Babys, Ladys und der schlechte Schmäh: Lasst uns über "Vorstadtweiber" reden

23. März 2016, 05:30
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Die zweite Staffel läuft – Wir sind uns aber nicht einig, ob das gut ist

Was sollen wir sagen, die Ladys sind überall. Und seit zwei Folgen am Montagabend wieder auf dem Bildschirm. Es gab kein Entkommen – auch für uns nicht. Also haben wir tapfer die Prosecco-Gläser gefüllt und uns der Vorstadt angenähert. Die zentralen Fragen diesmal: Sind die Weiber lustig oder peinlich? Schlagfertig oder einfältig? Emanzipiert oder abhängig? Ist die Serie gut oder schlecht?

Michaela Kampl: Also, ganz ehrlich, ich hab die erste Staffel nicht gesehen. Deswegen versuch ich grade herauszufinden, wer wen umgebracht hat, wer von wem schwanger ist oder wer grade wem wie viel Kohle fladert und warum. Noch ehrlicher: Ich fühl mich dabei ganz gut unterhalten. Gerade dann, wenn es zu kippen droht, wird es selbstironisch. Und wenn dann noch Walli, hochschwanger, in Stöckelschuhen und knappem Kleidchen über späte Mutterschaft, Caffè Latte, ihre Affären und die ihres toten Ehemannes herzieht, bin ich versöhnt mit der Vorstadt und ihren Weibern.

foto: orf/mr film
Who's who: Die Betrogene und die Betrügende vereint am Grab des Verflossenen.

Doris Priesching: Ich würde ja prinzipiell lieber über "House of Cards" reden, aber ich unterwerfe mich der Mehrheit. Ungern, wie ich hinzufüge, weil ich bin nach dem Start der zweiten Staffel jetzt noch nicht so im Versöhnungsmodus und offen gestanden ein wenig schockiert bin, dass du dich gut unterhalten hast, Michi! Kenne ich dich wirklich so schlecht!?

Michaela Kampl: Ich bin durchaus auch für Seichtes zu haben. Wenn's halt nicht ganz blöd ist. Ich gebe aber zu, dass meine Erwartungshaltung sehr, sehr niedrig war. Da ist positiv überrascht zu sein leicht.

Doris Priesching: Stimmt, ich bin aber trotzdem enttäuscht. Ich erinnere mich, dass ich nach der allerersten Folge fast schon entsetzt war von den vielen stupiden Klischees. Das wurde besser, und die Figuren erhielten ein Eigenleben, ich fing an, sie zu mögen. Am Ende der ersten Staffel sah alles ganz gut aus. Diese Schlusspointe war überraschend und in einer Radikalität, die gepasst hat. Und jetzt? Jetzt ist alles wieder so krampfig lustig, und das verkrampft mich. Zum Beispiel die Szene in der ersten Folge bei der Sexualtherapeutin, die war doch zum Fremdschämen. Ich finde, so eine Szene darf man keinem Schauspieler, keiner Schauspielerin antun. Mir riecht das fallweise zu streng nach Stammtisch. Von wem will man da die Lacher?

Julia Meyer: Na ja, es stimmt schon. Das Ganze schreit halt schon immer wieder laut "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus". Und man weiß nicht, welche "Gruppe" bescheuerter und stereotyper agiert. Und so eine Haltung ist mir prinzipiell ganz fürchterlich unangenehm, macht mich mitunter auch recht wütend. Aber, da bin ich bei Michi, dann und wann muss ich schmunzeln, eben weil sie's irgendwie auch wieder brechen. Es ist ein Auf und Ab.

Michaela Kampl: Ja, die Szene bei der Sexualtherapeutin war sehr zum Fremdschämen. Diese zwei find' ich aber generell am unlustigsten. Im Gegensatz dazu ist die immer in Pastell gekleidete Kniescheibenzertrümmerin einer meiner Lieblinge. Die ist immer so süß neben der Spur und dann aber auch irgendwie sehr brutal.

