Schöne neue Drohnenwelt

28. März 2016, 12:00
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Der Aufstieg von unbemannten Flugobjekten scheint unaufhaltsam: Während an Einsatzmöglichkeiten im Alltag noch getüftelt wird, ist der Krieg der Drohnen längst im Gange

Wien – Es liegt was in der Luft: Die Drohnentechnologie ist auf dem Vormarsch. Insbesondere die USA haben unter der Präsidentschaft Barack Obamas die unbemannten, ferngesteuerten Fluggeräte immer öfter für militärische Zwecke eingesetzt. Damit stehen die Vereinigten Staaten nicht allein: Etwa 70 Länder verfügen über diese Technologie bereits.

Aber auch Privatpersonen lassen die Fluggeräte gerne aufsteigen: Seit Ende vergangenen Jahres wurden in den USA bereits 300.000 private Drohnen registriert. Diese Zahl nennt auch der deutsche Bundesverband Technik des Einzelhandels bei seiner Schätzung der Drohnenkäufe in Deutschland für das Jahr 2016. Kein Wunder, dass sich ebenso die Wirtschaft Gedanken über den Einsatz von Drohnen macht: Bekanntlich tüftelt Amazon derzeit an einer Lösung, um Drohnen Pakete ausliefern zu lassen.

Auch wenn der breite Einsatz von automatisierten Fluggeräten im zivilen Alltag noch Zukunftsmusik ist – auf dem militärischen Sektor hat sich die Drohne längst etabliert: Befürworter bejubeln diese Waffentechnologie als Option für einen "sauberen Krieg": Zielpersonen im Feindesland würden präzise ausgeschaltet, ohne dass Unbeteiligte oder die eigenen Streitkräfte zu schaden kommen. Das sei jedoch ein sehr idealisierter Blick, der nicht den Tatsachen entspricht, sagt Hamid Ekbia.

Der Informatik-Professor von der Indiana University in Bloomington ist derzeit als Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien tätig und erforscht hier den Einsatz und die sozialen Folgen von militärischen Drohneneinsätzen: "Mich interessiert der Zusammenhang und die Dialektik von technischem und sozialem Wandel. Wie formt das eine das andere?"

Laut Ekbia hänge der steigende Einsatz von militärischen Drohnen mit der technologischen und der daraus resultierenden kulturellen Entwicklung der jüngeren Vergangenheit zusammen: Die Drohnen seien lediglich ein Aspekt des Aufstiegs sogenannter smarter Technologie, wie Ekbia vergangene Woche bei einem Vortrag in Wien erläuterte.

Jedoch zeigt Ekbia auf, dass die Auffassung, damit die Drecksarbeit an die intelligente Maschine zu delegieren, ein Trugschluss sei: "Menschen neigen dazu, anderen Lebewesen und Dingen Intelligenz zuzuschreiben. Daher denken sie gerne, auch Maschinen wären intelligent. Aber die menschliche Beteiligung ist immer ein Fakt von Technologie."

Drohnenpiloten-Trauma

Daher könne keine Rede davon sein, dass die Soldaten, die Drohnen aus weiter Entfernung steuern, der Drohne nur assistieren und vom Kampfgeschehen völlig unbeeinflusst seien: Bei der Auswertung von Schilderungen ehemaliger Drohnenpiloten stellte Ekbia fest, dass sich die Wahrnehmung der Soldaten durch die Kampfhandlungen eklatant veränderte: Gerade die räumliche Entfernung und der scheinbar virtuelle Charakter des Beobachteten führten dazu, dass sich übliche Emotionen im physischen Gefecht wie Angst, Zögerlichkeit, Verwirrung und Schuldgefühle hier immer weniger einstellten.

Das bedeutete jedoch nicht, dass diese Soldaten sich zu effizienten Tötungsmaschinen entwickelten – im Gegenteil: Gerade durch diese veränderte Wahrnehmung, dass auf dem Satellitenbild erst einmal nur virtuelle Objekte zu sehen sind, die in ein bestimmtes strategisches Raster gepresst werden, passieren immer wieder Fehler: So starben 2011 23 afghanische Zivilisten bei einem Drohnenangriff, weil die beteiligten Soldaten einen Konvoi automatisch für eine militärische Anordnung hielten.

Inwieweit Drohnenpiloten genau traumatisiert werden – darüber weiß man noch nicht ausreichend Bescheid. Dass sie aber unversehrt bleiben – das hält Ekbia für äußerst unwahrscheinlich: "Nur weil sie in einem weit entfernten Sessel am Joystick sitzen, heißt das nicht, dass sie immun sind. Das sind schließlich menschliche Wesen."

