Stephan Rabl: "Die Langeweile beim Kühehüten gibt Impulse"

Interview22. März 2016, 17:07
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Mit dem Ende als Dschungel-Wien-Direktor kehrt Rabl dem Kinder- und Jugendtheaterbereich vermutlich ganz den Rücken. Ein Gespräch über Gräben in der Gesellschaft und das Stück "Mein Bauernhof"

STANDARD: Sie inszenieren zum Abschied im Dschungel das Stück "Mein Bauernhof". Ist das ein Gruß an Ihre Kindheit im Waldviertel?

Rabl: Ja, tatsächlich schließt sich ein Kreis. Der erste Impuls war aber pragmatischer Art. Ich suchte ein Thema, das zum Abenteuer einlädt. Zum anderen bestand der Bezug der Gruppe Iyasa aus Simbabwe, mit der ich das inszeniere, über meinen Bauernhof im Waldviertel, wo die Gruppe für einige Zeit lebte. Auch deren Heimatstadt Bulawayo hat mich an das Dorfleben früher erinnert. Die Suburbs sind von ländlichem Leben geprägt. Jeder hat sein Gärtlein, alles spielt sich auf der Straße ab.

STANDARD: Aufwachsen auf einem Bauernhof ist eine für heutige urbane Kindheiten ungewöhnlich sinnliche Erfahrung. Spielt dieser Gedanke bei der Arbeit eine Rolle?

Rabl: Freiräume, die so ein Hof bietet, sind auf alle Fälle Anknüpfungspunkt. Ich habe mir als Kind auch eigene Welten gebaut. Die Langeweile beim Kühehüten gibt Impulse. Den Zustand der Langeweile hat man später kaum mehr. Aber dieses Zulassen des Nullpunktes kann einen schöpferischen Prozess in Gang setzen. Der ist auch für die Bühne elementar.

STANDARD: Der Dschungel Wien ist seit 2004 Hotspot für die Szene geworden. Daneben hat sich aber nicht viel verändert. Inwiefern hat der Ort Verbesserung gebracht?

Rabl: Die Qualität hat sich definitiv verbessert. Allein schon durch die professionelle Schärfung der Sparten. Zum Beispiel waren Tanz- oder Musiktheater für junges Publikum kaum entwickelt. Wichtig ist auch die Öffnung zu anderen dramaturgischen Zugängen hin. Das war vor 15 Jahren nicht da. Entwickelt hat sich auch eine neue Szene, deren Protagonisten aus diversen Richtungen kommen und auch über die Ränder des Kinder- und Jugendtheaters hinaus denken und arbeiten.

STANDARD: Alles gut also?

Rabl: Was nach wie vor sehr schwierig ist und sich meines Erachtens noch verschlechtern wird, ist die Tatsache, dass man von der Arbeit im Kinder- und Jugendbereich nicht leben kann. Vor allem ist es sehr schade, wie kurz Produktionen nur gespielt werden. Wir haben im Dschungel zwar die Möglichkeit, Repertoire zu spielen, sagen wir, eine Produktion zwanzig bis siebzig Mal zu zeigen. Außerhalb des Dschungels ist es sehr schwierig, in Österreich zu touren. Es fehlen Veranstalter, offene Häuser, Unterstützungsmöglichkeiten. Es gibt lediglich Festivals, und die oft auch nur biennal wie Schäxpir in Linz oder Spleen in Graz. Dort, wo Theater als Kunstform eigentlich beginnt, nämlich bei der Premiere, hört es also oft schon wieder auf.

STANDARD: Wohin tendiert das Kinder- und Jugendtheater heute?

Rabl: Der Bedarf geht wieder sehr in Richtung Pädagogik: Was passt gut zum Lehrplan, zum Bildungsauftrag, ästhetische Fragestellungen sind da leider oftmals zweitrangig. Und es werden Stoffe bevorzugt, die leicht konsumierbar sind. Es kann auch nichts aufgebaut werden, sondern man hüpft von Produkt zu Produkt. Die Förderungen sind produktorientiert.

STANDARD: Die Vierjahresförderungen gibt es aber doch.

Rabl: Ja, aber die Empfänger sind sehr wenige und können leider nicht genug Partner finden, geschweige denn davon leben.