Julia Meyer: Ja, die ist großartig. Generell sind die Darstellerinnen und Darsteller gut zusammengestellt. Die füllen die überzeichneten Figuren ganz gut aus. Dieses Spielfreudige ist auch einer der Gründe für mein punktuelles Lächeln.

foto: orf/mr film/petro domenigg
Bei der Sexualtherapeutin: Es war ein schwieriger Serienmoment. Auch für uns.

Michaela Kampl: Ich überleg' noch, woran es mich erinnert. Aber ich glaub, es ist mehr "Kaisermühlenblues" als "Desperate Housewives".

Julia Meyer: Na ja, das Intro ist halt so "Desperate Housewives"-artig. Aber sonst, keine Ahnung.

Doris Priesching: Wo siehst du die Ähnlichkeiten zum "Kaisermühlenblues"? Das eine spielte ja in der Peripherie, hier haben wir es mit den "oberen zehntausend" zu tun oder mit jenen, die sich dafür halten.

Michaela Kampl: Ich glaub', es ist die Überspitzung der Charaktere. "Kaisermühlenblues" war zwar anderes Milieu, aber da gab's so Klassiker als Figuren. Die zwei korrupten, patscherten Bezirksräte, die Hausbesorgerin, die grantige Alte. Bei den "Vorstadtweibern" sind es eben der schmierige Journalist oder die junge Frau mit dem älteren Mann oder die Betrügenede. Das sind auch alles Schablonen. Es sind liebevoll gezeichnete oder überzeichnete Personen, die sich da in der Vorstadt tummeln. Vielleicht ist es aber auch nur die Handschrift von Harald Sicheritz, der ja auch beim "Kaisermühlenblues" dabei war und bei den "Vorstadtweibern" neben Sabine Derflinger Regie macht.

Julia Meyer: Jep, bin ich bei dir. Das Skurrile kippt halt immer mal wieder ins Dämliche, aber prinzipiell erinnert mich der Ton auch tendenziell an den "Kaisermühlenblues", was auch wieder den Reiz ausmacht. Bisweilen.

foto: orf/mr film/petro domenigg
Das Vorstadtleben ist in Pastell manchmal leichter zu ertragen.

Doris Priesching: Dieser Ansatz, dass alle Dreck am Stecken haben, ist im deutschsprachigen Fernsehen neu. Keine einzige Figur ist wirklich gut oder hat eine weiße Weste. Das gefällt mir. Und wie es gemacht ist: schnelle Schnitte, schnelle Pointen, das hat Tempo – wenn die Witze besser wären.

Michaela Kampl: Die Handlung ist mir ehrlich gesagt wurscht. Das ist schon so absurd, dass es richtig "slapsticky" wird. Aber zwischendurch gibt es große Comedy- oder Satiremomente. Ich mag, dass sie sich nicht so ernst nehmen. Bin zwar erst bei Staffel zwei eingestiegen, aber den "Desperate Housewives"-Vergleich hab ich schon vorher mitbekommen. Deswegen war ich überrascht, wo die Wiener Vorstadt liegt. Hätte mir eher Einfamilienhäuser in der Nähe von Klosterneuburg vorgestellt. So spielt sich das ja in den nobleren Wiener Bezirken ab. Das hab ich so nicht erwartet. Ich war auf mehr Tristesse eingestellt.

Doris Priesching: Eh, und jetzt ist es bunt und laut und hysterisch. Passt. Habt ihr eine Theorie, warum das so erfolgreich ist? Mein Verdacht: In Wahrheit sind es die permanenten Anspielungen und Anzüglichkeiten. Der ordinäre Schmäh zieht. Dieser sexuell aufgeladene Humor hat für mich was Spießiges, Kleinkariertes, so von "hihihi – schlimmer Junge" – und er geht halt meistens auf Kosten der Frauen. Ich mein, nicht dass man sich nicht über Frauen lustig machen dürfte, und die Selbstironie finde ich auch angenehm, aber ganz oft es einfach vor allem eines: nicht lustig.

Julia Meyer: Na ja, ich find' sowohl Männer als auch Frauen steigen idiotisch aus. Und zwischendurch ist es amüsant, und zwischendurch ist es hochgradig peinlich. Und Peinlichkeiten finden ja viele Menschen auch lustig, meine Theorie zum Erfolg. (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 23.3.2016)

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