Fett verdient keine Stigmatisierung

Kolumne23. März 2016, 12:32
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Menschen dürfen in unserer Gesellschaft nicht fett sein. Frauen schon gar nicht. Was passiert eigentlich, wenn wir jemanden mit Wertschätzung als fett bezeichnen?

Erinnern Sie sich noch an das Lied "Dicke" von Marius Müller-Westernhagen? Was waren die Menschen vor knapp 40 Jahren, als das dazugehörige Album erschien, mit Westernhagen froh, dass sie "so dünne Heringe sind". Dicksein galt als Quälerei, und dünn zu sein bedeutete frei zu sein. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Wenn überhaupt, kann man davon sprechen, dass sich die Situation noch verschärft hat. Im Zeitalter von Selfies und Tigh Gaps sind die Optimierungszwänge noch mannigfacher geworden, die Produkte und Magazine noch zahlreicher, und das Konzept der Normschönheit hat mit Photoshop und Konsorten Komplizen an die Seite gestellt bekommen, die seinen Einfluss auf lange Sicht zementieren.

Versprechen der Erlösung

Mit ihrem Satz, dass nichts so gut schmeckt, wie sich Dünnsein anfühlt, hat es das Model Kate Moss vor einiger Zeit auf den Punkt gebracht und musste seitdem dafür viel Kritik einstecken, obwohl ihr Zitat eigentlich nur den Status quo beschreibt. Dünnsein, das ist wie ein Versprechen der Erlösung. Wer dünn ist, wird gesehen, ganz gleich, ob er oder sie dabei zu verschwinden droht.

Auch Dicksein – oder nennen wir es besser gleich Fettsein, um diesen Begriff gleich mal aus der Geisterbahn der Unwörter zu befreien und ans Licht zu bringen – hat in unserer Gesellschaft eine moralische Dimension, wenn auch eine gänzlich andere. Es kommt einem Scheitern gleich, einem Mangel an Selbstdisziplin und Kontrolle. Wer fett ist, kriegt den Arsch nicht hoch und macht es sich grundsätzlich viel zu einfach. Wer fett ist, gilt als Zumutung für sich und andere und begeht mit mutmaßlicher Völlerei nicht weniger als eine Todsünde.

Fettsein ist politisch

Wer fett ist, macht sich für die Gemeinschaft unmöglich. Das ist auch der Grund, warum Fettsein politisch ist. Fette verweigern sich der Leistungsgesellschaft, obwohl nirgendwo steht, was ein fettes Individuum leisten kann und wozu es imstande ist. Gefühlt ist es zu wenig. Das muss thematisiert und problematisiert werden. Unkommentiertes Fettsein geht gar nicht. Schon aus gesundheitlichen Gründen. Man kann den Leuten doch nicht vor lauter politischer Korrektheit die Wahrheit über ihr schädlichen Lebenswandel vorenthalten. Was denn für eine Wahrheit? Etwa die, dass die meisten Menschen viel zu wenig über die gesundheitlichen Auswirkungen von Fettsein im Allgemeinen und noch weniger über den Gesundheitszustand von fetten Personen im Speziellen wissen? Oder die, dass das Gesundheitsargument allzu oft Hass und Verächtlichmachung maskiert?

Fette werden ausgegrenzt, unterschätzt und lächerlich gemacht. Und das ist auch der Grund, warum Fettsein ein feministisches Thema ist. Denn zum einen geht es dabei um Antidiskriminierungsarbeit und Ermächtigungsstrategien. Zum anderen sind Frauen davon mehr betroffen als Männer. Männer dürfen fetter sein als Frauen. Das heißt dann stattlich und sorgt dafür, dass sie statistisch gesehen mehr verdienen als ihre schlankeren Geschlechtsgenossen, wohingegen es für Frauen genau umgekehrt gilt.

Männer leiden zwar zunehmend an Phänomenen wie Muskeldysmorphie (Muss! Waschbrettbauch! Haben!), bekommen aber darüber hinaus auch neue Komfortzonen wie die des "dad bods" eröffnet, in der Frauen sie für ihren kaum muskeldefinierte Oberkörper mit leichtem Fettansatz würdigen. Eine Komfortzone "mom bod" existiert hingegen nicht. Stattdessen die Anforderungen eines After-Baby-Body, den Frau in kürzester Zeit zu realisieren hat, um möglichst zeitnah wieder als potenzielles Milf-Material zur Verfügung zu stehen.

Fettsein kann schön sein

Fette Frauen machen sich nicht nur in diesem Zusammenhang besonders verdächtig. Die Damen sollen den Herren doch eine Augenweide sein. Und wehe, wenn nicht. Dann setzt es aber was. Fettenwitze. Ekelbekundungen. Lieder von Marius Müller-Westernhagen.

Na gut, also keine Abwertung von Fetten mehr. Aber muss man fette Menschen etwa noch toll finden? Ist das nicht eine Form von Meinungsdiktatur, wenn man uns jetzt vorschreibt, dass wir Fettsein schön zu finden haben? Es geht aber nicht darum, dass alle Welt fette Körper von nun an als schön zu feiern hat, sondern darum, überhaupt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie es sein können und sein dürfen. Denn bisher ist Fettsein der Lord Voldemort unter den Körperformen.

"Schahaaatz, findest du mich dick?"

"Aber nein, mein Liebling, du bist überhaupt nicht dick."

Das wäre nämlich ganz furchtbar. Wenn Fettsein so außerhalb jeder erdenklichen Schönheitsnorm liegt, dann kann ein geliebter Mensch genau das nicht sein. Was aber ist er dann? Etwas, dessen Name nicht genannt werden darf. Etwas, das mit hoher performativer Wirkmächtigkeit Tatsachen schafft, die zwar vorher bereits real waren, aber bisher den blinden Fettfleck der Wahrnehmung gebildet haben. Etwas Unsägliches. Fette Menschen sind mehr als das und verdienen, entsprechend behandelt zu werden. "Es gibt keine Gewichtsbegrenzung für Menschenrechte." (Nils Pickert, 23.3.2016)

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