Abgesehen von den Folgen, die der Krieg der Drohnen haben wird, beschäftigen sich Forscher auch damit, wie die Technologie die Gesellschaft an sich verändern könnte, wenn sie erst einmal im Alltag Einzug gehalten hat. "Bevor diese Technologie flächendeckend eingeführt ist, sollten wir uns als Gesellschaft schon einmal darüber Gedanken machen, wie wir damit umgehen und was wir davon überhaupt wollen", mahnt Michael Nentwich, der am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien zu dieser Frage forscht.

Herkömmliche Drohnen, die auch Privatpersonen zugänglich sind, unterscheiden sich von einem Modellbauflugzeug längst massiv: Sie sind erheblich stabiler und einfacher zu manövrieren. Die meisten bisherigen Testreihen im Feldversuch seien noch recht abstrakt gewesen – etwa in Form von Meeresüberquerungen oder in unbewohnten Gebieten, wie Nentwich betont: "Langfristig muss man bei den Tests viel stärker verbaute Gebiete berücksichtigen, um die Auswirkungen eines wachsenden Drohnenverkehrs einschätzen zu können."

Für einen effizienten Masseneinsatz, der zu keinem Chaos in der Luft führt, fehle es noch an vernünftigen Verkehrsregeln, die etwa festlegen, welche Korridore und Gebiete durchflogen werden dürfen, wann wo welche Geschwindigkeiten gelten oder wie mit Unfällen umgegangen wird. "Es besteht noch viel Regelungsbedarf", berichtet der Technikforscher. "Bei den autonomen Drohnen ist der Gesetzgeber noch nicht allzu weit."

Bei diesem Verwaltungsakt dürfe es aber nicht bleiben, da die Auswirkungen der Drohnentechnologie erheblich weitreichender ausfallen könnten: Noch ist nicht abzusehen, wie die Lärmbelästigung für Mensch und Tier ausfallen wird oder wie etwa der Arbeitsmarkt reagieren wird.

Auch ihr kriminelles und terroristisches Potenzial könne man noch nicht vollständig einschätzen. Besonders durch die Videotechnologie der Drohnen ist die Privatsphäre des Einzelnen bedroht. Auch den Staat könnte dieser Aspekt verführen: Für die Überwachung von Großveranstaltungen hält Nentwich Drohnen durchaus für sinnvoll, doch müsse dieser Einsatz begrenzt werden: "Wenn man die Streifenpolizei allgemein durch Drohnen ersetzt, werden wir bald in einer anderen Art von Gesellschaft leben." (Johannes Lau, 28.3.2016)


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Wissen: Von der Dampfdrohne zum Predator

Der militärische Einsatz von unbemannten Luftfahrzeugen ist keine neue Erfindung: Bereits 1849 bombardierte die österreichische Armee Venedig mithilfe von unbesetzten Ballons. 1896 wiederum überflog eine dampfbetriebene Drohne den Potomac.

Regelmäßig wurden Drohnen erst im Zuge des aufkommenden Luftkampfs zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt: Hier benutzte man sie vor allem als Köder in Täuschungsmanövern und in der Ausbildung in der Luft wie auf dem Boden: Im Deutschen Reich wurden während des Zweiten Weltkriegs vor allem Artillerieschützen mithilfe von Drohnen ausgebildet.

Später nutzte man Drohnen in erster Linie für Aufklärungsflüge und Geheimdienstaktivitäten – inzwischen werden sie mit steigender Tendenz für gezielte Angriffe genutzt: 2013 zählte die Airforce 1300 Drohnenpiloten. Das US-Verteidigungsministerium will zudem bis 2019 die täglichen Drohnenflüge um 50 Prozent erhöhen.

Diese Maschinen sind erheblich umfangreicher als ihre Namensvetter aus dem Tierreich oder Modelle im regulären Handel: Der vom US-Militär am häufigsten eingesetzte Drohnentyp – der MQ1 Predator – hat ein Startgewicht von circa 850 Kilogramm und eine Länge von mehr als acht Metern. Auch deshalb ist der Drohnenpilot, der das Fahrzeug via Satellit über mehrere tausend Kilometer Entfernung manövriert, nicht alleine für die Flugmaschine zuständig: Ein Drohnenflug benötigt eine Mannschaft von bis zu 168 Personen. (lau, 23.3.2016)

  • Ein Himmel voller Drohnen: Nicht nur von Soldaten ferngesteuerte Kampfmaschinen werfen viele Fragen auf.
    fotos: ap, reuters, dpa, montage: otto beigelbeck

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