STANDARD: Die Initiative "Macht Schule Theater" existiert noch.

Rabl: Es gibt zwar das Etikett noch, aber den Inhalt nicht mehr. Was geblieben ist, sind Projekte, die kunstvermittelnd agieren. Zu Spitzenzeiten haben große Projekte bis zu 30.000 Euro bekommen. Jetzt sind wir bei zirka 2000 Euro.

STANDARD: Was waren zentrale Schritte Ihrer zwölf Dschungel-Jahre?

Rabl: Ich möchte es nicht an Produktionen festmachen. Ich sehe das prozessorientiert und bin froh darüber, wo das Haus angekommen ist. Schön finde ich, dass es ein richtiges Theaterhaus geworden ist, in dem die vielen Arbeitsinseln zusammenwirken. Es wird nicht nur auf Punkt gearbeitet, sondern es geht immer weiter. Ein Meilenstein ist sicher, dass wir ein Ensemble haben, noch dazu ein interdisziplinäres. Ganz wichtig ist auch die Kooperation mit der Ernst-Busch-Schule oder mit Wien Modern. Das hat auch beim Publikum vieles in Bewegung gebracht.

STANDARD: Welche Strukturen sind festgefahren?

Rabl: Ich denke, die Zeit der Koproduktionshäuser ist vorbei. Das war in den 90ern und Nullerjahren gut, aber heute muss man die Qualität wieder dort suchen, wo etwas von Innen heraus kontinuierlich geformt wird. Das heißt aber nicht, dass das ein abgeschirmtes Ensemblehaus sein soll, im Gegenteil, es muss möglichst offen sein.

STANDARD: Wie soll sich der Dschungel weiterentwickeln?

Rabl: Der Traum wäre, aus dem Dschungel viele Häuser zu machen. Wenn es zum Beispiel in Simmering ein eigenes Tanzhaus für Kinder und Jugendliche geben könnte, würde das enorme Kräfte freisetzen. Gerade Tanz funktioniert bei jungem Publikum sehr gut. Das Museumsquartier ist ja eher ein Ort für repräsentative Kunst, nicht für täglich prozessorientierte, aber genau an dieser fehlt es. Gerade jetzt, da sich in unserer Gesellschaft extreme Gräben auftun. Diese Kunstwelten haben immer weniger mit der Bevölkerung zu tun. Es reicht nicht, kurz einmal die Zugbrücke runterzulassen und für einen Community-Workshop nach Simmering zu fahren. Theater sollte vielmehr dort sein, wo die Menschen leben.

STANDARD: Wo führt Sie Ihr Abschied hin?

Rabl: Es kann sein, dass ich ganz aussteige aus dem Kinder- und Jugendtheaterbereich. Ich beschäftige mich stark mit dem Zustand des Loslassens, um etwas Neues anzufangen. Vor allem aber: Da ich die gesellschaftspolitische Komponente des Theaters immer wichtig fand und zugleich sehe, was derzeit mit unserer Gesellschaft passiert, frage ich mich auch, was läuft falsch? Wo ist meine Position jetzt? Brauche ich eine andere Umgebung? Es gibt Ideen, es wird mit Kultur zu tun haben, aber zunächst suche ich noch den Nullpunkt. (Margarete Affenzeller, 22.3.2016)

Stephan Rabl (51), auf einem Bauernhof im Waldviertel aufgewachsen, wurde durch die Gründung von Festivals wie Schäxpir oder Szene Bunte Wähne zur Galionsfigur des österreichischen Kinder- und Jugendtheaters. Die Leitung des Dschungel Wien (seit 2004) gibt er im Herbst an Corinne Eckenstein ab.

"Mein Bauernhof", Premiere 24. 3. Bis 9. 6.

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Dschungel Wien

  • Nach 25 Jahren im Kinder- und Jugendtheaterbereich löst Dschungel-Wien-Leiter Stephan Rabl sämtliche Verknüpfungen und inszeniert zum Abschied "Mein Bauernhof".
    foto: robert newald

    Nach 25 Jahren im Kinder- und Jugendtheaterbereich löst Dschungel-Wien-Leiter Stephan Rabl sämtliche Verknüpfungen und inszeniert zum Abschied "Mein Bauernhof".


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