Wie die Flüchtlingskrise unsere Einstellung zur Zuwanderung ändert

Blog22. März 2016, 15:20
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Die Skepsis gegenüber Zuwanderung steigt. Mit der tatsächlichen Zahl der Flüchtlinge hat das aber nur bedingt zu tun

Zweimal pro Jahr wird im Auftrag der Europäischen Kommission in allen EU-Ländern eine Umfrage zu einer Vielzahl an aktuellen Themen durchgeführt. In diesen Eurobarometer-Umfragen wird neben vielen anderen Dingen auch folgende Frage gestellt:

"Was sind Ihrer Meinung nach die beiden wichtigsten Probleme, denen unser Land derzeit gegenübersteht?"

Die Befragten können zwei aus gut einem Dutzend vorgegebener Themen wählen (oder eigene vorschlagen), darunter etwa Arbeitslosigkeit, Wirtschaftslage, Inflation, Kriminalität, Bildung, Umwelt, Terrorismus oder Pensionen. Während solche Fragestellungen für gewöhnlich zeigen, dass ökonomische Themen das öffentliche Meinungsbild dominieren, hat im letzten Jahr Zuwanderung alle anderen Anliegen in den Schatten gestellt.

Die erste Grafik zeigt den Anteil der Befragten in Österreich zwischen Ende 2003 und Ende 2015, der Zuwanderung als eines der beiden wichtigsten Themen genannt hat.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Wenig überraschend haben die Flüchtlingsbewegungen des Jahres 2015 dem Thema Zuwanderung enorme Wichtigkeit beschert – weit über dem Niveau, das für die jüngere Vergangenheit typisch war.

Aber auch die Einstellung zur Zuwanderung hat sich im vergangenen Jahr geändert. Die zweite Grafik zeigt, welcher Anteil der Befragten eine sehr oder eher positive (grün) beziehungsweise negative (rot) Haltung gegenüber Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern einnimmt. Zwischen November 2014 und November 2015 erhöht sich der Anteil jener, die eine sehr negative Haltung vertreten von 19 auf 36 Prozent, während statt 12 nur mehr 7 Prozent der Befragten eine sehr positive Einstellung formulieren.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Eine ähnliche Verschlechterung können wir in vielen Ländern Europas sehen. Wenn wir den Saldo aus positiven und negativen Nennungen pro Land nehmen und die Änderung zwischen den Umfragen im November 2014 und November 2015 betrachten, ergibt sich folgendes Bild:

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Grüne Pfeile zeigen eine Änderung in Richtung positiverer Haltung an, rosa Pfeile eine in Richtung negativerer. Je länger der Pfeil, desto stärker die Änderung.

Generell ist die Einstellung gegenüber Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten in vielen Staaten Osteuropas kritischer ist als in Westeuropa. Schweden ist ein absoluter Ausreißer – was auch eine Erklärung für die bis vor kurzem recht großzügige Asylpolitik dort liefert.

In den meisten Staaten der EU hat sich die Einstellung zur Zuwanderung aus dem Nicht-EU-Raum deutlich verschlechtert. Interessant ist jedoch, dass hier nicht immer ein Zusammenhang mit der direkten Betroffenheit durch die Flüchtlingsbewegungen besteht.

Während etwa Deutschland eines der wenigen Länder ist, wo die Stimmung etwas positiver geworden ist (allerdings sind hier die Ereignisse von Köln und ihre mediale Verarbeitung noch nicht berücksichtigt), ist das Meinungsklima in Polen, der Slowakei oder in Litauen deutlich skeptischer geworden, wiewohl diese Länder nur sehr geringe Zahlen an Asylanträgen aufweisen.

Die Flüchtlingskrise hat also zweierlei Konsequenzen. Zum einen verleiht sie dem Thema Zuwanderung bisher kaum gekannte Prominenz. Zum zweiten lässt sie vielerorts in der EU stärkere Skepsis gegenüber Zuwanderung zu Tage treten. Wichtig ist aber auch, dass diese größere Skepsis nicht unmittelbar mit der Zahl tatsächlich eintreffender beziehungsweise durchreisender Flüchtlinge korreliert. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 22.3.2016)

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