"Das ist Krieg, unbeschreiblich, alles zerstört"

22. März 2016, 22:20
1181 Postings

Nach zwei Bombenanschlägen in einer U-Bahn-Station im Europaviertel und am Flughafen herrscht in Brüssel Ausnahmezustand. Die Behörden gehen davon aus, dass weitere Attentate folgen könnten. Es gab mindestens 34 Tote, 200 Verletzte. Der IS hat sich zur Tat bekannt

Die belgische Hauptstadt Brüssel ist sehr französisch geprägt. Die Menschen leben und arbeiten gerne in den Abend hinein, das öffentliche Leben beginnt an vielen Stellen nicht allzu zeitig in der Früh.

Das gilt für Schulen und Geschäfte, aber auch für die Zehntausenden, die im Europaviertel in einer der EU-Institutionen beschäftigt sind. Die Rushhour, die großen Staus, volle U-Bahn-Züge gibt es um halb neun Uhr früh.

Nur auf dem etwa acht Kilometer entfernten internationalen Flughafen von Zaventem, einer Vorstadt, ist es anders: Dort herrscht schon ein, zwei Stunden früher Hochbetrieb. Das haben die Urheber der Terroranschläge in der europäischen Hauptstadt offenbar genau gewusst und einkalkuliert. Der Terrorexperte Rolf Tophoven sprach von einem "perfekt organisierten und professionell durchgeführten Anschlag".

Warnung am Montag

Möglicherweise handelte es sich um einen Racheakt nach der Festnahme des Hauptverdächtigen bei den Paris-Anschlägen vom November, Salah Abdeslam. Der Kopf einer Gruppe von vermutlich dutzenden Islamisten war erst vergangenen Freitag im Stadtteil Molenbeek verhaftet worden.

Konkrete Hinweise darauf gab es zunächst nicht. Aber die Polizei soll am Montag davor gewarnt worden sein, dass "etwas passiert" – aber man wusste nicht, wo.

Es war Dienstag kurz vor acht Uhr früh, als eine gewaltige Explosion die Abflughalle des Flughafens erschütterte. Ein Mann hatte nach Augenzeugenberichten auf Arabisch etwas gerufen, dann habe es gekracht. Dann gab es noch eine Explosion bei den Abflugschaltern, wo um diese Zeit hunderte Passagiere und Begleiter eincheckten. Die Explosionen waren so stark, dass die Deckenverkleidung der Halle auf die Menschen niederprasselte. Die Scheiben an der Seite des Eingangs wurden zertrümmert. "Es war die totale Panik, überall Glas und Splitter", berichtete ein Überlebender. Die Menschen flüchteten ins Freie, die Autorampe zum Flughafengebäude hinunter.

Nach einer ersten Bilanz kamen mindestens 14 Menschen ums Leben, rund hundert wurden verletzt, viele von ihnen schwer.

Selbstmordattentäter

Zwei Bomben wurden nach Erkenntnissen der Behörden von Selbstmordattentätern gezündet. Die Bombe eines Dritten hat offenbar nicht funktioniert. Sie wurde bei den Aufräumarbeiten gefunden, am Abend von Spezialisten gesprengt. Die drei Männer wurden von einer Überwachungskamera gefilmt, als sie mit ihren Gepäckstrollys in die Halle kamen. Einer in heller Jacke und Kappe soll entkommen sein, wurde von der Polizei dringend gesucht.

Die Bomben waren vermutlich in Taschen versteckt, das zwischen den Wartenden in die Luft gingen. "Die Beine der Toten waren total zerfetzt", berichtete ein Flughafenmitarbeiter. Nach dem Anschlag wurde von der belgischen Polizei sofort Katastrophenalarm ausgelöst, der Flughafen gesperrt, die Terrorwarnstufe vom nationalen Sicherheitsrat auf Stufe 4, die höchste, angehoben. Die Vermutung, dass dies nur der Anfang einer in Belgien beispiellosen Attacke war, auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder Anschläge von Jihadisten gegeben hat, sollte sich als richtig erweisen.

Anschlag in Metrostation

Die ersten Nachrichten über die Ereignisse in Zaventem waren gerade über die Medien verbreitet, da kam es um neun Uhr in der U-Bahn-Station Maelbeek in der Stadt zu einem zweiten Anschlag. In der Mitte eines vollbesetzten Zuges detonierte eine Bombe. Die Erschütterungen waren noch in benachbarten Stationen Schuman-Platz, wo die EU-Kommission liegt, und Arts-et-Loi zu spüren. Weißer Rauch stieg aus den Zugängen auf.

