Grazer Jihadistenprozess: Abschiedsbrief an Schulfreundin vorgelesen

21. März 2016, 15:10
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Ömer G.: "Sag niemandem, wohin ich gehe und was ich tue"

Graz – Im Grazer Straflandesgericht ist am Montag der Prozess gegen zwei Brüder fortgesetzt worden. Der Ältere soll für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben. Auch der Jüngere soll seine Fahrt nach Syrien schon geplant gehabt haben. In einem Art Abschiedsbrief schrieb er an eine frühere Schulkollegin: "Sag niemandem, wohin ich gehe und was ich tue."

Sevket G. (23) hatte angegeben, er sei zwar in Syrien gewesen, habe aber nie für den IS gekämpft, sondern als Sanitäter für die gemäßigte Freie Syrische Armee (FSA) gearbeitet. Dass er nach seiner Rückkehr nach Wien seinen Bruder radikalisiert und ebenfalls für den IS angeworben habe, stellte er entschieden in Abrede. Ömer G. (17) war festgenommen worden, als er schon dabei war, in die Türkei zu fliegen. Er gab an, er habe dort drei Monate in eine Schule gehen wollen.

"Sie brauchen nicht so überrascht zu tun"

Am Montag wurde eine Zeugin befragt, der der 17-Jährige so etwas wie einen Abschiedsbrief geschrieben hatte. Die beiden waren befreundet gewesen, die junge Frau hatte den Brief allerdings nie ausgehändigt bekommen. Darin schrieb Ömer unter anderem: "Sag niemandem, wohin ich gehe und was ich tue". Das Mädchen gab an, sie habe keine Ahnung, warum er das geschrieben habe. Weiters schrieb der Angeklagte an die "leuchtende Rose des Islam" sie solle nicht traurig sein und wegen ihm nicht schwach werden, was sich auf ihren Glauben bezog. "Das ist ein Abschiedsbrief, weil er mit seinem Bruder nach Syrien gehen wollte", war der Richter überzeugt. "Wie bitte?", fragte die Zeugin. "Sie brauchen nicht so überrascht zu tun", ermahnte sie der Vorsitzende.

Weiters stand in dem Brief, das Mädchen solle sich mehr mit dem Glauben beschäftigen und ihren Account in einem sozialen Netzwerk deaktivieren. "Warum?", wollte der Richter wissen. "Ich habe mich zu viel damit beschäftigt, ich sollte nicht so viel dort herumhängen", erklärte die Zeugin. "Man könnte glauben, er möchte verschleiern, was er Ihnen geschrieben hat", vermutete der Richter. Die Zeugin erklärte weiter, sie habe sich nichts dabei gedacht, als Ömer mit einem T-Shirt mit IS-Emblem in der Schule erschien. "Hat da kein Lehrer etwas gesagt? Ich stelle mir vor, was passiert, wenn einer mit einem Hakenkreuz-Shirt dasitzt", warf der Staatsanwalt ein. "Ich weiß nicht mehr", so die Zeugin. "Das ist vollkommener Blödsinn. Alles, was Sie uns gesagt haben, war für nichts", fasste der Richter schließlich zusammen.

Mirsad O. unter den Zeugen

Unter den Zeugen, die am Montag im Jihadisten-Prozess befragt worden sind, war auch Mirsad O., gegen den ebenfalls ein Verfahren in Graz läuft. Der ältere der beiden Angeklagten, Sevket G., soll Reden des Predigers gehört haben. Dieser hat außerdem am Telefon über die Rekrutierung des 23-Jährigen gesprochen, was er auch bestätigte.

Mirsad O. soll durch seine Reden in verschiedenen Moscheen in Graz und in Wien mehrere junge Männer radikalisiert und in der Folge zum Kampf für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gebracht haben, so die Anklage. Sein Prozess wird am 18. April fortgesetzt, diesmal war er als Zeuge da. "Ich werde keine Aussage machen", erklärte er gleich zu Beginn. Der Richter belehrte ihn, dass er sich bei Themen, über die er bereits bei der Polizei gesprochen habe, nicht entschlagen könne.

Vorgehalten wurde ihm ein Telefongespräch mit einem Bekannten, in dem sich dieser beklagte, es habe Probleme in der Moschee gegeben. Türkische Eltern hätten sich beschwert, "dass wir ihren Sohn radikalisiert haben." Gemeint war Sevket G., der tatsächlich in Syrien war und für den IS gekämpft haben soll, bis er schwere Oberschenkelverletzungen davontrug und zurückkehren musste. Mirsad O. bestätigte das Gespräch und erklärte auch, dass er Sevket G. gesehen habe, weitere Angaben machte er aber nicht.

Der Prozess wird morgen, Dienstag, um 9 Uhr fortgesetzt. Ein Urteil ist für Gründonnerstag geplant. (APA, 21.3.2016)

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