Tahiti: Bewusst Boote bauen

25. März 2016, 05:30
9 Postings

Das Selbstverständnis vieler Tahitianer hat arg gelitten, Vereine bemühen sich daher um das Aufleben alter Kulturtechniken. Reisende können nun wieder das traditionelle Polynesien entdecken

Noch auf dem Rollfeld von Tahitis Hauptstadt Papeete bekommt jeder Ankommende eine Blumenkette um den Hals gehängt. Damen bekommen die weiße, siebenblättrige und stark duftende Tiare-Blüte hinters Ohr gesteckt. Links bedeutet: verheiratet, rechts: noch zu haben. "Das 18. Jahrhundert war die Zeit der Aufklärung. Entdecker, die Orte wie Tahiti aufspürten, glaubten, sie hätten das verlorene Paradies wiedergefunden", meint der chilenische Archäologe Claudio Cristino, der den Großteil seines Lebens Polynesien erforscht hat. "Sie schufen Bilder, die in Europa die Vorstellung vom edlen Wilden weckten, der in Harmonie mit der Natur lebt." Doch diese Vorstellung sei ein Fantasieprodukt, sagt Cristino.

Es geht vorbei an McDonald's, Tankstellen und riesigen Supermärkten. Statt schlanker, schöner Südseemenschen dominieren übergewichtige, Fastfood essende Polynesier das Straßenbild – vor allem Jugendliche. Heute sind 43 Prozent der Bevölkerung Tahitis unter 20 Jahre alt, Arbeitsplätze gibt es für die jungen Tahitianer kaum. Höherqualifizierte Positionen werden oft von Franzosen besetzt, während für die Bevölkerung die gering bezahlten Tätigkeiten übrigbleiben.

Französisch-Polynesien besteht aus insgesamt 118 Atollen und Inseln. Die bekannteste und bevölkerungsreichste ist Tahiti.

Trotz Teilautonomie ist Französisch-Polynesien noch immer stark von den finanziellen Zuschüssen Frankreichs abhängig. Zwar zählt das Bruttoinlandsprodukt zu den höchsten im südlichen Pazifik und der Lebensstandard ist der höchste von allen Südseestaaten, doch führten die Finanzspritzen aus Paris auch dazu, dass die traditionelle Landwirtschaft wie der Anbau von Kokosnüssen und Kaffee zum Erliegen gekommen ist.

Eine Perle im Pazifik

Statt einer diversifizierten Wirtschaft hat sich eine vom Tourismussektor abhängige Ökonomie entwickelt, die dem Weltmarkt ausgeliefert ist. Dabei hat die Wirtschaftskrise auch das abgelegene französische Übersee-Département erreicht: Tahiti habe seine Stellung als das Hideaway-Ziel für Luxustourismus längst eingebüßt, und der Preis für die berühmten "Schwarzen Perlen" ist stark zurückgegangen, sagt Cristino.

Gut vierzehn Tonnen schwarze Zuchtperlen werden Jahr für Jahr aus Französisch-Polynesien in alle Welt exportiert, vor allem nach Asien. Es gibt mehrere Hundert Produzenten auf Fakarava, einer Insel 450 Kilometer nordöstlich von Tahiti. Am mühsamsten ist die Perlenzucht in den ersten 18 Monaten: Dann baumeln die Austern an Seilen im reinen klaren Lagunenwasser und werden täglich kontrolliert.

foto: picturedesk.com/douglas peebles/danita delimont
Perlen werden jetzt nicht mehr von Fremdarbeitern, sondern von Tahitianern selber gezüchtet.

Wenn die Muscheln ausgewachsen sind, beginnt der komplizierteste Teil der Zucht: das gewaltsame Aufstemmen der Auster mit einem scharfen Messerchen, das Aufschneiden der Lippen, das Einführen einer kleinen Kugel aus Mais hinein in den Perlensack, um den herum sich das Perlmuttsekret bildet und verfestigt. Eine positive Entwicklung der letzten Jahre: Früher wurden für die Perlenzucht ausschließlich Spezialisten aus Asien beschäftigt, vor allem Japaner und Chinesen. Nun sind auch Polynesier mit dieser Tätigkeit vertraut. Es gibt sogar eine eigene Schule dafür in Französisch-Polynesien.