Der Anschlag hat Brüssel im Kern getroffen: Maelbeek liegt mitten im Europaviertel, kaum 500 Meter vom Amtssitz des belgischen Premierministers Charles Michel entfernt. Der Sprecher der Brüsseler Feuerwehr, der Stunden später berichtete, was er in der U-Bahn-Station gesehen hatte, war sichtlich mitgenommen: "Das ist Krieg, unbeschreiblich. Alles ist zerstört, alles liegt in Stücken", stammelte er in die TV-Kameras. Die Bilanz am Abend: mindestens 20 Tote in der U-Bahn, 130 zum Teil schwerstverletzt.

Premier Michel berief den Krisenstab ein. Aus ersten Erkenntnissen ergab sich, dass weitere Personen in der Stadt sein könnten, die Anschläge ausführen könnten. In Zaventem hatte die Polizei ein Maschinengewehr und die dritte Bombe gefunden.

Das Europaviertel wurde zur Sperrzone erklärt. Die Mitarbeiter in der Kommission und im Europaparlament wurden aufgefordert, vorläufig die Gebäude nicht zu verlassen. In der ganzen Stadt waren die Schulen und Universitäten geschlossen. Aus Vorsorge riegelte das Militär auch zwei Kernkraftwerke bei Lüttich und Antwerpen ab: Nur das nötigste Personal durfte bleiben, wie die Betreibergesellschaft Electrabel bekanntgab. Es handle sich dabei um reine Vorsorgemaßnahmen.

Teile der Stadt als Sperrzone

Auch die Nato, deren Hauptquartier auf halbem Weg vom Flughafen zum Zentrum liegt, erhöhte ihre Sicherheitsvorkehrungen. Die Regierung rief die Bevölkerung auf, möglichst zu Hause zu bleiben. Der öffentliche Verkehr – Züge, Metro, Busse – wurde eingestellt. Auch die großen Einkaufszentren sperrten ihre Tore zu.

Die Schulkinder sollen in vorgezogene Osterferien geschickt werden. Am Abend gab Premier Michel bekannt, dass man versuchen wolle, das öffentliche Leben möglichst normal zu gestalten. Auch die Schulen bleiben offen.

Der belgische König Philippe II. rief sein Volk in einer Ansprache am Abend zu Vertrauen auf. Man werde dem Terror "mit Entschlossenheit, Ruhe und Würde" begegnen. Dass die Anschläge von Jihadisten ausgeführt wurden, gab der "Islamische Staat" (IS) in einem Bekennerschreiben bekannt. Darin ist die Rede davon, dass dies die Rache für die Beteiligung Belgiens an Militärschlägen der Allianz in Syrien sei. Von Salah Abdeslam oder der EU ist nicht die Rede.

#JeSuisBruxelles

Auch wenn die Stadt aufgrund der drastischen Maßnahmen der Behörden auf die Attacken, wegen der ohne Unterlass mit Sirenen dahinrasenden Polizei und Ambulanzfahrzeuge in große Unordnung und Spannung versetzt war, schienen die Leute auf den Straßen dennoch ruhig und gelassen.

Seit Monaten war vor Anschlägen gewarnt worden, und es hatte seit 2014 mehrere kleinere gegeben. Wie damals löste die jüngste Katastrophe bei vielen Belgiern eine Welle der Solidarität aus, sehr stark über soziale Netzwerke im Internet. Wie schon nach den Terrorattacken in Paris bekundeten viele auf Twitter ihre Anteilnahme. Ein User verbreitete eine Karikatur, die das berühmte Brüsseler Wahrzeichen Manneken Pis zeigt, eine kleine Brunnenfigur, die neben dem Rathaus Wasser lässt. Es pisst auf eine glühende Sprengladung. Der Text dazu: "Pis & love". Im Mutterland der Karikatur und des doppelbödigen Witzes kann es keine größere Verachtung für Terroristen geben. (Thomas Mayer aus Brüssel, 22.3.2016)

  • Trauer und Gedenken an die Opfer in Brüssel.
    foto: afp photo / belga / aurore belot

    Trauer und Gedenken an die Opfer in Brüssel.

  • Das Terminalgebäude am Flughafen Brüssel Zaventem ist durch die Explosionen massiv beschädigt, hunderte Menschen verlassen zu Fuß das Gelände.
    foto: afp photo / john thys

    Das Terminalgebäude am Flughafen Brüssel Zaventem ist durch die Explosionen massiv beschädigt, hunderte Menschen verlassen zu Fuß das Gelände.

Share if you care.