Julya Rabinowich: Die Traurigkeit des Fahrgastes zu Zeiten der Buchmesse

22. März 2016, 12:50
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In der ersten Klasse hängen Geistesgrößen elegant-dekadent in den Ledersesseln und tippen in ihre silbern schimmernden Laptops

Wer zu spät auf den Zug zur Buchmesse aufspringt, braucht sich über nichts mehr zu wundern. Die zweite Klasse birst voller Hoffnungsfroher aus allen Nähten. In der ersten Klasse hängen Geistesgrößen elegant-dekadent in den Ledersesseln und tippen in ihre silbern schimmernden Laptops – oder gerinnen in leicht leidender Denkerpose in die Schatten ihrer Seidenschals.

Wer vor Aufregung sein Fresspaket zu Hause gelassen hat oder keinen Platz mehr ergattern konnte und sich nun Rettung im Bordrestaurant verspricht, wird lernen, sich über das heimische Henry-Bistro zu freuen, über das man sich zuvor heftig mokierte. Schlimmer geht es offenbar immer. Das jetzt nur im Bezug auf das servierte Futter, nicht auf den Zustand des servierenden Personals.

Wie die Deutsche Bahn es mit Arbeitszeiten und Entlohnung hält, ist mir derzeit unbekannt. Die Kellner sind durchwegs freundlich-entspannt, vielleicht aber nur, weil Schadenfreude die schnellste Freude ist und sie um die Diskrepanz zwischen dem fiktiven und dem wahren Antlitz des Servierten wissen. Da sage keiner mehr, nur Models wären alleinige Herrscherinnen des Photoshop-Adels.

Leipzig lag noch weit vor uns. Wir hatten Zeit für Hoffnungen, Sorgen, Neugier und Appetit. Ich bestellte – ahnungslos und von der optisch aufgewerteten Speisekarte gekonnt irregeführt – ein durchaus einladend wirkendes warmes Baguette und erhielt etwas, das man nicht ohne längeres Gustieren irgendwo zwischen Soylent Green und Wattepad mit Curry einordnen konnte.

Das Erlebnis spiegelte durchaus den Unterschied einer virtuellen erotischen Begegnung mit einer real gelebten wider: Es schmeckte schal wie jedes Surrogat. Als nämlich Analogkäse einst Sägemehl küsste, ward die Bordküchenvenus aus Haltbarmilchschaum geboren. Soweit der Mythos.

Die Zuckerwaffeln hingegen schafften es, ihre Pappigkeit durch heftiges Erhitzen hinter sich lassen zu können. Wobei wir wieder beim vibrierenden Thema der Literatur angelangt wären. Die Wirklichkeit ist ohne kristallinen Zuckerguss auch nicht zum Derkauen. (Julya Rabinowich, 22.3.2016)

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