Keine unberührte Welt

Tahiti sei dennoch kein Paradies im Sinn einer heilen, unberührten Welt mehr, sagt auch Fremdenführer Arnaud Luccioni. Er ist gerade mit einer Reisegruppe unterwegs in das Papenoo, das größte Tal auf Tahiti. Vor 200 Jahren gab es hier noch 10.000 Einwohner, die in etwa 40 Dörfern lebten. 90 Prozent dieser Menschen starben durch Krankheiten, die von Europäern eingeschleppt wurden. Jene, die überlebten, wurden schließlich christianisiert. Deshalb lebt heute fast niemand mehr im Tal von Papenoo. Luccioni, der mit einer Tahitianerin verheiratet ist, beklagt den Verlust der alten polynesischen Kultur. Sie sei zur Folklore erstarrt für die zahlungskräftigen Touristen aus den USA, Asien und dem fernen Europa. Doch gerade in den letzten Jahren gibt es wieder hoffnungsvolle Projekte.

Mündliche Traditionen

Doris Maruoi arbeitet im Norden Tahitis für den Verein Haururu und redet in der alten Sprache ihres Volkes, der polynesischen Sprache Reo Ma'ohi, auch Reo Tahiti genannt. Heute ist Tahitianisch vom Aussterben bedroht, denn Amtssprache ist Französisch. Durch die rigide französische Sprachpolitik waren polynesische Sprachen lange Zeit verboten, auch in den Schulen. Heute wachse eine Generation von Kindern und Jugendlichen heran, die Tahitianisch nicht mehr aktiv spreche und nur noch oberflächlich verstehen könne, beklagt Doris Maruoi.

Doch seit einigen Jahren "versucht man in den Schulen, sich wieder der eigenen Wurzeln zu besinnen. Alte Texte werden wieder gelernt und die mündlichen Traditionen aufgegriffen." Dafür wurde 1994 der Verein Haururu gegründet, erzählt Doris Maruoi. Zwar erhält dieser für den Dienst an der Öffentlichkeit staatliche Unterstützung, man ist aber auf Sponsoren angewiesen. Auch Touristenführungen bringen Geld in die Vereinskasse.

foto: picturedesk.com/dpa picture alliance/sergi reboredo
Die Ukulele erklingt noch immer vorwiegend für Fremde.

Am Papenoo-Fluss liegt ein kleines historisches Dorf, für dessen Entstehung Haururu verantwortlich ist: einfache offene Hütten aus Pflanzenmaterialien. Die Fenster ohne Glas und Rahmen, aber mit beweglichen, an Stangen befestigten geflochtenen Palmenblättern zum Öffnen, die Dächer sind mit großen Pandanusblättern gedeckt. Damit bieten die Hütten eine gute Isolierung gegen das tropische Klima; die leichten Wände aus aufgehängten, geflochtenen Palmblättern sind durchlässig für den Wind und sorgen für eine gute Belüftung. In der Mitte des Dorfes: ein großer offener Versammlungsraum. Regelmäßig treten hier Tanz- und Gesangsgruppen auf, junge Leute, die die alten Lieder auf der Ukulele spielen und Bräuche der Vorfahren hochhalten – allerdings vorwiegend für Besucher.

Selbst Tätowierer gibt es wieder im Dorf. Die christlichen Missionare hatten diese tahitianische Körperkunst im 18. Jahrhundert verboten. Erst seit einigen Jahrzehnten gibt es eine Rückbesinnung auf diese alte Kulturtechnik. Doch anders als die westlichen Modetätowierungen erzählen tahitianische Tattoos Geschichten: von der Hochzeit der Großeltern oder der Geburt des eigenen Kindes. Viele Tätowierungen haben für die Tahitianer eine spirituelle Bedeutung. Im Haururu-Dorf arbeitet auch Mata Hi Tutavae. Der Enddreißiger ist Familienvater und Präsident der Nichtregierungsorganisation Faafaite: "Wir beschäftigen uns mit der traditionellen polynesischen Technik der Navigation."

Meister der Navigation

Obwohl man in Polynesien weder Kompass noch Schriftsprache oder Metallwerkzeuge kannte, waren die Inselbewohner Meister der Navigation und der Seefahrt mit ihren Kanus. Ungefähr um 1.200 nach Christus hatten sich die Polynesier in dem riesigen Ozeandreieck zwischen Hawaii, Neuseeland und der Osterinsel auf jedem bewohnbaren Fleckchen Land niedergelassen. Nun versuche man, diese jahrhundertealte Traditionen sowie den traditionellen Bootsbau wiederzubeleben, sagt Mata Hi Tutavae: "Wir bauen Kanus, die alle auf das gleiche Modell zurückgehen, das wir Tipaerua nennen und das aus Französisch-Polynesien stammt."

foto: picturedesk.com/laif/andreas hub
Auf Tahiti werden nun wieder Kanus gebaut, die alle auf denselben Bootstyp, das klassische Tipaerua, zurückgehen.

