Der heikle Hype um die Heimat

23. März 2016, 17:21
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Warum der Grüne Van der Bellen mit einem von der FPÖ in Beschlag genommenen Begriff wirbt

Wien – FPÖ und Grüne wollen nicht gern miteinander verwechselt werden, doch bei der Präsidentenwahl ist diese Gefahr nicht auszuschließen. Beide Lager werben auf Plakaten mit demselben, durchaus heiklen Begriff: "Deine Heimat braucht Dich jetzt", ruft der blaue Norbert Hofer auf, während der De-facto-Grüne Alexander Van der Bellen vor einem Heustadl auf einer Alm propagiert: "Heimat braucht Zusammenhalt."

Für rechte und konservative Parteien zählt die Stimulation nationaler Gefühle zur Routine in Wahlkämpfen. Doch warum jetzt auch die Grünen? Experten haben dafür eine logische Erklärung. Wolle Van der Bellen in die Stichwahl, müsse er das bisherige grüne Wählerreservoir mehr als verdoppeln und zumindest 25 Prozent erreichen, sagt der Politologe Peter Filzmaier, doch das sei mit der typischen linksliberalen Klientel, wie sie innerhalb des Wiener Gürtels lebt, allein nicht zu schaffen. Größtes Zuwachspotenzial habe der 72-jährige Professor bei liberalen, bürgerlichen Wählern, denen Hofer und ÖVP-Kandidat Andreas Khol zu rechts sind – und für diese Gruppe sei der identitätsstiftende Heimatbegriff ein tauglicher Köder.

Kampagne "nicht blöd gemacht"

Für "nicht blöd gemacht" hält auch Politikberater Thomas Hofer die VdB-Kampagne und registriert noch andere einschlägige Signale an die umworbene neue Wählergruppe: Mit seinem Verständnis für Grenzkontrollen habe sich Van der Bellen gezielt rechts von der grünen Partei positioniert.

Doch droht er nicht mit dieser Linie Wähler auf der anderen Seite des Spektrums zu verspielen? Immerhin klingt Heimat, laut einem Bonmot des Autors Martin Walser, "sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit", in den Ohren mancher international geprägter Linker nach miefiger Provinzialität. Und natürlich hat hierzulande gerade die FPÖ den Begriff politisch in Beschlag genommen, um ihn mit Bekenntnissen wie "Österreich ist kein Einwanderungsland" zu verknüpfen.

"Lieben und nicht hassen"

Van der Bellen versuchte bei der Plakatpräsentation, jeden nationalistischen Touch zu vermeiden. Er sei ja selbst Flüchtlingskind, sagte der Kandidat: "Österreich hat vielen Heimat gegeben." Die eigene Homepage bietet eine geradezu herzerwärmende Definition an: "Heimat bedeutet zusammenhalten, nicht entzweien. Lieben und nicht hassen."

"Eine gewisse Gratwanderung ist es schon", sagt Experte Hofer, hält das Risiko letztlich aber für "überschaubar": Manche in der grünen Stammklientel mögen die Nase rümpfen, "doch wen sollen die sonst wählen? Da gibt es keine echte Ausweichmöglichkeit."

Filzmaier sieht das ganz ähnlich. Ein Problem könne allenfalls dann entstehen, wenn verärgerte Funktionäre die Werbelinie zum Anlass nehmen würden, den Wahlkampf mit einer internen Grundsatzdebatte zu lähmen.

Was den affichierten Heimatstolz stimmig mache: Österreich zähle zu den Demokratien mit dem stärksten Nationalgefühl, sagt Filzmaier, und der Bundespräsident verkörpere geradezu nationale Identität. Einen Erfolg hätten Van der Bellens Werber ohnedies bereits gelandet: "Über die Plakate wird geredet." (Gerald John, 23.3.2016)

  • Alexander Van der Bellen wirbt um Wähler rechts der Mitte – der herzerwärmende Begriff Heimat könnte als Köder taugen.
    foto: apa / techt

    Alexander Van der Bellen wirbt um Wähler rechts der Mitte – der herzerwärmende Begriff Heimat könnte als Köder taugen.

  • Auch Norbert Hofer beschwört die Heimat: Für rechte Parteien gehört die Stimulation nationaler Gefühle zur Routine.
    foto: apa / fohringer

    Auch Norbert Hofer beschwört die Heimat: Für rechte Parteien gehört die Stimulation nationaler Gefühle zur Routine.

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