Medienroulette mit Awadalla, Lugner und Marschall

Blog28. März 2016, 12:07
41 Postings

Erst am Mittwoch war endgültig klar, wer auf dem Stimmzettel für die Präsidentschaftswahl stehen wird. Bis dahin mussten Medien Wetten abschließen

In einigen österreichischen Medienhäusern liegt jetzt jede Menge Material über Robert Marschall herum. Der Obmann der EU-Austrittspartei hat es zwar nicht geschafft, auf dem Stimmzettel für die Bundespräsidentschaftswahl zu landen. Aber Medien – auch Tageszeitungen, ab und an – müssen vorausplanen. Und wie sicher konnten wir letztlich sein, dass es Marschall nicht schafft?

Für unsere Videosteckbriefe besuchten wir alle Kandidaten mit der Kamera. Ende vergangener Woche vermittelte Marschall dann den Eindruck, dass die 6.000 Unterstützungserklärungen für ihn durchaus im Bereich des Möglichen lägen: Immerhin reichte er am Freitag einen Wahlvorschlag ein und bezahlte 3.600 Euro Kostenbeitrag.

Einen Kandidaten, der wie alle anderen auf dem Stimmzettel steht, nicht vorzustellen, stand nicht zur Diskussion. Also drehten wir auch mit dem EU-Gegner noch Material für seinen Steckbrief. Darauf bleiben wir nun sitzen. Nachher ist man immer gescheiter.

Nervosität in der Redaktion

In unserer Printausgabe stellten wir am Donnerstag die Positionen der Kandidaten zu wichtigen politischen Themen in einer Übersicht dar. Die fixe Liste veröffentlichte die Wahlbehörde erst am Mittwoch zu Mittag – wir rechneten nicht damit, dass Marschall auf dem Stimmzettel stehen würden und produzierten die Doppelseite vor.

Bei einigen Kollegen machte sich am Mittwochvormittag noch Nervosität breit: Wenn Marschall es doch schafft, müsste man die ganze Doppelseite umbauen, Antworten kürzen, Fragen streichen. Und das kurz vor Redaktionsschluss – ein Albtraum, der dann nicht eingetreten ist: Marschall reichte nur etwas mehr als 1.000 Unterstützungserklärungen ein.

Wetteinsatz

Auch unsere Wette auf Richard Lugner ist aufgegangen. Er hat – mit viel Manpower vor den Wiener Bezirksämtern – gerade noch die erforderlichen Unterstützungserklärungen in der Nachfrist aufbringen können, sowohl in der Übersicht in der gedruckten Zeitung als auch für unsere Videosteckbriefe hatten wir ihn eingeplant.

Wobei man sagen muss: Der Wetteinsatz ist bei Tageszeitungen wie dem STANDARD noch relativ niedrig. Der ORF etwa produziert für die Präsidentschaftswahl drei Folgen des Erfolgsformats "Wahlfahrt", in dem Hanno Settele stundenlang mit Kandidaten durch die Gegend fährt. Das kostet nicht nur sehr viel Geld, sondern ist auch in der Produktion nach der Aufnahme aufwendiger, sprich: muss früh gedreht werden.

So früh, dass der ORF sowohl mit Richard Lugner als auch mit der linken Kandidatin El Awadalla auf "Wahlfahrt" ging und damit ein Risiko einging. Awadalla scheiterte schließlich an einigen hundert Unterschriften. Das Awadalla-Material verwurstet der ORF bald in seinen Info-Sendungen, wie ein Sprecher zum STANDARD sagt – freilich in anderer Wortwahl. Übrigens: Robert Marschall hat der ORF auch zu einem "Wahlfahrt"-Dreh eingeladen – er lehnte aber (nicht ganz überraschend) ab.

Die bösen Medien

Immerhin warf er am Montag ein ORF-Team aus seiner Pressekonferenz, weil der Sender ihn durch zu wenig Berichterstattung benachteilige. Diese Strategie folgt einer sehr speziellen Logik, aber der Vorwurf ist von fast allen Kleinparteien und Außenseiterkandidaten zu hören: "Die Medien" verzerren die demokratischen Abläufe, indem sie kleinen Playern nicht denselben Raum in der Berichterstattung einräumen wie großen.

Rein empirisch lässt sich das jetzt weder beweisen noch widerlegen: Hätte Robert Marschall 6.000 Unterstützungserklärungen erreicht, wenn er zu Interviews im STANDARD und in der "Zeit im Bild 2" eingeladen worden wäre? Wir wissen es nicht. Während das PR-Dogma lange lautete, jede Form von Öffentlichkeit sei von Vorteil, ist mittlerweile auch der Stronach-Effekt bekannt: Dem Milliardär dürften seine wirren Fernsehauftritte vor der Nationalratswahl 2013 mehr geschadet als genutzt haben. (Sebastian Fellner, 28.3.2016)

  • Eine Wette auf Richard Lugner auf dem Stimmzettel hat sich ausgezahlt.
    foto: reuters, gai jeger, cremer, hendrich. montage: standard

    Eine Wette auf Richard Lugner auf dem Stimmzettel hat sich ausgezahlt.

Share if you care.