Berlin: Mehr Sneakers als High Heels

24. März 2016, 18:04
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Post-Sowjet-Ästhetik und Hedonismus-Nostalgie: Die Mode sehnt sich nach Städten, die noch Ecken und Kanten aufweisen

Jeder Ort hat seinen spezifischen Mythos, der die Realität überstrahlt. Paris kann noch so unfreundlich sein, es wird immer die Stadt der Liebe bleiben. Rom kann seine Kulturgüter verfallen lassen, es wird stets als die ewige Stadt bezeichnet werden. London steht für urbanes Leben und innovative Protzarchitektur. Und auch die Rolle von Berlin ist längst festgeschrieben: die endlose Baustelle.

"Arm, aber sexy", lautete der Werbeslogan von Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit. Berlin ist keine Überdosis Schönheit, Berlin ist ein Härtefall: hässlich, kalt, kantig und ehrlich. Daran können weder unzählige Touristen, die Berlin regelmäßig heimsuchen, noch hippe Allerweltsboutiquen in Mitte und Bioläden am Prenzlauer Berg etwas ändern. Die Stadt ist einfach zu groß, um gänzlich gentrifiziert zu werden.

Es wird in Berlin immer Biotope geben, die aussehen, als wäre die Zeit stehen geblieben. Heruntergekommene Ecken, die wirken, als würde Christiane F., Berlins berühmtester Junkie, gerade auf der Suche nach einem Schuss vorbeihuschen.

Mode-Revivals

Spätestens seitdem Claire Danes in der fünften Staffel der US-TV-Serie "Homeland" durch eine Metropole zwischen modernen Glasbauten wie dem Hauptbahnhof und grauen, heruntergekommenen Wohnvierteln irrte, ist Berlin wieder ein internationaler Hotspot. In Ellen DeGeneres' Talkshow schwärmte Danes vom legendären Techno-Club Berghain. Zumindest für Hollywood ist Berlin noch immer 200 Beats per Minute. Selbst wenn die Zahl der illegalen Clubs längst gesunken ist.

Keine Stadt passt so gut zu den aktuellen Revivals in der Mode, gerade werden die 1970er- und die 1990er-Jahre wiederentdeckt, Jahrzehnte zwischen Heroin-Chic und Techno-Hedonismus. In beiden Epochen hatte Berlin eine Vorreiterrolle inne.

Nach Westberlin, in die Hauptstadt des Kalten Krieges, zog es in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern Künstler aus aller Welt. Sie wollten in der Anonymität einer geschichtsträchtigen Metropole exzessiv den Augenblick feiern. In versifften Bars tranken sie Dosenbier für eine Mark und genossen, dass sie keine Paparazzi verfolgten.

Blixa Bargeld arbeitete in der Kultbar Risiko am Tresen, Nick Cave warf jede Droge ein, die er kriegen konnte. Und David Bowie zog 1976 in eine Wohnung in Schöneberg, er war pleite und kokainsüchtig. Berlin sei seine Klinik gewesen, sagte der Musiker später. Hier entstanden seine herausragenden Alben "Low", "Heroes" und "Lodger".

Brutalismus-Mythos

Nun sind auch die Luxuslabels Gucci und Givenchy dem Brutalismus-Mythos der Stadt erlegen. In ihren aktuellen Frühlingsshootings beschwören sie eine Zeit herauf, als es in der Mode noch Ecken und Kanten gab.

Alessandro Michele, das neue kreative Wunderkind bei Gucci, bezieht sich in seinem Werbespot explizit auf eine Szene aus dem Junkie-Epos "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981): Christine F. läuft mit ihrer Clique durch die Arkaden eines geschlossenen Kaufhauses, von David Bowie erklingt "Helden", sie klauen aus Übermut Geld von einer Lotteriestelle, fahren mit dem Lift aufs Dach und blicken über ein Berlin im Morgengrauen.

gucci
Gucci in Berlin.

Die Models der Gucci-Kampagne sind freilich um einiges bunter gekleidet als im Film, zugleich ist die Szene harmloser (gestohlen wird nicht). Dafür sieht man vom Hoteldach fast schon ikonografisch einen Baukran. Givenchy ist für seine Modeaufnahmen in den Osten gegangen, dorthin, wo Berlin noch immer nach Kommunismus aussieht: Die Models stehen auf der ehemaligen Stalinallee oder im Kino International, das seinen DDR-Charme erfolgreich eingefroren hat. Mehr Ostfeeling geht nicht.

Aber gibt es überhaupt so etwas wie einen Berlin-Stil? Die alljährliche Fashion Week nimmt sich selbst wichtiger, als es die internationale Fachwelt tut. Modebloggerinnen wie Jessie Weiß tragen eine Fashionista-Uniform, die weltweit gleich aussieht: Céline-Bag, Kleider von Isabel Marant. Sonderlich innovativ ist das nicht. Trotzdem unterscheidet sich Berlin von anderen Städten, Streetwear war hier schon immer wichtiger als Luxuslabels, Secondhand steht hoch im Kurs, Bomberjacken waren nie out.

Mehr Sneakers als High Heels

Berlin war stets mehr Sneakers als High Heels. Es scheint, als habe die Stadt keine Angst vor einem wilden Stilmix, worin sich auch Gucci-Chef Michele, der auf einen fröhlichen Eklektizismus setzt, wiederfinden könnte.

Berlin verkörpert einen Trend, der gerade alle High-Fashion-Häuser prägt: Man hat Sehnsucht nach einer Zeit, als Mode noch Ausdruck von Individualität war. Die Designer sind fasziniert davon, was auf den Straßen passiert, wie spannend die Subkulturen sind. Der russische Shootingstar Gosha Rubchinskiy zeigt junge Skater vorzugsweise vor kalter Post-Sowjet-Ästhetik. Er spielt mit der Uniform- und Sportkleidung seiner russischen Jugend.

Der Georgier Demna Gvasalia, der die konservative Modestadt Paris gerade mit seiner Marke Vetements aufmischt und dem Traditionslabel Balenciaga neuen Elan einhaucht, inszenierte seine Kleidung jüngst mit der russischen Stylistin Lotta Volkova in verlassenen Dorfdiscos in Litauen: trostlose Kulturzentren im Sowjet-Stil, die das Gegenteil von glamourös sind.

Gerade die jungen, innovativen Designer scheinen sich sattgesehen zu haben, an der glatten High-Fashion-Schönheit, die puren Luxus zelebriert. Sie suchen nach neuer Härte. Und eigentlich tut das der angestaubten Modeszene, die sich viel zu lange in einem elitären Elfenbeinturm aufgehalten hat, erstaunlich gut. (Karin Cerny, RONDO, 25.3.2016)

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