"Verklärte Nacht": Im Theater der Fortpflanzung

21. März 2016, 07:00
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Anne Teresa De Keersmaeker beim Osterfestival Tirol

Innsbruck – Über die Liebe ist so viel geschrieben, komponiert, gefilmt et cetera worden, dass sie nun wie eine Zwiebel wirkt. Unter zahllosen Schalen, um mit Peer Gynt zu sprechen, "Schicht um Schicht", nur weitere Häute, "da schau' mir einer". Gynts Fazit: "Die Natur ist witzig!" Gut, Henrik Ibsens literarische Figur von 1967 ist auf der Suche nach ihres Wesens Kern. Aber dessen Abwesenheit gilt offenbar auch für Wortblasen wie jene der Liebe.

Über die tränentreibende Liebes-Zwiebel hat sich die Belgierin Anne Teresa De Keersmaeker, eine der bedeutendsten Choreografinnen, hergemacht: mit ihrem Trio Verklärte Nacht, das gerade beim Osterfestival in der Innsbrucker Dogana zu sehen war und im Sommer zu Impulstanz nach Wien reist. Das Stück beruht auf einem Gedicht von Richard Dehmel aus dem Jahr 1896 und der daran orientierten Musik Verklärte Nacht (1899) des damals noch spätromantisch gewesenen Arnold Schönberg.

Klischee ohne Schuhe

Bei Dehmel gehen ein Mann und eine Frau "durch kahlen, kalten Hain". Sagt "die Stimme eines Weibes" klamm: "Ich trag ein Kind, und nit von Dir." Bei De Keersmaeker sind alle drei Beteiligten dieser Ménage auf der Bühne. Als Dehmel'sches "Weib" tanzte exzellent und ziemlich rasant Cynthia Loemij – als kurzfristiger Ersatz für die zurzeit verletzte Samantha van Wissen -, die beiden Männerpartien sind mit Bostjan Antoncic und Nordine Benchorf besetzt.

Die Frau trägt klischeeecht ein rosa Kleidchen, die Herren haben keine Schuhe, dafür aber – auch Klischee – Anzüge an. Der Samenspender Benchorf taucht nur kurz zu Beginn auf, den gefühlsechten Rest bestreiten Loemij und Antoncic, wobei den inneren Bewegungen der Frau im Verhältnis zum emotionalen Konflikt ihres dann richtigen Partners eindeutig mehr Platz eingeräumt wird.

Dehmels romantische Sprache wirkt heute skurril, aber Schönbergs Musik lässt spüren, dass die Romantik mit ihrer Darstellung großer Gefühle der heutigen Emotionspragmatik etwas Hinreißendes entgegensetzt. Das arbeitet De Keersmaeker glänzend heraus: die Dynamik innerer Bewegtheit. In ihren Zitaten aus dem Theater der Fortpflanzung mit seinen Klischees bestätigt sie Ibsen. Die "Natur" ist witzig. (Helmut Ploebst, 21.3.2016)

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