quasi mit den Bretteln groß werden. Aber wenn ein Markt zurückgeht, steigt oft ein anderer. Der Skimarkt in Österreich hat sich primär in die Skigebiete verlagert, sei es über den Verleih, der heute über 60 Prozent des Skimarktes abdeckt. Die anderen 40 Prozent werden in den Skigebieten verkauft. 300.000 Paar Ski werden jetzt in Österreich verkauft, vor 20 Jahren waren das 700.000 Paar.

STANDARD: Andererseits geben wir heute durchaus den Gegenwert eines Monatsgehalts für eine neue Tourenskiausrüstung aus. Wiegt das die geringere Zahl nicht auf?

Schwarting: Der Tourenskibereich wächst, ist innovativ, und es werden ganze Ausrüstungen gekauft. Das ist im alpinen Skibereich längst nicht mehr der Fall. Beim klassischen Alpinski hat sich immer noch nicht sehr viel geändert. Im Einstiegsbereich oder auch bei den Textilien gibt es sehr leistbare Angebote. Die Kosten sind eher in den Skigebieten ein Faktor.

STANDARD: Wodurch unterscheidet sich der sehr preisgetriebene vom qualitätsgetriebenen Bereich?

Schwarting: Der stark preisgetriebene Anbieter fokussiert sich sehr stark auf Eigenmarken. Man sieht es bei einem Decathlon. Den haben wir in Österreich noch nicht. Der hat 80 Prozent Eigenmarken, bei Sports Direct liegt der Anteil bei 60 Prozent, bei Hervis sind es 40. Bei Sports Direct kann man sich das Zehnerpackerl Dunlop-Tennissocken wahrscheinlich um dasselbe Geld kaufen wie ein Paar Sportsocken von einem spezialisierten Hersteller wie Falke. Den richtig günstigen Sportdiskont kann man mit Kik oder Takko in der Mode vergleichen. Die nutzen nur Marken, um Leute ins Geschäft zu holen.

STANDARD: In welchem Umfang naschen Fachfremde bei Sportartikeln mit?

Schwarting: Der österreichische Sportmarkt liegt – was die Händler betrifft – bei rund 1,7 Milliarden. Geschätzte 400 bis 500 Millionen kommen aus branchenfremden Bereichen. Also rund 25 bis 30 Prozent des Marktes kommen von Branchenfremden wie Supermärkten oder Baumärkten. Das konzentriert sich auf sehr stark auf textillastige Produkte und auf die Preiseinstiegsklasse in der Hardware. Dort kauft man also das Fahrrad um 200 Euro.

STANDARD: Zurück zum Winter und zum Sport. Was gleicht den Rückgang beim Wintersport aus? Welche Trends bewegen den Sporthändler?

Schwarting: Was uns sehr zugute kommt, ist der allgemeine Gesundheitstrend, die Generation der Silver Ager, Nachhaltigkeit. Laufen und Fitness steigt in den letzten Jahren permanent an und wird zum Ganzjahressport. Das war eine der Gründe, warum der Handel auch durch den milden Winter halbwegs gut durchgekommen ist. Und es wird auch von den 40 plus immer mehr wahrgenommen. In den Moment, wo die Kinder aus dem Haus sind, ist auch das verfügbare Einkommen wieder etwas höher. Und dann gönnt man sich so richtig jene Sportgeräte, mit denen man schon lange geliebäugelt hat.

STANDARD: Nämlich?

Schwarting: Das ist häufig das Fahrrad. Gekauft werden höherwertige Modelle oder das E-Bike. Ein absolut wachsender Bereich in Österreich bleibt auch Outdoor. Da entstehen sehr viele neue Spezialistengeschäfte – Laufgeschäfte, Outdoor-Profi-Geschäfte. Gerichtet auf relativ kaufkräftige Menschen, die gerne rausgehen etwa in den Wienerwald, aber topausgerüstet sein und auch beraten werden wollen. Das sind absolut urbane Phänomene. Es ist hip und cool, wenn man Sportjacken anhat. Der klassische Wintermantel wurde auch weitgehend durch Outdoorjacken ersetzt.

foto: sport 2000
Holger Schwarting (51) ist seit 2012 Aufsichtsratsvorsitzender des Dachverbandes Sport 2000 International und seit 2010 Vorstand von Sport 2000 Österreich. Schwarting ist davon überzeugt, dass es der kleine Vollsortimenter auf dem Land vermutlich immer schwerer haben wird. Worum es heute geht: "Du kannst nicht ein bisserl von allem sein. Du musst in irgendeiner Sache spitze sein."
  • Sehr viel Winter gab es heuer nicht. Statt schneidiger Schwünge war oft Wandern angesagt.
    foto: ap/visar kryeziu

    Sehr viel Winter gab es heuer nicht. Statt schneidiger Schwünge war oft Wandern angesagt.

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