"Die Angst ist ein Druckmittel"

Interview25. März 2016, 12:54
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Wie Firmen Gefühle nutzen und wie sich das auf Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse auswirkt, untersucht der Soziologe Otto Penz

STANDARD: Gefühle sind schon länger ein wichtiger Teil der Ökonomie. Sie führen in Ihrem Buch als Beispiel dafür Talkshows an, in denen Gefühle zum "Produkt" werden. Wann sind sie in der Arbeitswelt wichtig geworden?

Penz: In der industriellen Arbeit wurde noch darauf geschaut, Gefühle draußen zu halten, sie wurden als Störfaktor empfunden. Doch als sich die Ökonomie stark in Richtung Dienstleistungen veränderte, wurden auch Gefühle zentral. In interaktiven Dienstleistungen sind sie besonders wichtig.

STANDARD: Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von einer Ökonomisierung der Gefühle. Lassen sich alle Arten von Gefühl ökonomisch verwerten?

Penz: Es geht weniger um spezifische Gefühle, sondern um einen arbeitsaffinen Umgang mit Gefühlen. Die Arbeitsprozesse zielen auf ein bestimmtes Gefühlsmanagement ab, das im Sinne der Unternehmensziele ist. Dabei kann es auch darum gehen, Gefühle einzudämmen und Distanz zu schaffen. In sozialen Berufen ist das etwa immer erforderlich, sonst würde man viel zu sehr involviert werden. Das Gefühlsmanagement soll funktional für den entsprechenden Bereich sein.

STANDARD: Abgesehen vom Dienstleistungsbereich – welche arbeitsmarktpolitischen Veränderungen hat die Integration der Gefühle in die Arbeitswelt noch forciert?

Penz: Uns ging es in unserer Untersuchung vor allem um die Umwandlung der traditionellen Bürokratie, wie es sie früher etwa bei der Post gab, in dienstleistungsförmiges Arbeiten. Nach dieser Transformation geht es nicht mehr um Arbeiten nach Vorschrift und entlang strikter Hierarchien. Es geht nun darum, "Kundennähe" herzustellen und Engagement zu zeigen, und das zieht sich durch alle Bereiche der Modernisierung von Bürokratie. Die alte Organisationsform des Amtes weicht einem "New Public Management", inklusive aller möglichen Kontrollen und Zielvorgaben.

STANDARD: Demnach sollen sich also immer mehr Menschen am Arbeitsplatz als Unternehmer fühlen?

Penz: Es ist ein Zusammenspiel aus Affekten und einer unternehmerischen Praxis. Man soll sich an jeder Stelle der Hierarchie für das Gesamte verantwortlich fühlen. Dieses Zusammenspiel, in welcher Konstellation auch immer, scheint sehr gut zeitgenössische Arbeitsprozesse zu beschreiben. Eine weitere wichtige Entwicklung ist, dass wir uns auch in geschlechtsspezifischer Hinsicht von den Arbeitsverhältnissen der 1960er- und 1970er-Jahre wegbewegen. Die Arbeitsverhältnisse verändern sich aktuell stärker auf der Männerseite, während die Situation von Frauen durchgehend prekär war und ist. Angefangen bei der früheren Abhängigkeit vom Mann; wenn Frauen gearbeitet haben, dann eher nur für eine Art "Zuverdienst". Heute kommt es zwar zu einer stärkeren Integration in den Arbeitsmarkt, allerdings oft auf prekäre Weise. Gravierende Veränderungen gibt es also für Männer: weg von den sicheren, kontinuierlichen Normalarbeitsverhältnissen, hin zu Teilzeit-, Leih- oder Zeitarbeit.

STANDARD: Und daher dominiert das Gefühl der Angst?

Penz: Ja, damit wären wir bei einer postfordistischen Grundstimmung der Gesellschaft. Diese neuen Arbeitsverhältnisse tragen natürlich zu einer erheblichen Verunsicherung bei. In der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit lebt die Kapitalseite sehr stark davon, immer mit dem Arbeitsplatzverlust drohen zu können. Die Angst davor ist auch ein Druckmittel, um ein entsprechendes Gefühlsmanagement am Arbeitsplatz zu fordern. Unternehmerische Ziele können nur erreicht werden, indem man sich sehr stark engagiert. Diese Gefühlssteuerung entlang der Arbeitsaufgaben funktioniert also vor dem Hintergrund der sozialen Unsicherheit.

STANDARD: Für den empirischen Teil Ihrer Untersuchungen über die Veränderungen in den Arbeitsprozessen haben Sie die österreichische Post ausgewählt. Warum?

Penz: Bei der Post fanden in sehr kurzer Zeit fundamentale Änderungen statt. Bis in die 1990er-Jahre war die Post Teil der Hoheitsverwaltung, dann begannen Ausgliederungsprozesse, die Post wurde eine Kapitalgesellschaft und ging 2006 sogar an die Börse. Das veränderte alle Arbeitsprozesse und erforderte von allen Beschäftigten eine unternehmerische Haltung und eine neue Kundenorientierung, die es früher in der Weise nicht gegeben hat. Die Arbeitsvorgänge wurden viel intensiver, der laufende Stellenabbau wirkt bedrohlich. Und innerhalb der Postfilialen soll so gut wie möglich verkauft werden. Ein Mitarbeiter sagte uns in einem der Interviews, früher habe er den Leuten zu möglichst kostengünstigsten Versandarten geraten. Doch jetzt ginge es darum, ihnen möglichst noch ein Zusatzgeschäft zu verkaufen – zum Beispiel aus einer normalen eine Schnellpostsendung zu machen. An dem Beispiel Post verdichten sich zentrale Entwicklungstendenzen, die für das "affektive Arbeiten", wie wir es nennen, verantwortlich sind.

