Ein halbes Leben auf der Flucht

23. März 2016, 16:21
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Experten vermissen Schutz für Babys in Erstaufnahmezentren. Es fehle das Bewusstsein, was traumatisierte Kinder und Eltern brauchen

Die Szene ist gespenstig. Eine junge Mutter sitzt neben ihrer sechs Monate alten Tochter. Sie ist aus Syrien geflohen. Jetzt starrt sie mit leerem Blick auf ihr Kind. Das Mädchen starrt mit genauso leerem Blick an der Mutter vorbei an die Decke. Nach ein paar Sekunden sucht das Mädchen den Augenkontakt zur Mutter, lächelt sie an. Die Mutter reagiert nicht. Sie scheint verloren in ihrer Gedankenwelt, minutenlang. Das Baby gibt sein Werben um die Mutter bald auf. Sein Blick wandert zurück zur Decke und verharrt dort. Der fehlende Kontakt zwischen Mutter und Baby ist offensichtlich.

Signale nicht wahrnehmen

Das Beispiel zeigt, wie sich Traumata und seelische Verletzungen von Eltern auf ihre Kinder übertragen können. Nicht mit dem Kind im Kontakt zu sein, die Signale des Babys nicht wahrnehmen zu können – so entsteht unsichere Bindung. Ist jemand von inneren Gespenstern verfolgt, von Kriegs- oder Fluchtereignissen, kann er oder sie schwer das Gegenüber in seiner Bedürftigkeit wahrnehmen. Selbst dann nicht, wenn es das eigene Kind ist.

Doch Säuglinge sind vom ersten Tag ihres Lebens auf die Resonanz der Eltern angewiesen. Sie wollen, sie müssen kommunizieren. Sie brauchen ein Gegenüber, das ihre Gefühle teilt, das sie hält – nicht nur körperlich. Bleiben elterliche Traumata unentdeckt, bedeutet das für das Baby, dass es früher oder später Symptome entwickelt: Bei Kindern bis einem Jahr sind das am häufigsten Störungen beim Schlafen, beim Essen und im Schreiverhalten. Störungen, die in extremen Fällen zu Verhaltensauffälligkeiten und zu psychiatrischen Störungen im Jugend- oder Erwachsenenalter werden können.

Es brauchte Ruhe und Sicherheit

In der sensiblen Phase der frühen Kindheit braucht es Ruhe und Sicherheit für Eltern und Babys. All das gibt es in Erstaufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Eltern mit Kleinstkindern aber nicht, kritisiert Jörg Maywald auf der jüngsten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH) in Leipzig. Maywald ist Gründer des Berliner Kinderschutzzentrums. Stattdessen gäbe es: enge Räume zum Bersten gefüllt, keine Rückzugsmöglichkeit für Mütter, um etwa in Ruhe zu stillen, mangelhafte medizinische Versorgung.

Die Eltern seien meist psychisch belastet und voller Ängste, erzählt Maywald. Das Personal der Unterkünfte sei aber nicht qualifiziert genug, um das seelische Wohl der Familien im Auge zu haben. "Es gibt in Erstaufnahmezentren nicht dieselben Schutzstandards für Kinder wie in Mutter-Kind-Einrichtungen, da hier das Asylrecht gilt." Was Maywald aus Erfahrung berichtet, belegt auch die Wissenschaft.

Verstört und verängstigt

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin hat eine Studie in einem bayrischen Erstaufnahmezentrum gemacht, die fast einem Viertel der Flüchtlingskinder (22 Prozent) dort eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert. 16 Prozent weisen sogenannte Anpassungsstörungen auf – reagieren also mit emotionalen Beeinträchtigungen und eingeschränkten sozialen Beziehungen auf die belastende Situation der Flucht und der Unsicherheit danach. Maywald kennt diese Zahlen – und erlebt ihre Auswirkungen in der täglichen Praxis. Viele Flüchtlingskinder seien schwer verstört und verängstigt.

60 Prozent der Kinder wären länger als zehn Monate auf der Flucht. "Für ein Kleinkind von 20 Monaten heißt das, dass es die Hälfte seines Lebens unterwegs war", so Maywald. Weitere knapp 60 Prozent sind Belastungen in den Erstaufnahmezentren ausgesetzt: durch Isolation, Gewalt, Trennung von den Bezugspersonen sowie einen unklaren Aufenthaltsstatus.

Keine offiziellen Daten

In Österreich ist die Situation nicht weniger dramatisch. Der Kinderarzt Ferdinand Sator bestätigt dies. Sator ist ehrenamtlich für eine Organisation tätig, die seit dem vergangenen Sommer in Bahnhöfen, an Grenzübergängen und in Lagern Flüchtlinge medizinisch versorgt: "Wir sind, was die Standards für geflüchtete Kleinstkinder und deren Eltern anbelangt, an die Schwelle zum 19. Jahrhundert zurückversetzt", so Sator. Zwar gäbe es nach wie vor keine offiziellen Daten zur Lage der Säuglinge in österreichischen Erstaufnahmezentren. Sator schätzt aber, dass die Sterblichkeitsrate von Säuglingen auf der Flucht zehnmal höher sei als jene in Österreich.

"Die häufigsten Ursachen sind Frühgeburten, Lungenentzündung, Durchfall und der plötzliche Kindstod." Neben fehlenden hygienischen und gesundheitlichen Standards mangle es in Erstaufnahmezentren an Ruhe für Mutter und Kind. Die wäre wichtig, weil Mütter mit Neugeborenen sehr labil sind und durch die Flucht in dieser hochsensiblen Lebensphase oft besonders traumatisiert. Der Vater, sofern anwesend, sei als emotionale Stütze in dieser besonderen Situation meist überfordert. Sator hat die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen dem Alltag im Flüchtlingslager zwar schneller anpassen, sich aber meist einsam und der Situation nicht gewachsen fühlen. Sie reagieren häufig mit Depressionen und emotionaler Erstarrung, was die so wichtige Kommunikation mit ihrem Baby erschwert.

Stresskreislauf

Die Kleinkinder reagieren auf die innere Unruhe der Mutter und den Trubel rundherum nicht selten mit exzessivem, untröstlichem Schreien. Was wiederum den Müttern enormen Stress bereitet. Sie lassen die Babys dann einfach weinen. "Ein Baby, das lernt, dass auf sein Schreien nächtelang nicht reagiert wird, gibt aber irgendwann einmal auf", erklärt Sator. Es könne bald depressive Symptome zeigen. Interventionen, um Eltern und Baby zu stabilisieren, könnten in dieser Phase gut greifen. Der Mediziner schlägt vor, allen Eltern mit kleinen Kindern eine Betreuungsperson zur Seite zu stellen. Das würde entlasten und positiv auf die Psyche von Eltern und Kind wirken.

Auch Jörg Maywald wüsste, was es braucht, um die seelische Gesundheit von Kleinkindern wiederherzustellen: Spielräume, auch um ihre Erfahrungen von Krieg und Flucht verarbeiten zu können, Strukturen und die Aussicht auf Anbindung an Krippe, Kindergärten, Schule und Psychotherapie. Von dieser Form der Beteiligung würden Säuglinge massiv profitieren: Seine Signale würden gehört und beachtet werden – auch in überbelegten Quartieren, nach Monaten auf der Flucht. (Erika Müller, 23.3.2016)

  • Im Gesundheitszentrum der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) wird ein fünf Monate altes Baby aus Afghanistan versorgt.
    foto: apa

    Im Gesundheitszentrum der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) wird ein fünf Monate altes Baby aus Afghanistan versorgt.

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