Sommerzeit: Riskanter Verlust einer Stunde

27. März 2016, 12:00
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Die Zeitumstellung hat kaum positive Effekte, kritisieren Wissenschafter. Das Risiko für die Gesundheit kann erheblich sein, wie Studien gezeigt haben

Wien/Turku – Am Ostersonntag war es wieder so weit: Die Nacht wurde um eine Stunde beschleunigt. Für Menschen, die aufgrund ihrer Chronobiologie ausgeprägte Abendmenschen sind, ist das "Morgengrauen" am nächsten Tag regelrecht vorprogrammiert.

Schätzungen zufolge gehen 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung um Mitternacht oder später schlafen. "Diesen Menschen fehlt die eine Stunde auf ihrem Schlafkonto sehr wohl", betont der Schlafforscher Gerhard Klösch von der Uniklinik für Neurologie der MedUni Wien.

Besonders betroffen seien Senioren, die relativ häufig unter Schlafprobleme leiden, sowie Heranwachsende, die am Wochenende den unter der Woche verabsäumten Schlaf nachholen, so der Experte. Die Folge: Ein bis zu acht Tage dauernder Jet-Lag mit den üblichen Symptomen wie Tagesmüdigkeit, Konzentrationsschwäche und Gereiztheit.

Erhöhtes Schlaganfallrisiko

Vor Gesundheitsrisiken durch die Zeitumstellung warnten kürzlich auch finnische Forscher von der Universität Turku. In einer Langzeitstudie werteten Jori Ruuskanen und sein Team die Daten von Schlaganfallpatienten zwischen 2004 und 2013 aus. Sie verglichen dabei die Häufigkeit von Hirninfarkten einer Woche nach der Zeitumstellung mit der Rate zwei Wochen zuvor und danach.

Das Ergebnis: In der ersten beiden Tagen nachdem die Uhrzeit um eine Stunde vorgerückt wurde, waren signifikant mehr ischämische Schlaganfällen zu verzeichnen als in den beiden anderen Zeiträumen. Konkret stieg das Hirninfarktrisiko im Mittel um acht Prozent. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei Menschen über 65 Jahren mit einem im Vergleich um 20 Prozent erhöhten Schlaganfallrisiko .

Die Ergebnisse lassen zwar keinen kausalen Schluss zu, der ermittelte Zusammenhang sei aber groß genug, um weitere Studien zum gesundheitlichen Effekt der Zeitumstellung durchzuführen, betonen die Studienautoren.

Der Körper lässt sich nicht umstellen

Auch Herz-Kreislauf-Patienten kann die Zeitumstellung gefährlich werden: Mehrere internationale Studien haben ergeben, so Schlafforscher Gerhard Klösch, dass die Zeitumstellung im Frühling das Herzinfarktrisiko erhöht. Ebenfalls nicht unmittelbar, sondern ein bis zwei Tage später.

Die fehlende Stunde bringt den Hormonhaushalt und andere zirkadiane Rhythmen gehörig durcheinander, meinen Wissenschaftler. Eine wichtige Rolle spielt hier die Wirkung des Stresshormons Cortisol, das als Vorbereitung aufs Aufwachen ausgeschüttet wird. "Cortisol folgt aber nicht der veränderten Uhrzeit, sondern dem Sonnenaufgang bzw. der 'inneren Uhr'. Der Körper wird also von der Natur zum selben Stand der Sonne fit gemacht, auch wenn er eine Stunde früher geweckt wird", erklärt Klösch, der sich dafür ausspricht, bei einer Zeit zu bleiben – am besten bei der Sommerzeit.

Die Zeitumstellung abschaffen und die Sommerzeit als Normalzustand beibehalten ist auch das Fazit einer Studie, die das Energieinstitut an der Linzer Johannes Kepler Universität im Jahr 2013 erstellt hat. Demnach bringt die Sommerzeit energetische und wohlfahrtsökonomische Effekte von rund acht Millionen Euro pro Jahr, eine ganzjährige Sommerzeit würde gut das Zehnfache generieren. Da sich Zeitumstellungen ungünstig auf den Biorhythmus auswirken können, wäre eine Umstellung auf das System einer ganzjährigen Sommerzeit das wohlfahrtsökonomisch vorteilhafteste System, so das Fazit der Forscher. (gueb, 27.3.2016)

  • Zeitumstellung können den Biorhythmus stören, warnen Forscher. Dieses Jahr folgt dem Sonntag ein Feiertag – ein Großteil der Österreicher kann sich also trotz Sommerzeit ausschlafen.
    foto: apa/georg hochmuth

    Zeitumstellung können den Biorhythmus stören, warnen Forscher. Dieses Jahr folgt dem Sonntag ein Feiertag – ein Großteil der Österreicher kann sich also trotz Sommerzeit ausschlafen.

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