STANDARD: Die Coaching-Branche hat die Gefühle in der Arbeitswelt schon früh entdeckt.

Penz: Ja genau, oder denken Sie an Teamtrainings in größeren Organisationen. Da wird gemeinsam Erlebnisurlaub gemacht, um den Zusammenhalt des Teams zu stärken. Ein anderes Beispiels sind neue Büroarchitekturen, informelle Räume werden geschaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen sollen und wo ein kreativer Austausch möglich wird. Auf diese Weise werden Innovation und Kreativität gefördert.

STANDARD: Das klingt um einiges positiver als die reinen Ökonomisierungsaspekte der Gefühle. Gibt es also auch Vorteile durch ihre Eingliederung in die Arbeitswelt?

Penz: Die Anforderungen an das Gefühlsmanagement haben eine repressive Seite, aber sie produzieren auch etwas. Die Kontrolle der Gefühle zielt sehr wohl auch auf Wohlbefinden, auf Glück ab. In einem aktuellen Projekt untersuchen wir gerade die Beratung von Arbeitslosen in einigen Ländern. In diesem aus der Hoheitsverwaltung ausgegliederten Bereich geht es auch darum, das Wohlbefinden der "Kunden" zu fördern, ihr Selbstvertrauen zu stärken.

STANDARD: Gibt es mit dem Einzug von Gefühlen in die Arbeitswelt eine Chance auf eine Aufweichung starrer Geschlechterrollen? Geschlechtsspezifische Zuschreibungen wie emotional versus rational geraten dadurch doch ins Wanken.

Penz: Jein. Manche Studien gehen von Degendering-Prozessen aus, die zu einer zunehmenden Angleichung von männlicher und weiblicher Berufsarbeit führen würden. Das würden wir aber nach unserer Untersuchung nicht unterschreiben. Das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen wird vielmehr auf neuartige Weise hergestellt. Frauen werden viel stärker in Richtung Empathie und Kommunikation sozialisiert. Kompetenzen wie diese sind im Dienstleistungssektor gut verwertbar. Man könnte daher meinen, Frauen verfügen über Machtmittel, die auf dem Arbeitsmarkt an Wert gewinnen. Aber erstens führen diese Veränderungen nicht dazu, dass Berufe mit hohem Frauenanteil aufgewertet werden. Und zweitens kommt es zu einer Umdefinition der Fähigkeiten: In Dienstleistungsberufen müssen sich nun auch Männer diese affektiven Kompetenzen aneignen. Bei Männern werden sie zu einer Extrakompetenz, während sie bei Frauen nicht als Leistung gesehen werden, sondern "die können das einfach von Natur aus".

STANDARD: In Ihrem Buch schreiben Sie auch von Chancen für neue Formen der Solidarisierung durch das affektive Arbeiten?

Penz: Ja, heute passiert sehr viel Arbeit in Teams in wechselnden Konstellationen. Auf diese Art können sich durch affektive Bezüge neue Solidaritäten, neue Vertrauensverhältnisse herstellen. Diese können sich durchaus auch als widerständig gegenüber den Zumutungen des Arbeitslebens insgesamt erweisen. (Beate Hausbichler, 25.3.2016)


Zur Person

Otto Penz (geb. 1955) studierte Soziologie und Politikwissenschaft an der Uni Wien und war lange Zeit Adjunct Associate Professor für Soziologie an der Universität Calgary. Er lehrt derzeit Soziologie an der Uni Wien und an der Wirtschaftsuniversität Wien. Penz koordiniert das durch den Wissenschaftsfonds FWF geförderte Forschungsprojekt "Affektive Arbeit in der Arbeitsvermittlung". Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Soziologie des Körpers, der Schönheit und der Gefühle sowie der Arbeits- und politischen Soziologie. Zuletzt erschien von Otto Penz das Buch "Schönheit als Praxis: Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit".

Link

www.affectivelabor.org

  • Bei der Verwertbarkeit von Affekten in der Arbeitswelt geht es vor allem um ein Management von Gefühlen, das für den jeweiligen Bereich funktional sein soll, sagt Otto Penz.
    foto: heribert corn

    Bei der Verwertbarkeit von Affekten in der Arbeitswelt geht es vor allem um ein Management von Gefühlen, das für den jeweiligen Bereich funktional sein soll, sagt Otto Penz.

  • Otto Penz, Birgit SauerAffektives KapitalDie Ökonomisierung der Gefühle im ArbeitslebenCampus Verlag 2016240 Seiten, 36 Euro

    Otto Penz, Birgit Sauer
    Affektives Kapital
    Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben
    Campus Verlag 2016
    240 Seiten, 36 Euro

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