Tipaeruas sind große Segelkanus, sieben Typen gibt es davon, das bekannteste nennt sich Faafaite, so wie der Verein. Das Faafaite ist als Katamaran mit zwei Segeln konzipiert und wird auf Tahiti genauso gebaut wie auf den Cook-Inseln. "Unsere junge Generation, aber auch manche Alten wissen nichts mehr über die Konstruktion dieser Boote. Ziel ist es, das Handwerk und das Navigieren wiederzubeleben. Es geht aber auch darum, dass wir uns darüber mit den anderen pazifischen Völkern und ihren Kulturen austauschen", sagt Mata Hi Tutavae.

Selbstversorgung ist möglich

Heute sei der Alltag auf Tahiti westlich orientiert, sagt Mata Hi Tutavae. Vor allem seit Frankreich zwischen 1966 und 1996 im Zuge seiner Atomtests massiv versucht habe, französisches Denken und französische Staatsstrukturen durchzusetzen. Die jungen Erwachsenen seien Fremde im eigenen Land geworden. Dabei ist Mata Hi Tutavae davon überzeugt, dass der alte Lebensstil mit Selbstversorgung durch kleinteilige Landwirtschaft und Fischfang in diesem abgelegenen tropisch-fruchtbaren Gebiet nach wie vor möglich wäre.

Der Jugend aber wurden die alten Kenntnisse der Fischerei und des Landbaus nicht vermittelt. Vom ökologischen Umgang mit den eigenen wenigen Ressourcen ganz zu schweigen. Fast alle Dinge des täglichen Lebens müssen importiert werden – von der Zahnpasta bis zum Kühlschrank oder den Arzneimitteln. Das Fleisch kommt aus Chile, das Gemüse aus Neuseeland, der Wein aus Frankreich. Immerhin: Das Bier wird auf Tahiti produziert. Hinano, also Prinzessin, heißt es. Das Etikett zeigt eine langhaarige, leicht bekleidete Schönheit mit Blumenkranz.

foto: apa/afp/stephane de sakutin

Viele junge Tahitianer wüssten nicht mehr, wer sie seien, woher sie kämen, sagt Mata Hi Tutavae. Ihre Geschichte gründe sich auf der Verbindung zum Meer, aber das Wissen darum sei verschüttet. Auch dafür schippert der Katamaran Faafaite quer durch den pazifischen Raum. Das Schiff ist für junge Menschen auf Tahiti ein Ort, um zu lernen und um den eigenen Standort in der Gesellschaft neu zu definieren, seemännisch, sprachlich und kulturell. Vor allem soll damit Wissen der Vorväter vermittelt werden. "Wir müssen wieder zurück zu den Anfängen – nicht, um wie vor Hunderten von Jahren zu leben. Es geht vielmehr darum, sich der Wurzeln zu besinnen, damit wir heute überleben können, ohne den Ozean und seine Lebenswelt zu zerstören." (Michael Marek, 25.3.2016)

Anreise & Infos

karte: der standard

Anreise: Flug Wien-Papeete immer mit zwei Zwischenstopps, z. B. Air France / British Airways via Paris/London und Los Angeles

Touristische Infos: Tahiti Tourisme: www.tahiti-tourisme.de oder auch über das französische Fremdenverkehrsamt Atout France: at.france.fr

Bücher: "South Pacific". Lonely Planet. Dora Thornton, Jonathan Bate (British Museum Press). 704 Seiten Verlag: Lonely Planet Publications; Auflage: 4th revised edition. (1. August 2009) Sprache: Englisch. ISBN-13: 978-1741047868

Karl von den Steinen: "Die Marquesaner und ihre Kunst: Studien über die Entwicklung primitiver Südseeornamentik nach eigenen Reiseergebnissen und dem Material der Museen". Reprint: Fines Mundi, Saarbrücken 2006.

Herman Melville: "Taipi. Abenteuer in der Südsee". Berlin: Aufbau Tb, 2001.

Links: Faafaite.org; Te mana o te moana; Radio 1 Tahiti

Share if you care.