"Iwanow": Schwarze Galle für den Gurkencocktail

20. März 2016, 18:20
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Viel zu viele Ausrufezeichen: Viktor Bodó inszeniert Tschechow im Wiener Volkstheater

Wien – Iwanow, Titelheld von Anton Tschechows zweitem Stück (entstanden 1887), hat es verlernt, mit sich und der Welt im Einklang zu stehen. Sein Gemüt hat sich aus Gründen, die kein Psychiater ad hoc zu nennen wüsste, verdunkelt. Insofern wäre er gut beraten, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, irgendwohin, wo vielleicht keine Stachelbeerkonfitüre zum Tee gereicht wird. Leider Gottes muss er sich aber seinen Mitmenschen widmen. Iwanow ist nämlich "ständiges Mitglied der Behörde für Bauernangelegenheiten". Und an dem Beiwort "ständig" hängt hier, im Wiener Volkstheater, Iwanows ganze Misere.

Weil man jedoch Tschechow – und auch Iwanow – nicht über den Weg traut, hat man Letzteren jetzt kurzerhand in ein frühsowjetisches Arbeiterheim gesteckt. In dieser Verwahranstalt hängt das Glas zerbrochen in den Schiebetüren (Ausstattung: Lörinc Boros). Hohe Klaviertöne besudeln das Nervenkostüm unseres Helden (Jan Thümer). Einen schlechten Tag beginnt Iwanow stilecht in Slip und Feinrippleibchen. Er zieht Papier in die alte Schreibmaschine und klappert auf den Knien. Kaum glaublich, dass unter solchen psychosozialen Stressbedingungen große Prosa entsteht.

Damit ist beinah schon alles gesagt über die rätselhafte Passivität eines in Wahrheit lieben, ehrenwerten Menschen, der sich selbst das Leben schwermacht, weil es ihm von den anderen versauert wird.

Klein gedacht

In Victor Bodós recht klein gedachter Inszenierung werden die Figuren aneinander zu Peinigern. Kaum sucht der eigentlich noch recht jugendliche Iwanow Zuflucht bei der Buchlektüre, platzt der Bär von Gutsverwalter (Thomas Frank) bei der Tür herein. Piff-paff-puff, hänselt dieser den Nervenleidenden mit einer Flinte. Und kommt nicht zum Schuss, weil er wie ein Stück Großwild vom Sessel fällt. Eine größere Nervensäge ist eigentlich nur noch die eigene Frau (Stefanie Reinsperger). Die quält den wehleidigen Göttergatten mit ihrer Schwindsucht im Endstadium. Dabei wäre sie kraft ihres Gemüts eigentlich überschäumend lebenslustig.

Wohin man blickt, nur ausrangierter Hausrat. Und mittendrin die Gutsbesitzer mit ihren Kostgängern; dazu ein Kurpfuscher im Pullunder (Gábor Biedermann), der Iwanows Frau das Eisbad richtet und dem pflichtvergessenen Gemahl die Hölle heißmacht. An diesem Klemmer ist ein Kanzelprediger verlorengegangen.

Flug der Prothese

Alle diese biederen, kleinen Leute stecken in alter Wäsche, sitzen jedoch in noch älteren Ansichten fest. Nachbar Lebedew (Günter Franzmeier) ist nicht so sehr mit seiner Schnapsgier als mit einer geizigen Frau geschlagen (Steffi Krautz). Einer klumpfüßigen Alten (Martina Spitzer) fällt unaufhörlich die Zahnprothese aus dem Mund. Inszenieren bedeutet für Bodó: Was ohnehin geschrieben steht, kann man ohne Not auch noch dreimal dick unterstreichen. Iwanow besäße gute Voraussetzungen, vom Zufluss der schwarzen Galle zu genesen. Bei den törichten Nachbarsleuten wartet ein allerliebstes Mädchen (Nadine Quittner) auf eine günstige Gelegenheit, sich an dem Witwer in spe als Pflegerin zu bewähren. Den beiden Liebenden wird sogar eine hastige Umarmung auf dem Parkettboden gewährt.

Es nützt alles nichts. Bódo nimmt lieber den postsowjetischen Plunder auf der Bühne lautstark in Betrieb. Ein Russencocktail mit Salzgurken wird in der Wäschenschleuder zusammengeschüttelt. Der Zeiger einer Uhr läuft Amok. Eine Fliege landet im Teeglas einer überständigen Matrone (Claudia Sabitzer als Babakina mit einer berührenden Figurenskizze). Und Iwanow? Wirkt wie kopfwehkrank und kommt mit dem übrigen Ensemble nicht ins Spielen. Konsequenterweise hat man den Schluss mit Iwanows Suizid auch noch verpfuscht. (Ronald Pohl, 20.3.2016)

  • Im Psychosozialstress: Iwanow (Jan Thümer, li.) mit Arzt (Gábor Biedermann).
    foto: neubauer/apa

    Im Psychosozialstress: Iwanow (Jan Thümer, li.) mit Arzt (Gábor Biedermann).

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