Arbeitslose Helfer auf Chios hadern mit Türkei-Abkommen

23. März 2016, 05:30
259 Postings

Hotspot auf der Ägäis-Insel bereits ausgelastet – Flüchtlinge nun unter Polizeikontrolle

Daniel Rivas hat keine Kunden mehr. Statt der rund 850, die zuletzt jeden Tag kamen, tauchen nur noch 28 vor seinem Klapptisch auf: die Letzten, die nach der großen Räumung auf Chios am vergangenen Wochenende im Lager zurückgeblieben sind, also die Kranken oder die ohne Geld für das Fährticket.

Betriebswirtschaftlich gesehen ist das eine Katastrophe. Aber Rivas hat kein Unternehmen. Er kocht Essen für Flüchtlinge, zusammen mit seinen Kollegen von Zaporeak, einer Hilfsorganisation aus dem Baskenland. Zaporeak heißt Geschmack. Die Katastrophe ist eher humanitär und wohl auch sentimental, was für den Spanier in etwa auf dasselbe hinauskommt wie ein plötzlicher Firmenbankrott.

8.000 Flüchtlinge hat die griechische Regierung am Wochenende rasch von den Inseln in der Ostägäis weggeschaufelt, um Platz zu machen für die neuen Migranten, die unter das Abkommen zwischen der EU und der Türkei fallen. Rivas und seine Mitköche kamen am Samstag wie immer mit 1.000 Mittagessen in das Zeltlager in der Altstadt von Chios. Sie kochen immer ein bisschen mehr für den Fall, dass jemand Nachschlag haben möchte.

"Wird ein Gefängnis werden"

Aber da war das Lager vor den alten Steinmauern der Festung von Chios schon leer. Alle standen bereits am Hafenpier und warteten auf die Fähren zum griechischen Festland. Wer jetzt dort für ihre Flüchtlinge sorgt, ist den Helfern in Chios nicht recht klar. "Fuck Europe", sagt Victoria, eine ältere Griechin. Sie organisiert die "Sozialküche" in der Inselhauptstadt, eine andere Hilfseinrichtung, seit die Flüchtlinge im Sommer 2015 begannen, in Massen von der nur acht Kilometer entfernten türkischen Küste nach Chios überzusetzen. "Das hier wird ein Gefängnis werden", sagt Victoria über das weiße Zeltlager vor der Festung Souda. "Es ist ein Fehler. Die Menschen werden weiterhin kommen."

"Drecksarbeit" für Europa

Auch Rivas, der arbeitslos gewordene Helfer, hat seine Ideen über den Handel, den die Europäer mit der Türkei ausmachten. "Wir in Spanien haben ein solches Abkommen mit Marokko. Wir zahlen sie, damit sie die Flüchtlinge drangsalieren und abschrecken. Sie machen die Drecksarbeit für uns", sagt der 26-jährige Spanier. "Genau dasselbe soll die Türkei nun hier tun. So sehe ich das."

"Wir sind hungrig"

Ums Essen geht es auch am Dienstag. Es gibt nicht genug davon im neuen Sammellager auf Chios, dem "Hotspot", wo die griechische Polizei nun alle ankommenden Flüchtlinge festhält, bis sie die Türkei zurücknimmt. "Wir sind hungrig", sagen die Männer, die hinter dem Zaun stehen.

1.200 Menschen sind am Dienstag im Lager, die Kapazität ist bereits erschöpft. Die Polizei war nicht darauf vorbereitet und hat zu wenig Essen eingeplant. Gleichzeitig darf der Imbissverkäufer vor dem Lager den Gefangenen nicht länger Sandwiches verkaufen und über den Zaun werfen. Eine Erklärung dafür hat der Wachmann am Eingang nicht.

"Die Zustände im Lager sind in den vergangenen 48 Stunden massiv schlechter geworden", sagt eine Mitarbeiterin von Ärzte der Welt. Sie hat Ähnliches in Slowenien und Kroatien in den vergangenen Monaten gesehen: "Sie schließen den Korridor für Flüchtlinge, alles wird eine Sicherheitsfrage, man hat plötzlich mit dem Innenministerium zu tun und nicht länger mit dem Gesundheitsministerium."

Weitere Gefängnisse

Wollen die Helfer von Ärzte der Welt Flüchtlinge im Spital behandeln lassen, müssen sie nun bei der Polizei nachfragen. Eine Polizeieskorte fährt dann mit. Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge ist auf Chios wie auf den anderen Inseln in der Nacht zu Dienstag deutlich gefallen. 281 waren es am Morgen. Doch bis zum Start der Rücknahmen – geplant für den 4. April – muss Chios nun rasch weitere Gefängnisse bauen. (Markus Bernath aus Chios, 23.3.2016)

  • Wetter oder mehr Erfolg beim Kampf gegen die Schlepper: Auf den Ägäisinseln kamen in der Nacht auf Dienstag weniger Flüchtlinge an.
    foto: imago/zuma press

    Wetter oder mehr Erfolg beim Kampf gegen die Schlepper: Auf den Ägäisinseln kamen in der Nacht auf Dienstag weniger Flüchtlinge an.

Share if you care.